Der Dottore zu Orchestern, Kaffee und mehr

Ciao Direttore

Vielleicht sollte ich zur Orchester-Frage keinen Senf dazu geben. Da bist du versierter. Intuitiv und von meiner Erfahrung würde ich aber sehr wohl behaupten, dass es „zweitrangige“ Orchester gibt. Das dürfte von der Einzelqualität der Musiker im Orchester, von der Chemie („Teamspirit?“, „Diversität?“) zwischen den Einzelmusikern, von der musikalischen, führungsmässigen und menschlichen Qualität des Dirigenten, der Chemie zwischen Orchester und Dirigent, die Ambition und die Ziele des Orchesters (und wieviel Fleiss und Mittel man bereit ist, da reinzustecken!) und von der  Fähigkeit sich mit anderen Spitzenorchestern zu messen, zu vergleichen und die richtigen Schlüssen daraus zu ziehen, abhängen. Herr Järvi ist neu in Zürich. Wenn ich das richtig verstanden habe, füllt er weiterhin parallel mehrere Dirigentenposten (Tokyo, Bremen, ein Sommerfestival in Lettland, etc) aus. Von einem kürzlich ausgestrahlten Portrait ist mir die Bemerkung in Erinnerung geblieben, dass er beim NHK eine sehr starke Ambition und Arbeitsbereitschaft gespürt habe, die beispielsweise für einen Mahler-Zyklus unumgänglich seien. Das hätte er bei  anderen Orchestern nicht gespürt. Also: Was oder wie viel lässt sich machen oder zumuten! Das erinnerte mich an einer Zeit in meiner früheren Firma, als wir beim Anpacken einer nächsten Phase potentielle VR/Business Angels sondiert haben. Einer davon, in meinen Augen ein sehr guter, machte sich auf geschickte Weise einen Eindruck über uns, vom Zustand der Firma und von unseren Ambitionen. Dann teilt er er uns schlussendlich auf sehr menschliche Art aber erschütternd deutlich mit, dass wir nicht bereit seien, er keinen Sinn in einer Zusammenarbeit mit uns sehe und er daher jemanden geeigneteren empfehlen könne. Reden und Tun: vor allem, was ist man wirklich bereit zu tun und passt das noch zu dem, was man überhaupt drauf hat?!

I scream, you scream, we all scream for ice cream? Wahrscheinlich hängt es vom Repertoire und der subjektiven musikalischen Empfindsamkeit, ob man etwas als „screaming ladies oder men“ abtut. Als ich beim Kollegen für die „Lautsprecherevaluation“ war, jagte er kurz über eine Anlage etwas mit Thomas Quasthoff (womöglich falsch geschrieben): da blieb nur der Eindruck „stimmgewaltig“ (wertungsneutral)!

„Ich kann doch nur Klassisch!“ Als ob das wenig wäre! Als ob es in der Klassik keine (adaptierten) uralten Volkslieder gäbe. Vor lauter Bäume den Wald nicht mehr sehen? Oder was würde von den „Ten Lies“ hier zutreffen: vagueness, glittering generality, willful ignorance, lie by omission, confabulation, deceptive hyperbole, obfuscation, blatant lie, gaslighting, paltering?

Die investigativen Reporter der RAI haben sich dem Thema Kaffee erneut angenommen. Nachdem sie die meist schlechte Qualität (wegen zweifelhafter Bohnenqualität,  zu stark geröstet und daher oft verbrannt-ranzig, weil die Maschine nicht regelmässig geputzt und gewartet wird, etc) angeprangert hatten, ging es ihnen diesmal um (Schwer)Metall-Rückstände im Kaffee. Dafür wurden in ausgewählten Bars von Profimaschinen Proben vom durchgelaufenem Wasser (ohne Kaffee im Filter) und mit Kaffee genommen, dito bei Kapsel-Haushaltmaschinen, dito bei der guten alten Mocca (aus Alu und aus Inox). Die Ergebnisse waren interessant! Die Labors haben jeweils z.B. Barium, Eisen, Alu, Arsen, Mangan, Blei-Werte und mehr entdeckt. Immerhin wenigstens stark unter den zulässigen Grenzen (ERFSA). Unabhängig, ob traditionell oder bio. Illy hatte z.B. bei Standardprodukten eher tiefe Werte, der bio-organische „Spezial-Lavazza“ oder ein anderer „bio“ eher erhöhte. Die Vermutung lautet: die Stoffe kommen von der Quelle (vom Boden) in die Bohne. Anschliessend wird dann zusätzlich bei der Extraktion: z.B. bei der Mocca aus Alu wird bei der Brühung ordentlich Alu mit gebrüht (besser sei, eine aus guten Inox zu benützen). Daselbe bei Kapseln, wo unter Druck und Hitze zweifelhafte Substanzen entstünden. Nochmal: alles sei weit unter den erlaubten Grenzen. Das haben die Vertreter von Nespresso, Lavazza, Illy, etc sehr betont. Peinlich war der Sprecher von Lavazza, der nicht erklären konnte, wieso der teure Organische-Bio schlechtere Werte als der normale L. hatte! Hahahahah

Buona giornata, cari saluti

F.

Spannend, Dottore: Dafür kriegst du hier eine Foto deiner Lieblinge:

Lula und Paco, permanente Eskorte von Prediger Pablito, der die Foto geschossen hat.
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An den Dottore, zurückbuchstabierend

Ciao Dottore

Vielleicht würde ich von der „urban language“ doch besser die Finger lassen, denn „zweitrangige“ Orchester gibt es nicht, höchstens weniger konzentrierte, weil sie ein aufziehendes Gewitter irritiert, oder weil sie das Aufwärmen des immer gleichen langweilt, oder weil man die Probezeiten aus finanziellen Gründen limitiert.
Wie jeder, der da so boshaft gelacht hat, weiss: Es gibt auch keine „screaming Ladies“. In keinem Stimmregister! Mir ist es wegen meiner guten und ohne Formelhaftigkeit als Person und Sängerin hochverehrten Freundin Ornella Lapadula natürlich nicht recht, sowieso man meistens auf Kosten anderer lacht. Und doch steht die Ornella in direktem Bezug zur „screaming Lady“. Das begab sich so: Am Buffet anlässlich des Neunzigsten von Mutter Meteli entschuldigte sich der Onkel Ruedi, Vater der an diesem Blog mitbeteiligten Elsbeth, dass weder er noch sein Hörgerät den zeitweiligen Phonstärken eines Steinway’s oder der Stimme Ornella’s gewachsen seien. So dass dieses ausser Rand und Band gerate, der Tinnitus ist schmerzhaft, es töne für ihn mehr wie gellendes Schreien. Damit ich nicht böse sei, wenn er sich diskret von der Veranstaltung zurück ziehe. Eine ebenfalls in den Speisen herumstochernde Britin kommentierte seine wortreiche Entschuldigung mit der typischen Humor ihrer Landsleute: „in other words, he doesn’t like screaming ladies“. Ausser ihm, ebenfalls gegen die Neunzig schreitend, wollte eben niemand gehen, man zischte, er solle nicht so tun, während er jammerte, wenn er gewusst hätte, dass hier dieser Art gesungen werde, hätte er selbstverständlich abgesagt. Mein Neffe, damals noch ein kleiner Junge, fragte indessen die Ornella, ob es ihr gegebenenfalls möglich wäre, Gläser zu zersingen. Die kinderliebende Ornella meinte, dass ja, aber es werde sich vielleicht eine geeignetere Gelegenheit ergeben. Und weil ein Nachbar gerne „von Luzern gäge Wäggis zue“ und nicht nur so überkandideltes Zeug wie „caro bambino mio“ hören wollte, trat die gutmütige Ornella in den Wurlitzer-Modus und sang neben vielem anderen: „Keine Sau ruft mich an!“ Weil damals gerade die „Comedian Harmonists“ im Schwang waren. Im Witz weist die Ornella auch auf ihre Fähigkeiten als „Tenoreuse“ hin, Ausdruck den ich äusserst witzig finde, der aber sowohl auf ihre bescheidene Art als auch auf ihre unendlichen Möglichkeiten hinweist. Letzthin wollte ich sie necken, sie müsse dann in Kolumbien „Isoldes Liebestod“ singen. „Ja“ -antwortete sie im Ernst- „diesen Wagner sing ich dir!“ Und ich weiss, dass sie es tut, und nicht nur das. Also freue ich mich. Ob sie SSiangwong, der sie damals auf dem Höllenritt des Wunschkonzertes begleitete, auch gleich „mitbringen“ solle. Ich müsste dann tief in meinen Kochkenntnissen wühlen, unter anderem italienischen, was glaube beide schätzen. Auch italienischer Wein lässt sich beschaffen, natürlich kein „Lacrima Christi del Gesú“! Um so die Realität der „Ghirolami“-Panini wie vieles andere ins Land des Absurden zu veweisen. Man lacht mehrheitlich auf Kosten anderer, besser wäre es ob dem Absurden. Wie beispielsweise, dass sich der zierliche und neben der stattlichen Ornella verloren wirkende Ssiang Wong auf die Aufforderung hin, er solle ein Solo spielen, verzweifelt rief: „Ich kann doch nur Klassisch!“ Nachdem er sich im Wunschkonzert improvisierend derart achtbar geschlagen hatte, wurde ihm dieses Schwäche gerne nachgesehen. Er bot „Karnaval“ von Robert Schumann als Referenz an die in der Fastnachtszeit geborene Jubilarin. Der Legende nach warf meine Grossmutter das für die Herstellung von „Fasnachtsküchlein* benötigte Nudelholz in die Ecke, um zur Geburt ihres vierten Kindes zu schreiten.

Gänzlich unvorbereitet hat mich der Tod von Jessy Norman getroffen, mit Elvira, Clari und mehr haben wir ihrer lauschend gedacht. Was hätte sich mehr angeboten als besagter Liebestod, den die Norman beim letzten Konzert von von Karajan mit seinen „Berliner Philharmonikern“ in Salzburg sang. Es war längst öffentlich, dass die Liebe zu den „Berlinern“ wegen der Weigerung des Orchesters, eine Flötistin aufzunehmen, mehr als nur erkaltet war. Insofern war die Aufnahme des „Liebestods“ ins Programm eine Ansage. Im Ernst, Jessye Norman war der Star des Abends und tauchte über dem Orchester thronend dieses und Karajan in den Wohlklang ihrer gewaltigen Stimme. Der grosse Maestro schien gar mitzusingen. Das alles konnte dank kostensparender Co-Produktion des Österreichischen ORF mit „Universal“ am Fernsehen mitverfolgt werden. Auch, dass der Maestro mit einen theatralischen „es ist alles vorbei!“ vor laufender Kamera aus dem Salzburger Festspielhaus trat und seine französisch-stämmige Gattin Eliette dagegen rief: „No, no, chéri, nichts ist vorbei!“ Wobei er sich wohl auf die abgelaufene Zeit mit den Berlinern bezog und sie vermutlich auf eine weiterhin einträgliche Zukunft. Trotz dieser resignativen Aufwallung fuhr Karajan erstaunlich rüstig für Porsche einen Porsche mit der Kamera an Bord in Richtung seiner Residenz in Anif.

Aber ich will nicht abschweifen, ich war zu Tränen gerührt, als mir Clarivel ein Video der offenbar durch einen Unfall gelähmten Jessye Norman zeigte, in dem diese strahlend und mit immer noch grosser Stimme sang. Sie verliess die Stätte strahlend winkend in einem elektrischen Rollstuhl.

Ich und meine Zuhörerschaft wurden durch aus der Küche stammende, unheimlich schreckliche, Geräusche aus der Andacht gerissen. Es hörte sich an wie das prustende Röhren eines bei der Brunst geschlagenen Hirsches, der sein Inneres nach aussen kehrt. Ich eilte zur Durchreiche, um nach der Ursache dieser beunruhigenden Töne zu fahnden. Die Szenerie war gespenstisch beziehungsweise real-magisch, die Küche leer, und Negro Julio, der zuvor ein köstliches Menu gekocht hatte, verschwunden. Irgendwann trat er dann mit hervorgequollenen roten Augen aus dem Bad: Er habe sich verschluckt. Auf meinen Nachfragen winkte er ab, es sei alles ok. Ob Julio noch lebe, erkundigten sich meine Gäste teilnahmsvoll. Ich war froh, dies bestätigen zu können, geriet aber trotzdem wieder einmal in einen dieser paranoiden Zustände, in denen man der eigenen Wahrnehmung nicht traut. Aber mittlerweile verlasse ich mich auf die sich immer wieder bestätigende Regel, dass sich früher oder später fast alles aufklärt. Der auf Wunsch der Gäste reaktivierte Julio verwickelte sich in Fachsimpeleien mit dem Bruder der Clari, der in London als Koch amtet und zu Besuch weilt. Dies nicht ohne zeitweiliges Hüsteln. Ich vergass die Angelegenheit wieder, bis ich nächtens auf die Idee verfiel herauszufinden, wie hoch der Schwund der in der Küche verwahrten Spirituosen durch die Präsenz von Julio ausgefallen sein möge. Dabei fiel mir die lang vermisste Flasche mit von vor längerer Zeit angesetzem Quassia-Extrakt in die Hände. Diese wurde wahrscheinlich, ohne dass ich sie sinnvollerweise beschriftet hätte, als „Vodka“ in den Kasten geräumt. Ich verwende es als „Insekten-Abweiser“ und als Feuchthaltemittel in Hautcrèmen aller Arten. Man kann es auch einnehmen, aber es ist grauenhaft bitter. Und in Überdosen möglicherweise tödlich. Davon dürfte Julio offenbar einen grossen Zug zu sich genommen haben. Dem Vernehmen nach lebt er noch. Vielleicht war das gar besser als antabus…..

Um geschlechtsneutral zu bleiben: Wann wird in der „urban Language“ ein männlicher Klassik-Sänger zum „screamer“? Dank der künstlichen Intelligenz von YouTube, die ich sehr schätze, schlage ich folgendes Anschauungsmaterial vor:

„Au fond du temple“ ist ein Ohrwurm aus den „Perlenfischern“ (nicht Flüchtlingsfischern) von George Bizet. Die Interpretation dieser Ode an die Bi-Sexualität in Form eines Duetts für Tenor und Bariton kann der Interessierte anhand einer Unzahl von Aufnahmen vergleichen. Der Hörer darf dabei selber erfahren, dass beispielsweise der „blökende“ Tonfall von Andrea Bocelli unpassend unmusikalisch wirkt, und dass der mit (zu) schwerem Bass agierende Bryn Terfel die Situation nicht retten kann. Bei Jonas Kaufmann erfährt man, warum er ein grosser Künstler ist, ohne das uns das „Sony“ näher schildert. Leider hat er immer grosse Bass-Donnerer an seiner Seite. Der in Ehren gealterte Nicolai Gedda entgeht diesem Schicksal, weil ihm offenbar der Bariton Krister St. Hill abgeguckt hat, wie man Französisch singt. Schlussendlich versteht auch der Unbedarfte, dass die Krone wohl sowohl an den jungen wie den alten Alfredo Kraus geht, der zusammen mit Renato Bruson beweist, dass nicht alles „materialistisch“ ist. Und wenn sie auch gestorben sind, heute noch singen.

Gerne hätte ich dir noch ein „Föteli“ der vom Regen erstrahlten Orchideen beigelegt, aber irgendwie ist das von wegen künstlicher Intelligenz alles völlig durcheinander geraten. Alles entschwindet in Zeit und Raum computer-basierter Histörchen.

Liebe Grüsse

Markus

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An den Dottore

Ciao Dottore

Ob wohl die Frau Arendt auch schon über politische Korrektheit Bescheid wusste? Dass heute verlangt wird, dass Otello von einem Weissen oder zumindest weiss angemalten Schwarzen zu spielen oder zu singen wäre? Ich habe eine Idee, man könnte die Stadt Zürich wegen Herabsetzung und Gefährdung weiblicher Lehrlinge zu verklagen, und zwar auf Schadenersatz, und dass dieser von den Urhebern übernommen werden muss. Es geht um die „lernende Kauffrau“. Es ist doch unzweifelhaft so, dass viele bildungsferne Jugendliche, ob männlich, weiblich, trans oder anders, die Herleitung der „Kauffrau“ vom Neutrum „Kaufmann“ nicht nachvollziehen können und glauben, es handle sich um eine lernende „Käufliche“. Was wiederum eher ein „call girl“ wäre, und mit dem „Call-center“ nichts zu tun hat. Vom ersten Musterprozess erwarte ich meine Tantiemen.

Weisst du Dottore, wenn die Leute am Boden liegen, trampelt man nicht mehr auf ihnen herum. Ansonsten man eben böse wäre. Anders, wenn sie auf ihren ausgetretenen Pfaden weiter wandeln. Wie etwa die zur Wiederwahl antretende Thurgauische Nationalrätin Edith Graf-Litscher. Es wäre ihr ja an sich unbenommen, die öffentlich einsehbare Liste jener Thurgauer Einwohner, die Ihre Krankenkassenprämien nicht zahlen wollen oder können, als menschenrechtswidrig anzuprangern. Da sie aber am immer teurer Werden der Gesundheitskosten erwiesenermassen tätig mitwirkt, ist ihre Intervention unredlich. Ebenso geschmacklos schien mir ihr Auftritt als Vorsitzende der „Verkehrskommission“. Dort prangerte sie hohe Löhne an, welche letzten Endes nicht mehr nur ihr längstens bekannt sind. Ein tragischer Unfall bei den SBB darf ebenso wenig Wahlkampfthema sein. Dass ihr der Meyer und der Sommaruga, die angeblich über seinen Abgang informiert war, schon anderntags ein „Leckt’s mich am A…“ ins Gesicht knallte, hat mich fast schon unheimlich gefreut. Weil ich weiss, wie man sich fühlt. Mir hat man von Amtes wegen (auf unendlich bescheidenerem Niveau) jahrelang einen „zu hohen Lohn“ vorgeworfen. Point final, c’ist tout! In Tat und Wahrheit ist Graf-Litscher ja nicht mein Problem. Trotzdem, Dottore, es ist mir klar, dass ich sie jetzt um eine Stellungnahme bitten muss. Wir leben (wieder einmal) in erregenden Zeiten, der Trump lügt twitternd unfroh vor sich hin, aber sie hat sicher Lernpotential.

Du inspirierst mich einfach: Melville oder „Billy Budd“. In diesem Buch, eine „upspaced“ Irische Englisch-Lehrerin meinerseits stand auf das Zeug. Dabei ist es wie „Paradise lost“ sowohl vom Inhalt als von der Sprache her zum weit davonrennen schwierig. Wie auch immer, vom „Billy Budd“ gibt es von Benjamin Britten eine Oper. Das Libretto (oder halt eben Drehbuch) für so etwas ist entsprechend ein noch verflucht schwierigeres Unterfangen, darüber haben wir uns einmal unterhalten. Gut gemacht ist der Gewinn für den informierten Zuhörer aber beträchtlich, er versteht dann plötzlich manches, in diesem Fall vielleicht sogar vom Segeln! Der „Billy Budd“ ist ein „wunderbar gebauter blauäugiger (!)“ Matrose von grossem Edelmut, der hierob ein tragisches Ende nimmt. Der Bösewicht in unserer Welt von „gut und böse“ ist eben dieser „Claggart“. Dessen Verkörperung als „Influencer“ in Youtube bietet sich nicht an. Immerhin will ich aber einen Kolumbianischen „Billy Budd“ suchen oder wenigsten einen, der dies dank natürlichem Collagen und ohne schädliche Hormone werden könnte. Wir würden dann den rasierten Körper des schwarzhaarig Blauäugigen mit Mandelöl speckig glänzend salben und ihn als Naturprodukt Youtoublieren. Sozusagen als Ergebnis der Bemühungen um die Wiederaufforstung, für die sich die nachstehenden Früchte einer -vorteilhafterweise- kargen Erde bestens eignen und die notwendigen Nährstoffe mitbringen. Kaum jemand kennt sie. Es lassen sich köstliche Fritten aus ihnen herstellen.

Mit den oben gezeigten Herren fuhr ich kürzlich nach Cali (Pablo hat keinen Führerschein). Während der Fahrt rezitierte Julio lustvoll das ihm immer unvergesslich bleibende Arsenal meiner ans Spanisch adaptierten deutschen Beschimpfungen. Der edle Prediger blickte irritiert und ich beschämt. Meine „urban language“ aus dem Mund eines Dritten klingt im Beisein des tatsächlich noblen Pablito mehr als peinlich.

E-Mail an Don Roger als Beitrag für ein Brainstorming zu deiner Kenntnisnahme  (Ausflug nach Italien).

….es handelt sich wie erwähnt um ein Brainstorming: Dazu sind folgende Informationen notwendig: Verona ist eine wunderschöne Stadt, aber wegen Sommerferien finden die Opernaufführungen als grösste Massenveranstaltung dieser Art eben dann statt. Und weil das so ist, wird nach Kräften abgezockt. Das Orchester in der Arena ist adhoc und zweitrangig. Trotzdem schätzen es die Musiker wenig, wenn es ihnen auf ihre Instrumente regnet. Im Unterschied dazu beispielsweise der damalige „Don Pasquale“ in der Ungarischen Staatsoper, wo auch zu unseren Zeiten das Ungarische Staatsorchester Klasse-Sänger begleitete. Du warst dabei und musstest die Anfahrt übernehmen, die mich mit grossem Schreck erfüllte, weil mich der Kulturschock schockte. Und ich immer ängstlich mich an Csillas Seite hielt, um nicht verloren zu gehen. Es war auch für dich stressig und dann ist es etwas schwerer, die Vorstellung wirklich zu geniessen. Was jetzt der Dottore meint: Wir fahren als Schicksalsgemeinschaft beispielsweise im Spätherbst bis nach Bari, wo es ein wunderschönes intimes Opernhaus mit ausgezeichnetem Orchester gibt. Die Fahrt wird -dank so und dank so- bei angenehmen Temperaturen stattfinden. Übernachten da und dort. Was eben alles im Vornherein gebucht worden wäre. Wenn mich dann eine Inkontinenz plagt, muss ich halt schauen, wenn es mir kötzelig wird ebenfalls. Aber ansonsten alles Elite-mässig mit mehr als angemessenen Preisen. In Bari oder Umgebung hätten wir dann die Villa, wo flamboyante junge Italiener mit „pompous asses“ der Frau Horli Nachhilfe mit iPhone geben, während ich mich im Swimmingpool aale und dort die köstlichen Schaumweine koste, die der Dottore vorgängig beschafft und die Frau Horli bezahlt hat. Am Abend fahren wir beispielsweise -jetzt können wir können noch nicht wissen, was wann gespielt wird, zur Oper. Weil nur Frau Horli, deine Frau Csilla und Rös eine Karte reserviert haben, hält Frau Horli nach jemandem Ausschau, der Karten feilhält (Handel nicht verkaufter Eintritte). Dann sitzen wir dann halt, wo wir können und halten der Frau Platzanweiser die Eintrittskarte unter die Nase, damit sie uns zu den jeweiligen Plätzen führt. Nach der Vorstellung trifft man sich beim Ausgang, wo du dank deinem jugendlichen Impetus bereits hupend vorfährst. Wir steigen wie der Emir mit Harem in den hochbockigen Toyota Landcruiser Stretch, der in Italien so wenig wie dein Hupen Aufsehen erregt, und wenn, höchstens bewunderndes. In der Zwischenzeit hält Helensche in der Küche unserer Villa eine Art Wunderpanini auf Antiadherent-Papier warm, die sie mit einer „lernenden“ Screaming-Lady (Sopranistin) gebacken hat. Diese hatte sie am Vortag im chicen Boulevard-Café kennengelernt. Sie tranken zufälligerweise dieselbe Art Cappuccino, den sich die Studentin trotz grosser Armut leistete. Die Helene kramt wie immer in solchen Situationen nach Geld, um sich der Dame zu entledigen. Diese findet das demütigend und bietet an, der Helen anderntags zu zeigen, wie man Panini-Ghirolami bäckt. Weil die Studentin versichert, Helensche könne so Don Fabio überraschen, willigt diese gutmütig ein. Wie aber Don Fabio von einer Ausstellung zurückkehrt, die nicht war, wie sie hätte gewesen sein sollen, ist dieser gehässig: warum es Panini-Ghirolami und nicht wie abgemacht Panzerotti grattugiati gebe. Weil ihr dieser Totsch dies so aufgeschnorrt habe -die schweissüberströmte Helene packt absichtsvoll eine teure Rotweinflasche „Lacrima Christi del Gesú“ die der Dottore für einen andern speziellen Anlass vorgesehen hatte. Unter Tränen eilt sie mit dieser in den Park vor der Villa, wo sie trotzig auf einer Schaukel wippt und an dem ihren Glase nippt. Frau Horli kommentiert derweil, Panini Ghirolami würden ihr sowieso die ganze Nacht auf dem Magen gelegen haben. „Gib mir einen Fernet!“ sagt sie zur eingeschnappten Nonna, die die Panzerotti grattugiati zubereitet hat. Deren Gesicht hellt sich wieder auf, weil Frau Horli ihr in Italienisch mitteilt, dass sie auch für Panzerotti grattugiati schwärmt, wenn diese wieder aufgewärmt. Auch Csilla kommentiert indessen der „Screaming Lady“, dass sie Panzerotti Ghirolami schon das ganze Leben gern gegessen hätte und schiebt sich ein Pannini Ghirolami in den Mund. Die Nonna zuckt mit Schultern und schlaft davon, während die „Sreaming Lady“ Frau Csilla aufmunternd zunickt. Csilla verlangt unentschlossen ein Glas und schnappt sich ein weiteres Panini Ghirolami und begibt sich zu Helene, die weiterhin vergrämt auf der Schaukel wippt und nippt. Frau Csilla bittet um ein Glas „Lagrima Christi del Gesú“, welches ihr Helene freimütig einschenkt. Fein seien sie gewesen, die Panzerotti Ghirolami, sagt Frau Csilla liebevoll. Helene, die auf der Schaukel wippt und nippt, überhört das grosszügig. „Wenn du wieder hineingehst, kannst du dem Andern (was der Don Fabio ist) sagen, dass ich auf der Schaukel schlafe. „Ja klar“ sagt Frau Csilla weiterhin sehr höflich „in dieser lauen Nacht ist das doch schön!“.  Roger (du) frägst Rös, ob sie auch ein Panini Ghirolami probieren wolle. Diese erwidert, ihr habe das Wobbel-Vibrato des Tenors derart auf die Nerven gegeben, dass es ihr den ganzen Abend versiecht habe. Ausserdem würden in der Migros Altstädten Panini Ghirolami feilgeboten, aus denen immer Fett austrete, so dass sie schon beim Vorbeigehen manchmal fast kotzen müsse. Daher sei es ihr nicht möglich, Panini Ghirolami zu sich zu nehmen. Sie nehme ein Glas Wasser, weil die Panzerotti stragiatelle jetzt ja weggeräumt seien. Du (Roger) ziehst dein Panini Ghirolami angewidert aus dem Mund. Der Dottore kramt derweil mürrisch im Kühlschrank und findet Rohschinken und fein stinkenden Käse namens bruscatore. Dir wird vom Geruch dieses bruscatore leicht übel. Der Dottore fördert auch noch Brot ans Tageslicht, was er für mich zu einem netten Plättli drapiert. Er trägt es in den Salon, wo ich ein Histörchen in den Laptop tippe. Du hattest den ganzen Tag versucht, meinen Lap an das nicht funktionierende Internet anzuschliessen. Unterdessen findet der Dottore zufällig einen warmen Jesi, und einen eisgekühlten roten Gesi. Er verabschiedet sich grusslos. Wir betrinken uns.

Das war’s Dottore, ich mag dich trotzdem!

LG Markus

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Des Dottores Sicht auf das Böse

Ciao Direttore!

„Über das Böse“ ist auch der Titel eines Buchs von Hannah Arendt mit dem Zusatz „Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik“ aus ihrem Nachlass. Beim Durchblättern stach mir folgende Passage ins Auge: „Wir könnten ein bisschen besser dran sein, wenn wir uns erlaubten, die Literatur heranzuziehen, also Shakespeare, Melville oder Dostojevski, bei denen wir die grössten Schurken finden. Bei den grössten Schurken gibt es in den Tiefen immer Verzweiflung und den Neid, der zur Verzweiflung gehört. …Schon immer gab es um den wirklichen Übeltäter so etwas wie eine Aura von Vornehmheit, allerdings selbstverständlich nicht bei den kleinen Halunken, die lügen und beim Spiel betrügen. Jago und Claggart handeln aus Neid auf diejenigen, von denen sie wissen, dass sie besser sind als sie selbst; beneidet wird die schlichte, gottgegebene Vornehmheit des Mohren (Othello) oder die sogar noch schlichtere Reinheit und Unschuld eines Unterdeck-Matrosen, demgegenüber Claggart ganz klar gesellschaftlich und beruflich besser darsteht. Nach Nietzsche respektiert der Mann, der sich selbst verachtet, zumindest denjenigen in ihm, der verachtet! Doch das wirklich Böse ist das, was bei uns sprachloses Entsetzen verursacht, wenn wir nichts anderes mehr sagen können als: Dies hätte nie geschehen dürfen.“

Ein Paukenschlag? Frau Arendt hat die Vorlesungen 1965 in New York gehalten, also lange vor Eintritt des heute allgegenwärtigen digitalen Zeitalters. Nach der Lektüre von „The game unplugged“ (Rivetti /Iannizzotto, 2019) scheinen aus deinen Zeilen die dort beschriebenen „Trends“  hervortreten. Es gebe beispielsweise eine „Retromanie“ (Wahn, die Vergangenheit zu verklären) und ein „Mal d’archivio“ (Archivierungsproblem) festzustellen. Das Internet vergisst nichts, wie es etwa der ansonsten politisch gar so korrekte Premier Trudeau Kanadas mit einem als „rassistisch“ empfundenen Foto seines Auftritts als Mohr aus dem Jahr 2001 erfahren musste. Es gibt die Epoche der Zeit vor der Cloud und jetzt die mit Cloud. Wie schnell die Daten in der Cloud die zuvor über Jahrtausende angefallenen Daten (ohne Cloud) um ein Vielfaches übersteigen! Wie immer mehr „Erlebnisse“ in Statistiken (oder Daten) überführt werden: persönliche Profile, Schrittzähler, Videogames-Spiellevels (skills), etc. Daher bedroht der der Kombinations- Effekt aus Retromanie (kulturelles Ebene), das Wuchern der Archive (technologische Ebene) und der Plattformkapitalismus (Google, Amazon, etc, auf wirtschaftlicher Ebene) die Idee einer geteilten Realität (gemeinsame Wahrnehmung) und die öffentliche Diskussion darüber. Wer sich nur innerhalb der eigenen „Blase“ informiert, weiss nicht, was sein Gegenüber liest und schaut, und weil unsere Wahrnehmung aus Profilen erzeugt wird, teilen wir mit niemandem eine Realität. Wovon und über was unterhalten wir uns dann? Reales und digitales Leben verschmelzen (wird uns suggeriert!). Verlaufen die Geschehnisse hier als auch dort, in einem einzigen Raum? Werden wir Amphibien zwischen zwei Welten, die verbunden, gleich(wertig) und doch so unterschiedlich sind?    

Wenn durch das digitale Archiv jedwelcher Stil immer verfügbar ist, wie wähle ich dann meinen eigenen, ohne von der Auswahl erdrückt zu werden? Wenn der soziale Druck, einzigartig sein zu müssen („sich selbst sein“) steigt , steigen via enormer, von den sozialen Netzwerken vorgelegten Identitäts-Archive, gleichzeitig „die Leben der Anderen“ vor die Augen. Ein Ausweg kann dann nur noch eine Explosion oder das Grollen aller gegen alle sein. So läuft das eben heute, in dieser Welt bewegt sich Trump und gar nichts anderes macht er! Für ihn ist seine Filter-Blase Realität, alles andere ein Fake. Damit zurück zum Start: Ist es „über das Böse“ oder eben eine mit dem digitalen Zeitalter (bedenkliche) verbundene Erscheinung?   

Liegt das tatsächlich an Mangel von Bildung und Kultur? Konkret: welche Bildung und welche Kultur meinst du? Und wie wäre dem zu begegnen? Sowohl Bildung, Kultur, Natur oder biodynamische Landwirtschaft erfordern Zeit, Erfahrungen und einen Lernpfad mit guten Lehrern bzw. Lehrmitteln. Das geht nicht „husch husch“ und schon gar nicht auf einem vergifteten Boden. Und doch ist die möglichst mühelose Abkürzung via Copy & Paste, mittels erstbestem Eintrag auf eine Suchanfrage oder einem maschinell übersetzten Text sooo gefragt. Finessen um das Wissen (oder gar das Wissen selber) gehen verloren: ich frage mich gerade, welche Übersetzung sich für „Surici fritti“ in andere Sprachen anbietet. Wohl keine brauchbare. Viel klüger wäre es, von einem (fachkundigen) Menschen eine Erklärung zu erbitten! Wenn nur das Auge (also der Sehsinn) im Vordergrund steht und die restlichen Sinne verkümmern, dann werden Pflotschtomaten und dergleichen zur akzeptierten Norm: weil es kaum noch einen Menschen geben wird, der mit allen Sinnen eine gute Tomate zu schätzen gelernt hat. 

„Letzlich zeigte das Büchlein, dass alles Übel entstand, weil Menschen das Essen nicht geniessen konnten“ (Jergovic). Wird es bald überhaupt nur noch Nichtgerner/innen geben oder wird sich das von alleine erledigen, weil alles nach gar nichts mehr schmecken und nur noch danach aussehen wird? „Du verbringst einen guten Teil des Tages einem Robot zu sagen, du seist kein Robot. Denke zwei Minuten darüber nach und sag mir, du hättest nicht Lust über den Ozean zu laufen.“ (J. Mulaney).

Ich vermute, dass Don J.P. die Grüsse aus Reims passend zum Geburtstag geschickt hat. Das ist für mich weder eine Bosheit noch eine Demütigung. Vielmehr eine Aufforderung an dich, mal wieder in Europa die Füsse zu bewegen. Natürlich – sofern erwünscht – mit fachkundiger Führung und Gesellschaft. Don J.P. musste schliesslich dafür auch nach Reims rösseln. Es handelt sich um keine Demütigung, als vielmehr um eine Unverfügbarkeit (H. Rosa). Manches gibt es nur an bestimmten Orten und selbst dann auch nicht immer! Aber es gibt Alternativen, so wie du das schilderst. Möglicherweise nicht ganz das Gleiche, aber immerhin. Wichtig ist, sich die Neugier zu erhalten und da wird man bei einem Land wie Kolumbien auf vielen Domänen immer fündig, sofern man sich die Mühe macht. Man lernt nie aus. Die umgekehrten Unverfügbarkeiten (z.B. bei den meisten tropischen Früchten) haben wir ja hier auch.    

Sich selber böse zu finden, weil man die Dinge so benennt wie sie eben sind, finde ich erstmal eine merkwürdige Formulierung. Sollte nicht so sein. Ok, man zweifelt vielleicht hinterher, ob man Ton und Inhalt getroffen hat. Hart auf hart ist das gern nicht der Fall. Aber sich selber ex ante böse zu finden? Vielmehr sind es die Empfänger der Botschaft, die diese aber nicht (so) hören wollten oder gar dadurch verstört sind, die einem das zu verstehen geben. Sofern man es denn selber hören und annehmen möchte! Offenbar fördert die „Häkchen-Like-Kultur“ eher eine Schneeflockengeneration als eine Streitkultur (auch ein belastetes Wort!). 

Über die deutsche Strommarktliberalisierung höre ich gemischtes. Onshore Windpärke haben es schwer (Rekursblockaden) und die Leistungseffizienz dieser Parks ist nicht wirklich berauschend. Der Atomenergie Run-Off gestaltet sich auf mehreren Ebenen schwierig: Interessenkonflikte wegen der Beteiligung der öffentlichen Hand an den grossen Stromversorgern, massiv unterschätzte Kosten des Rückbaus, fehlende Endlager für hochradioaktives Material, entstehende Energielücke, etc. Ich kann keine Glanzleistung gegenüber der Schweiz erkennen. Vielmehr scheinen die gleichen Berater im Hintergrund am Werk zu sein.

Nach den Lesen deines vorletzten Blogs fragte ich mich, ob du dem EWZ schon  Projektanträge für CO2 Kompensation in Kolumbien gemacht hast. Wären die nicht froh unter fachkundiger, schweizer Aufsicht eines hochgeschätzten ehemaligen Mitarbeiters ganze Gebiete zu renaturieren?

Die Tomate kam vor Jahrhunderten aus Südamerika nach Europa. Sie musste ja damals auch überleben! Wie kommt man an möglichst alte, heimische und resistente Sorten, die für deine Boden- und Klimaverhältnisse geeignet wären? Vielleicht wissen Indios rat oder die hiesige pro specie rara Stiftung (oder die Slow Food Stiftung). Ich meinte, die verkaufen via Webshop auch Samen. Ich kannte bis vor drei Jahren die Küssnachter Tomate nicht. Derzeit gibt es meines Erachtens fast nichts Besseres: je vertrakter die Form, desto besser der Geschmack! Leider ist sie eher schwer zu finden und nur über eine kurze Zeit verfügbar. Eine Welke kann es geben. Wichtig wäre zu verstehen, wie es dazu kommen konnte und welche Möglichkeiten dagegen bestehen. Und dann nicht immer grad mit Fungi- und Pestizide als erste Ratio hantieren.        

Das Tessiner Fernsehen berichtete über die drei Finalisten für den Kaktus für das Produkt mit dem bedenklichtsten CO2 Fussabdruck. Es handelte sich

1) um einen gekochten Schinken aus Schweinen aus Holland, in Italien verarbeitet, in Oesterreich zugeschnitten und in der Schweiz verkauft;

2) aus Schweizer Alpenluft in Druckluftdosen inkl. Mundstuckdispenser (9 Liter komprimiert à 20 Fr);

3) Voss Mineralwasser aus Norwegen (vermeintlich „artesianisch“).

Die Schweizer Alpenluft, den Schlagrahmdosen ähnlich verpack, wird den Touristen am Titlis direkt verkauft, oder als Gag direkt an smoggeplagte Städter in Bangkok, Peking oder New Delhi verschifft (Swiss Air Deluxe heisst die Firma). Die eingeatmete Luft soll gemäss Webseite sogar potenzsteigernd sein! Der Pneumologe des Spital in Bellinzona gibt aber zu Bedenken, dass ungefähr neun Liter Luft in einer Minute eingeatmet werden. Für körperliche Leistung braucht es mehr, sodass für einen Tag Kosten von rund Fr. 15’000 an Alpenluft entstehen (würden).

„Der Zwerg gab erst am Tor der Irrenanstalt auf, einem alten kaiserlich-königlichen Gebäude im Schatten vieler Eichen, gepflanzt vor langer Zeit im Glauben, auf ihnen könnten sich die Augen der Verrückten ausruhen, damit sich ihre Seelen beim Anblick des dichten grünen Laubs beruhigten, und inzwischen zu einem richtigen Urwald herangewachsen, so wild und ungebändigt wie die Irren. Wenn eine Krankheit ansteckend ist, dann der Verlust des Verstandes. Umsonst wird es in Büchern anders dargestellt. Der Wahnsinn überträgt sich durch die furchterregende Logik der Elementargewalten.“ Das Walnusshaus, Jergovic

Un caro saluto

F

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An den Dottore über das Böse

Ciao Dottore

Zuweilen, wenn Don J.P. zu Besuch weilte, pflegten wir uns mit dem Betrachten einer türkischen „Sultan“-Serie in Netflix zu ergötzen. Dem Vernehmen nach war die in ihrer Kitschigkeit amüsante Angelegenheit seinerzeit dem Herrn Erdogan zu explizit. Dass nämlich ein ganzer Harem immer nur danach trachtet, eine Nacht mit dem gütig-klugen Herrscher zu verbringen. Wobei dieser seine sexuellen Gelüste (in der TV-Serie!) mit epischem Süssholzraspeln verbrämt. Im Gegensatz zu uns fand Herr Erdogan diese Art pathetischer Schauspielkunst gar nicht lustig. Obwohl man ihnen eine Art von Kunstsinnigkeit nicht gänzlich absprechen kann, sind mir die zum Einschlafen hilfreichen Rosamunde-Pilcher-Elaborate etwas verleidet. Aber es gibt ja Netflix, wo es eine US-Amerikanische Serie namens „Once upon a time“ oder eben „Es war einmal…“ zu sehen gibt. Es geht um eine Märchenwelt mehrheitlich Grimm’scher Prägung, in die die Einwohner einer Gemeinde in „Maine“ stetig ein- und wieder zurück tauchen. Tragende Rollen sind die böse Königin, ein doof-getrostes Schneewittchen, ein schmalziger Prinz, Rumpelstilzchen (hier Rumpelstilzkin genannt), Feen, Drachen, Wölfe und eben: Viel Böses. Die Autoren der Serie vertiefen die oberflächliche Sicht der Grimm-Brüder auf die psychologische Seelenlage der bösen Königin. Sie ist nicht böse, weil sie ihre Schönheit durch Schneewittchen konkurriert sieht oder einfach die Schönste sein und bleiben will, nein, ihre Bösartigkeit entspringt erlittener Verletzungen in der Liebe. Im Gegensatz zu den Grimm’schen Märchen ist die Serie von daher auch nicht jugendfrei, sondern 13+. Das Böse manifestiert sich in einem donnernden Klamauk mit aus brennenden Händen fliegenden Molotowcocktails oder aus ihnen pulsierende elektrische Lichtbögen. Das alles ist grandios in Szene gesetzt, die Schauspielerinnen, insbesondere die böse Königin, sind immer spektakulär geschminkt und auch nach tagelangen Fussmärschen durch den Dschungel – oftmals in einem bodenlangen Ballkleid- immer makellos anzusehen. Das ganze ist nicht nur zum Todlachen, nein man lernt wie gesagt auch, woher das Böse wirklich kommt. Am überzeugendsten wie gesagt wirkt die böse Königin (Lana Parilla), die hier tatsächlich die Schönste ist und an der als Latina die künstlichen Wimpern nicht so angeklebt wirken.

Wie gesagt: eine Fernsehserie! Meiner unwesentlichen Ansicht nach wäre allerdings das Böse seitens der Gebrüder Grimm mit ihren Märchen ausreichend charakterisiert. Es erübrigt sich doch auch bei US-Präsident Trump zu grübeln, warum er sich als pathologischer Lügner so lange im Amt hält. Es ist, wie ich es zu dir von wegen des Wiederaufblühens des Kolumbianischen „Bösen“ bemerkt habe, im Grunde nur ein Mangel an Kultur und Bildung. Heisst, der primitive Baulöwe bleibt ein solcher, und wenn er noch so reich ist. Ein erspriessliches, befriedigendes oder gar herausragendes Leben bleibt mit Vulgarität aber unerreichbar, was die permanente Unruhe um die Person erklärt. Das „Böse“ schöpft seine Motivation aus falschem Ehrgeiz, falsch verstandenem Glück und Selbstüberschätzung. Die Schweizer Grossbanken machen ja gegenwärtig mit ihrem eigenartigen Führungspersonals ebenfalls weltweit über sich reden. Aber es hat dies schon immer gegeben, nur wurde weder jemand beschattet noch darüber gesprochen. Wie schon mit Helensche aufgewärmt: seinerzeit am Mythenquai war ich zur Feier einer Promotion in die Geschäftsleitung des Weltkonzerns geladen, die kurz vor ihrem Stattfinden abgesagt wurde. Was genau passiert war, kann man nur raten. Aber das abgesägte Opfer wurde bei der Konkurrenz nebenan entweder aus falschem Ehrgeiz oder verletztem Stolz gar straffällig. Bei den Streithähnen von der CS würde man vielleicht gerne psychologisierend auf ihre kulturelle Entwurzelung hinweisen. Aber Ambitionen Trumpscher Niedrigkeit genügen vollauf.

Einfach hat sie es nicht, die Frau Bundesrätin Sommaruga. A contre-coeur musste sie sich in weiteren Ankündigungen der für das Gemeinvolk seit einer Ewigkeit hängigen Strommarkt-Liberalisierung ergehen. Bei den Nachbarn ist das längstens erfolgreich eingeführt, die Deutschen zahlen für ihren liberalisierten Strom Höchstpreise. Und weil sie staatsgläubig viel Geld in die Windkraft pumpten, sind die Reserven an mit Windmühlen zu ruinierende Landschaften geschwunden. Die Schweizer haben für derlei Fortschritt laut EWZ-Pressesprecher Harry Graf kein Gemüt. Seine Welt bekam letzthin ohnehin gröbere Risse, wie er mit obrigkeitlicher Nachhilfe von der ökologischen Allgemein-Verdammung der Atom-Energie Abstand nehmen musste. Wenn der Stadtrat die Stadt-Zürcher Atomkraftwerk-Anteile doch nur schon verkauft hätte. Dann könnte man die Lücke diskret wieder zurück einkaufen und mit dem Label „weitere“ versehen. Die Welt wird tatsächlich immer komplizierter. Aber jetzt soll die Liberalisierung die Kreativität fördern. Etwa, indem sich Nachbarschaften energiemässig tätig unter die Arme greifen. Die „Branche“ reagiert auf die sich jetzt bietende „Planungssicherheit“ mit Erleichterung. Der Lobbyist derselben in Bundesbern und gleichzeitige Pressesprecher des stadteigenen Zürcher Elektrizitätswerk Harry Graf durfte also die Früchte seiner Arbeit ernten. Es ist wäre ja auch unfair, ihn für einen Wunderknaben zu halten. Wie sollte der Spagat möglich sein, mit einer aufgeblähten Marketing-Abteilung den Verkauf dessen zu fördern, was eigentlich eingespart werden müsste. Die Geister, die EWZ mit der Liberalisierung herbei redete, wird es nicht mehr los. Liberalisierung: nirgends. Im Grunde hat sie gar nie stattgefunden, weil es nämlich ausser „der Branche“ keine Sau interessiert. Obwohl man unter Aufbietung aller (holprigen) sprachlichen Kräfte sie herbeizureden trachtete. Zum Glück konnte sich EWZ auf die Promotion ständig wechselnder Strom-Labels verlegen. Dies immer mit dem Fokus, die Kundschaft zum Umstieg auf teurere, weil tatsächlich oder vermeintlich umweltfreundlichere, Stromprodukte zu motivieren. Bei soviel Agitation ist es nicht weiter verwunderlich, dass dem Unternehmen die Anteilsprozente der produzierten Stromarten untereinander geraten.

Weisst du was, Dottore? Manchmal findet man sich selber nur deshalb schon böse, weil man die Dinge so benennt, wie sie eben sind. Du fragst boshaft nach meinem Beitrag für eine bessere Welt? Also, ich hoffe fest auf einen kräftigenden Abschwung, der für mich Aufschwung bedeuten könnte, die Zeichen stehen ja gut. Und dann trage ich mit der Absicht, ein grosses Stück „verlorenes“ beziehungsweise abgeholztes Land zu ergattern und zu gucken, wie man das wieder bewaldet. Vielleicht bietet sich mir gar Zugriff auf einen schönen grossen „Blätz“ in der Nähe des Naturreservats Yotoco. Erfunden habe ich ja noch nichts, aber ich bin immer noch lernfähig. Meint, dass mir klar ist, dass ich das selber nicht erwerben soll, um keinen überhöhten Preis zu zahlen. Ursprünglich dachte ich an „John Wayne“ als Vermittler, dann schickte mir der aber eine Message in Form eines Gebets, welches ich für mein eigenes Glück weiterleiten hätte sollen, was wiederum gewisse Zweifel an seinem Gemütszustand in mir weckte. Bei Frömmeleien ist immer allergrösste Vorsicht angezeigt. Also muss ich mit Geduld und Trumpscher Hinterfotzigkeit wappnen. Beide sind meine Sache nicht unbedingt, aber wenn es denn sein muss! Kommt Zeit, kommt Rat. In dem Zusammenhang fällr mir Don Arturo ein, dem ich Anschaffungen und Aufträge jedwelcher Art an die Hand gegeben habe und seither alles günstiger geworden ist. Ganz ohne Flunkern geht das nicht, aber vielleicht macht es darum Spass.

Mit dem grossen und geräumigen Gewächshaus hat Don Arturo wider meiner Erwartung bisher recht behalten, es funktioniert. Wir waren ja auch nicht die Ersten. Ich kann mir allerdings immer noch vorstellen, dass eine Tomatenwelke oder was auch immer den Einsatz für eine Pestizid-freie Erzeugung von Tomaten behindern könnte. Aber dagegen hätten wir ja immer noch die „Ruda“-Pflanze in der Hinterhand. Unsere Sorte ist San Marzano und der Geschmack ist sehr ok, aber auch nicht mehr. Im „Cañaveral“ werden allerhand Bio-Produkte verkauft, China- und Federkohl beispielsweise, die durchaus von guter Qualität sind. Die (Bio)-Tomaten sind aber von derselben Geschmacklosigkeit wie die daneben angebotenen billigen Giftflutschen. Also hat sich die Erkenntnis noch nicht durchgesetzt, dass den hybriden Sorten vor allem der Umami oder Wohlgeschmack abgewöhnt worden ist, was ja auch bei der Kaffeesorte Castilla der Fall ist. Im Internet-Versandhandel findet man glücklicherweise gentechnisch unveränderte Sorten, die aus den USA importiert werden (Amish Paste, Black Krim und so). Davon habe ich eine Auswahl bestellt. Jahrein jahraus frische wohlschmeckende Tomaten? Das wäre doch was. Und dann nähme mich dann noch wunder, ob die Produktion im Treibhaus in richtiger Erde soviel teurer zu stehen kommt als in Form von Pestizidbomben. Wir machen dann das wie mit dem Kaffee, mit Degustationen in verschiedener Form. Und wenn das nicht überzeugt, ja dann: Fresst weiter Euren Dreck!

Nicht alle diese Pfefferschoten sind scharf, oder wie etwa der Jalapeño nicht gar so irr scharf wie der Einheimische. Jalapeño will hier ausserhalb des Treibhauses nicht wachsen. Sämtliche Samen hat Don Arturo vom in Cañaveral gekauften „Biodynamischen“ aus Dapa abgekupfert. Hast du gewusst, dass „Chipotle“ gerauchter Jalapeño ist? Ich nicht, in der Alameda habe ich gefunden, der Verkäufer: keine Ahnung, weder was noch woher. Man würde das unter anderem für scharfgewürzte mexikanische Wurst brauchen.

Don J.P. hat mir Fotos aus Reims übermittelt, wo er eines speziellen Champagners und anderer Delikatessen halber weilte. Um auch davon zu kosten ich schon persönlich anreisen müsste, weil das ansonsten ausschliesslich für die „Haute Gastronomie“ sei. Aus Ärger über diese Demütigung habe ich mir im Cañaveral eine Flasche „Chandon“ gekauft und dazu in Ermangelung des Cassis-Likör einen „Dubonnet“, daraus mische ich mir eine Art „Kir Royal“, vom dem Don J.P.selber zugegeben musste, dass er wohlschmeckend sei. An der Kasse liess sich der Dubonnet nicht richtig scannen, sodass ein Administrator einschreiten musste. Dieser erkundigte sich bei mir, was denn dieser Dubonnet überhaupt sei. Jechter! Ein Aperitif aus Cassis! Was? Kenne er nicht. Ach so. Black current! Die Kassierin, der Einpacker und der Administrator starrten mich ungläubig an. Etwas wie die „groseilla“ in Kolumbien, nur schwarz. Haben wir auch noch nie gehört! Wisst ihr was, ich bin auch erst in Kolumbien darauf gestossen. Stimmt ja auch. Mit der Familie Tscheff hatten wir in Buenaventura zum Fisch Dubonnet getrunken, weil das Wein sei. Was ja auch wieder nicht vollständig falsch ist. Die Tscheffs trugen es mit Fassung. Obwohl Ziehkind des grossen Kronenhalle Bartenders Paul Nüesch kannte ich den Dubonnet ja auch nicht.

Bueno, querido Doctor, en espera de su apreciada respuesta!

Markus

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An den Dottore über den invernadero

Ciao Dottore

Wenn ich es grade so gestehen darf: ich bin mit all den erwähnten Begriffen völlig unvertraut. Aber für etwas werden sie stehen. Vielleicht würde ich ohne deinen hilfreichen Zustupf zum völligen Landei. Ein bisschen bin ich das ja schon. Und es manifestiert sich in meiner Umwelt. Meine Cousine hätte gerne Fotos von der Finca gehabt, früher waren die Gebäude vom Schwimmbad aus leicht zu fotografieren, heutzutage wird es schwieriger, sie von oben einzusehen. Und weil wir immer mehr pflanzen, wandelt sich die „Singapur“ langsam in ein verwunschenes Schloss. So entstehen die Schattenplätze, die zu füllen sich langsam Gelegenheit bietet. Weisst du, die schönsten Dinge gedeihen im Schatten, auch im Leben. Es gibt vieles, dass spannend mit anzusehen ist.

Eine „Cabulla“, also hier nennt man sie so, steht ein wenig einsam auf der Anhöhe. Mittlerweile ist sie mächtig gewachsen. Und beim Betrachten der Fotos von Garten bemerkte ich einen Blumenstand.

Von der Huerta aus gesehen: Cabulla mit Blütenstand.

Im sogenannten „Invernadero“, der nichts mit einem solchen zu tun hat, gedeihen die Tomaten bestens. Er besteht aus einem Geflechts, das für gewisse Schädlinge nicht passierbar ist. Entsprechend erübrigt sich der Einsatz von Pestiziden. Eine Zierde würde man das Konstrukt nicht gerade nennen, aber es dient seinem Zweck.

Und hier noch das Bild eines Neuzuganges:

Junger Zitronenbaum

Und so geht es weiter im Text. Es macht Spass!

LG
Markus

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Cosa combini? Brief vom Dottore

Buongiorno Direttore,

come va, come stai, cosa combini?

Die äusserst einfach „strukturierten“ Tage al mare haben gut getan. Möglichst einfach, aber nicht einfältig! Das gute Wetter, nicht zu warme bis milde Temperaturen, das warme glasklare karibikfarbige Meer, das lebendige aber nicht überfüllte Treiben am Strand, in den Gassen und den Restaurants, der normal wie auch der stark rauchende Stromboli gegenüber, Klassik und Jazz, das Temperament der Calabresi, die tägliche Commedia des don Michele von der Osteria della Cipolla Rossa. Welch eine vielfältige Gestik und Mimik der hat! Da kommt man sich im Vergleich schon etwas verkümmert vor. Bei Francesco, den besten Dorf-Traiteur, gab es wie üblich ausgesuchte und ansonsten schwierig zu findende Leckereien (z.B. capocollo di suino nero della Sila). Ich habe ihm übrigens etwas CH- und Luker-Schoggi geschenkt. Von der Kolumbianischen Single Origin hat er dann geschwärmt. Beim sich neu angesiedelten Donna Orsola gab es für das Dorf, das sonst leider oft auf Masse und Touri-Einheitsbrei aus ist, sehr gepflegte, lokalgeprägte und raffinierte Küche. Der Einsatz der kalabresischen Wildkräuter in der ganzen Palette bei den Gerichten fand ich bemerkenswert. Dr junge Chef traut sich was (zu). Doch schön und wenn es mal ausnahmsweise nicht ganz überzeugend ist (z.B frittierte frische Steinpilze, wo das drumherum zu dominant war) was soll’s.

Carpe diem und mens sana in corpore sano: viel geschwommen, von einem Strand zum anderen gelaufen und Treppen hoch und runter gestiegen. Das auf Tufstein errichtete Dorf liegt ca. 200 Stufen über dem Meer. Von oben sieht man bei trockener Luft 5 der 7 eolischen Inseln. Die Buchhändlerin, die mir letztes Jahr Krasnohorkai empfohlen hatte, gab mir dieses Jahr ein Buch einer jungen Schriftstellerin aus Iowa: L’estate che sciolse tutto. Ein Anwalt, ehemaliger Staatsanwalt, verheiratet und Vater zweier Kinder ist sich nicht mehr sicher, das Gute vom Bösen unterscheiden zu können. Er gibt ein Inserat in der Zeitung auf: „Cercasi diavolo“ (Teufel gesucht). Nach geraumer Zeit präsentiert sich ein 13jähriger farbiger Junge. Ab da passiert viel, zuweilen fast zu viel. Immerhin eine gelungene Fiktion darüber wie der Schein trügt, wie man zu gern projiziert oder spiegeln lässt (und darin gefangen bleibt), auch wie der Teufel in einem selbst steckt. Das Ende ist happig. Ich wollte mir daraufhin etwas „fröhlicheres“ empfehlen lassen, aber die Ersatzbuchhändlerin konnte mir da nicht helfen. In der Not nahm ich eine Sammlung von zwälf Beiträgen über das Internet, ein Sequel zu Baricco’s „The Game“ mit dem Titel „The Game Unplugged“. Wie vertraut bist du mit Begriffen wie: Soziales oder symbolisches Kapital im Internetkontext, mal d’archivio (Archivleiden), Meatware (in Ergänzung zu Hardware und Software), Überwachungskapitalismus, Shitposting Kultur (als eine Form von Rebellion zu dem was im Internet vorgeht beziehungsweise was von der Glanzlichtgesellschaft erwartet wird), CPA (continuous partial attention) versus Multitasking, personal greenwashing, „Incel“ und „going postal“ oder „digital heroin“?

Zu meatware habe ich vorgestern einen erschütternden investigativen Beitrag im staatlichen französischen Fernsehen gesehen. Dazu und zu den obigen Begriffen demnächst mehr.

“L’inferno dei viventi non è qualcosa che sarà: se ce n’è uno, è quello che è già qui, l’inferno che abitiamo tutti i giorni, che formiamo stando insieme. Due modi ci sono per non soffrirne. Il primo riesce facile a molti: accettare l’inferno e diventarne parte fino al punto di non vederlo più. Il secondo è rischioso ed esige attenzione e apprendimento continui: cercare e  saper riconoscere chi e cosa in mezzo all’inferno, non è l’inferno, e farlo durare, dargli spazio.” (Italo Calvino)

Un caro saluto

F.

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Brief an die Cousine in Spanien

Hoi Elsbeth

Also vom Regen her bin ich so einiges gewohnt, aber diese „goto fría“ hat offenbar in deiner neuen Heimat mächtig zugeschlagen. Hier ist der Regen wieder einmal auf Samtpfoten zurückgekommen, sanft aber ausgiebig. Er war auch dringend notwendig, seit fast zwei Monaten hat es keinen Tropfen geregnet. Ein paar Opfer in der Pflanzenwelt hat das schon gefordert. Die früher grauenvollen Gewitter sind einmal mehr ausgeblieben, ich will mich also gar nicht klagen.

Ich nehme an, Deine Bekannte habe sich aufgrund meiner Vorschläge kundig gemacht. Buchen lässt sich dann auch kostengünstiger von hier aus.

Das ist Achiote, oder Annatto.

Die Samen des Annatto oder Achiote dienen dem Färben von Lebensmitteln, (Käse wie Cheddar etc.) oder der Gewinnung von Vitaminen. Das Öl, das sich damit herstellen lässt (die Samen werden geröstet und dann ins Öl gelegt) wird sehr aromatisch. Aber es färbt gigantisch. Nicht nur Safran macht den Kuchen gelb.

So, ansonsten nichts dramatisches. Wir gucken, wann du eintrudelst. Einstweilen viele Grüsse!

Markus

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Brief von der Cousine wegen des Besuchs in Kolumbien

Hallo Markus

Bei diesem Wetter bleibt man am besten zuhause. In Calpe werden wieder die Strassen und Kreisverkehre unter Wasser stehen, da ja die Strassenplaner meistens die Abläufe vergessen. Jetzt habe ich ein paar Fragen an Dich. Ich gedenke, irgendwann, nächstes Jahr, mal eine Reise zu Dir zu machen und da gibt es eine Bekannte, die gerne mitkommen würde. Dieses Jahr bin ich ausgebucht, und da ich immer noch meinen Garten habe, kann ich nicht zu jeder Zeit weg.

Ist Euer Feuerlandtrip schon geplant oder noch in weiter Ferne? Wie ist das Wetter bei Dir so ca. Oktober-November? Dann fragt meine Bekannte was es bei Dir kosten würde und was man da alles machen kann. Für mich spielt es keine Rolle, ich bin unkompliziert und nehme es wie es kommt. Aber sie spricht gut spanisch und das wäre für mich von Vorteil. Sag mir, was Du dazu meinst.

Hier ist die Touristenflut mittlerweile etwas abgeflaut und diejenigen, die noch hier sind, werden jetzt halt verregnet. Schadet nichts, wenn sie das auch mal erleben. 

Bei diesem Sturm werden die Retter wieder Schoggiköpfe (entschuldige, ich sage denen halt so) aus dem Meer fischen müssen. An der spanischen Küste kommen jeden Tag welche an. Oft findet man nur noch die leeren Schlauchboote, die Insassen befinden sich dann schon irgendwo im Trockenen. Aber seit zwei Tagen glaube ich kaum, dass noch jemand landen konnte. 

Bei mir war letzte Woche eine Freundin aus der Schweiz in den Ferien. Sie sagt dass im ehemals ruhigen Quartier wo sie wohnt plötzlich  alles schwarz ist, in neu erstellten Wohnblöcken und die Frauen seien andauernd schwanger. 

Man kann sich schon fragen wie das einmal ausgeht. Vielleicht müssen dann die Schweizer mal nach Afrika flüchten!

So, jetzt schreibe ich noch eine Mail an unsere Cousine Ursula. Sie hatte dieses Jahr eine ganz schlimme Darmoperation. Ihr Mann hat Alzheimer, schon ziemlich fortgeschritten. Das ist alles auch nicht lustig. 

Lieben Gruss, Elsbeth

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Brief an die Cousine zu den Flüchtlingen

Hoi Elsbeth

Wo du gerade von Venezuela sprichst: Argentinien steuert gerade wieder einmal auf einen Staatsbankrott zu. Es ist bemerkenswert, beide Länder, wie Kolumbien auch, gehören zu den reichsten der Welt, jedenfalls was die Ressourcen anbelangt. Meine Bekannte in der Schweiz, die mich jeweils aufzudatieren pflegt, rechnet mit einem baldigen „Knall“, der dann aber alles ins Positive wenden soll. Allerdings rechnet sie schon bald fünfzig Jahre mit diesem. Ich denke schon, dass die Hauptursache für die Desaster wie in Brasilien an der Wundergläubigkeit der Bevölkerung liegt. Und am nicht vorhandenen Gemeinsinn. Wenn sich gerade so Gelegenheit ergibt, ist man korrupt, die andern sind es ja auch. Korruption ist als nicht Mangel an Staatsgläubigkeit, sondern eher das Gegenteil dessen. „Wenn wir nur die richtige Regierung hätten, ginge es uns gut!“. Darum schaukeln die Exekutiven zwischen links und rechts, die mangelnde Bildung macht die Wähler wundergläubig, was wiederum die nächste Katastrophe in sich birgt. In Kolumbien ist der Arm der Staatsgewalt zu kurz, ansonsten herrscht das Gleichgewicht der Korruption, welches auch den Staat zusammenhält. Ansonsten hoffe ich, dass die Informationstechnologie die Bildung demokratisiert. Ein Smartphone ist heutzutage fast für jeden zugänglich, wobei dessen technische Leistungsfähigkeit auf den Nutzen wenig Einfluss hat. Die Fähigkeit lesen und schreiben zu können hingegen schon.Da hilft das smartphone kräftig mit, zum Literaten wird damit keiner, aber es greift den Analphabeten wirkungsvoll unter die Arme. Dort, wo das Internet hinkommt, ist Bildung möglich und solange die schmackhaft ist, kommt sie auch an. Möglicherweise ist Demokratie nach westlichem Verständnis eben nicht überall möglich. Ich meine das beispielsweise im Hinblick auf China, das vielerorts als Gefahr gewertet wird. Wird es auch sein, aber ich glaube eher, dass sein möglicher Zerfall eine grössere Gefahr bedeutet. Weil dieser Staat mit Gewalt zusammen gehalten wird. Was auf längerfristig selten gut geht.

In Deutschland musste ein Fussballfunktionär vor ein Tribunal treten, weil er vorgeschlagen hatte, in Afrika Kraftwerke zu bauen, damit die Leute vor dem Fernseher sässen, anstatt sich in Ermangelung erbaulicher Alternativen fortzupflanzen. Es ging ein Aufschrei durch die Hochburg der Heuchelei, die in Deutschland liegt. Es leuchtet den leicht einfältigen Flüchtlingsfischern nicht ein, dass man das Übel an der Wurzel packen müsste. Möglicherweise bedarf es hierzu einer Art Neokolonialismus. Und, dass man in Afrika wieder mehr Flagge zeigt. Wenn die Realität zuungunsten von rassistischer Gleichmacherei verdrängt wird, hilft das niemanden, am wenigsten beim Flüchtlingsfischen.

Dass sich Nestlé und andere der Produktion von Ersatzfleisch annehmen, scheint erfreulich. Ich nehme an, dass man sich den geänderten „Bedürfnissen“ der Konsumenten anpassen will. Besser wäre es natürlich, wenn der Konsument selber wüsste, wie man Veganes schmackhaft und ohne Konservierungsmittel und Verpackung kostengünstiger herstellt. Auch sollte man nicht so tun, als könne man aus Hülsenfrüchten Ersatzfleisch herstellen. Aber als wohlschmeckende, einfach herzustellende Alternative dienen sie natürlich schon. Don Arturo pflanzt neuerdings auch Erdnüsse an, die werden wiederum Anforderungen an die Kreativität stellen. Da ist auf der andern Bockshornklee, der Fenegreco. Ich bin auch Fan von Blattkohl und dem Wirsing, für beides lässt sich kein Samen auftreiben, oder allenfalls Mengen für eine Grossplantage. Aber eine Cousine aus Nariño, zu Visite bei Don Arturo angesagt, bringt Jungpflanzen von dort mit. Und dann hätten wir ausgesorgt, weil sich das sozusagen von selber vermehre. Ich dämpfe den Kohl im Gusseisen-Kochtopf mit Zwiebeln, Knoblauch und Kümmel und finde das wunderbar.Das ergänzt sich natürlich mit Kartoffeln und/oder Lammfleisch hervorragend. Eigentlich bin ich sehr spezialisiert auf Eintöpfe, ich glaube ich werde dem auch auf der Reise nach Feuerland frönen. Du weisst ja, dass Tscheff Rotscher einstmals und Ungarn über den Nahen Osten nach bis nach Kenia getuckert ist, was heutzutage gar nicht mehr möglich wäre. Aber da war als Delikatesse „Staldencrème“ aus der Büchse ein Highlight, ich glaube, dass das künftig besser kommt! Oder was meinst du?

Einstweilen herzliche Grüsse

Markus

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