Der Dottore über „Hergebrachtes“ in Südamerika und mehr

Buongiorno Direttore!

Hier ist es derzeit angenehm frisch. Gestern morgen hat es mich zum Schnebelhorn, dem höchsten Berg (knapp 1’300 m) im Kanton Zürich, von Steg im Tösstal aus gezogen. Eine einfache, kurze Tour. Die Zersiedelung ist punktuell angekommen. Entlang der Hauptstrasse fiel mir ein auf einer Wiese ad hoc plaziertes Plakat auf: „Wir wünschen schöne Sommerferien, Ihre SVP“. Alles ist (alt)toggenburgerisch hügelig, grün und mit fetten Wiesen für die Kühe. Am Gipfel hat eine steife Bise geblasen, für Juli und die geringe Höhe ideal von der Temperatur her. Die Rundumsicht ist weitläufig, allerdings waren die Voralpen von Hochnebelwolken bedekt. Auf dem Gipfel hat es einen Rundtisch mit Rundbank für die Rast und den Schwatz. Ich kam auf der Suche nach dem Hörnli (das dort verdeckt ist) mit einer Mutter und deren Sohn ins Gespräch. Nachdem ich Tumaco 65 % angeboten habe, begann der Sohn von seiner Begehung des Inca-Trails (Ollaytatambo nach Machu Pichu) und seiner „Highlights“ einer  Südamerika Reise (immerhin 5 Wochen) zu erzählen. Ich dachte an die Tourismusindustrie, die Touristen in zunehmenden Massen auf die Hotspots Touren bewegt. Der Werbespruch von Edelweiss „Been there, done that“ (mit Selfies dokumentiert) spricht Bänder. Das bringt leider viele Schattenseiten. Der Bruder von Helensche berichtete, dass entlang ihrer Hotspot Kreuzfahrttour im Baltikum an einem Ort fünf Kreuzfahrtschiffe gleichzeitig ankamen . Wie soll ein Ort und deren Bevölkerung mit so einem Ansturm fertig werden? Ich erinerrte mich an einen Zwischenstop in Grand Caymen vor gut 30 Jahren um die Segelboot- Clearance vorzunehmen und Ersatzteile in Empfang zu nehmen, bei der wir ebenfalls 3 bis 5 Kreuzfahrtschiffe täglich sahen. Wie die Gier der lokalen Oligarchen dies mit einfachsten Mitteln und minimsten Aufwand schamlos ausnützte!

Viel Schamlosigkeit ist in einer lesenswerten Sammlung von Artikeln zu entnehmen, die ein eigens entsandter italienischer Journalist des Corriere della Sera (Signor Barzini) über die italienische Einwanderung in Argentinien und die dort herrschenden Zustände um 1901 geschrieben hat. Zwischen 1857 und 1898 sind rund . 1,8 Millionen Menschen eingewandert, davon allein 1,1 Millionen Italiener. Letztere und deren Nachkommen machten um 1900 fast die Hälfte der Bevölkerung aus, die damals 4,8 Mio Einwohner betrug (wovon unglaubliche 800’000 allein in Buenos Aires!). Ohne die Arbeitskraft der Italiener wäre dort vieles gar nicht erst entstanden. Sie wurden mit (nicht eingehaltenen) Versprechen nach Argentinien gelockt und dann zumeist als Arbeitstiere schamlos ausgebeutet. Argentinien hatte dazu z.B. eine Guida dell’Emigrante herausgegeben, die in Italien verteilt wurde.  Daraus ein Auszug: «Oltre i deboli rachitici, gli sconciati e i vecchi, non debbono emigrare coloro che hanno studiato, che hanno ricevuto un’educazione più o meno scelta.» Nè muscoli infermi, nè teste sane dunque. Sono buone braccia che si vogliono da noi, ma niente altro che buone braccia.”

Dass die Italiener unter sich – historisch bedingt – kein Zusammengehörigkeitsgefühl hatten oder haben und die ausgewanderten ärmlichen Schichten kein Italienisch, sondern nur ihren örtlichen Dialekt sprachen, machte die Verständigung unter ihnen schwierig. Trotz der hohen Zahl (> 1 Mio) hatten sie keinen Einfluss. Die war das ausnützen einfach. Anders die Engländer, damals rund 20’000 an der Zahl: diese hatten das komplette Eisenbahnnetz (ca. 13’000 km) sowie die verlässlischen Banken (Sparkonten und Kredite) unter sich, sodass sie Argentinien faktisch finanziell in ihren Händen hatten. Und die Politiker schon damals den Hang hatten, mehr auszugeben als vorhanden war. Was Barzini über Oligarchen, Politikerkaste, Wahlbetrug, Justiz, Korruption, Armee, Polizei, Schulen, Spitäler, Transportinfrastruktur, Faulheit, Lug und Trug, Spiel- und Luxussucht berichtet, lässt tief blicken. Erschütternd ist, das einem all das auch aus heutiger Zeit von den Aufenthalten vor Ort her so bekannt vorkommt. Das damalige Verhalten ist in Fleisch und Blut übergegangen.       

Interessant ist, was Barzini (1901!) über das Wort “gringo” berichtet: “ L’italiano si chiama “gringo”, un vocabolo dispregiativo, che non ha la traduzione. Non se ne sa nemmeno l’origine: alcuni credono che venga da “griego” -greco. Parrebbe che una volta, in uno dei primi anni del secolo passato, sbarcasse al Plata una comitiva di cavalieri d’industria greci, che rubarono mezzo mondo e poi presero il largo. Da allora si sarebbero chiamati “griegos” gli stranieri, quasi come per dirsi:–In guardia amico!–Da “griego” gringo; e questo appellativo è restato quasi esclusivamente sulle spalle degli Italiani.”

Barzini hat u.a. eine Reise in’s Interior (Missiones) zur Estancia San Jacinto unternommen. Der Besitzer, damals einer der reichtsten Argentinier, besitzte sagenhafte 5’225 km2 (ca. 13 % der Schweiz), verteilt auf 4 Estancias. Um San Jacinto zu erkunden, wären 4 Tage im Pferdegalopp notwendig gewesen. Vom Aufenthalt auf der Finca gibt es folgenden Auszug: „

Basta viverla un po‘ questa vita dell’estancia per sentirne tutto l’incanto. Non c’è nulla: comodità poche, varietà nessuna, un orizzonte infinito e monotono, un silenzio perpetuo. È che il godimento non viene dai beni presenti, ma dai mali assenti.” Der letzte Satz hat was und vielleicht sollte man dem mehr Beachtung und Dankbarkeit schenken! Ich lege dir, ein „Best-Of“ bei.

Im Thema zu Argentinien um 1900 passt folgende Beobachtung: “Quanto più difficile è la lotta per la vita, e più è sentita in questa lotta la propria debolezza, tanto maggiore si fa poi il bisogno del reciproco inganno. La simulazione della forza, dell’onestà, della simpatia, della prudenza, in somma, d’ogni virtù, e della virtù massima della veracità, è una forma d’adattamento, un abile strumento di lotta. L’umorista coglie subito queste varie simulazioni per la lotta della vita; si diverte a smascherarle: non se n’indigna: — è così!”

Also je schwieriger der Kampf für’s Leben und je stärker in diesem Kampf die eigene Schwäche empfunden wird, desto stärker das Bedürfnis des gegenseitigen Betrugs?!

Auch lege ich dir ein Fachartikel von Freud über das Unheimliche bei. Interessant die sprachliche, etymologische Rekonstruktion und die psychoanalytische Analyse anderseits. Überraschend und verwirrend! Daraus folgende Auszüge: 

„Es bedarf jetzt nur noch weniger Ergänzungen, denn mit dem Animismus, der Magie und Zauberei, der Allmacht der Gedanken, der Beziehung zum Tode, der unbeabsichtigten Wiederholung und dem Kastrationskomplex haben wir den Umfang der Momente, die das Ängstliche zum Unheimlichen machen, so ziemlich erschöpft.

Das Unheimliche ist also auch in diesem Falle das ehemals Heimische, Altvertraute. Die Vorsilbe _un_ an diesem Worte ist aber die Marke der Verdrängung. Es mag zutreffen, daß das Unheimliche das Heimliche-Heimische ist, das eine Verdrängung erfahren hat und aus ihr wiedergekehrt ist, und daß alles Unheimliche diese Bedingung erfüllt. Aber mit dieser Stoffwahl scheint das Rätsel des Unheimlichen nicht gelöst. Unser Satz verträgt offenbar keine Umkehrung. Nicht alles was an verdrängte Wunschregungen und überwundene Denkweisen der individuellen Vorzeit und der Völkerurzeit mahnt, ist darum auch unheimlich.

Wir erhalten so einen Wink, einen Unterschied zu machen zwischen dem Unheimlichen, das man erlebt, und dem Unheimlichen, das man sich bloß vorstellt, oder von dem man liest. Das Unheimliche des Erlebens hat weit einfachere Bedingungen, umfaßt aber weniger zahlreiche Fälle.

Unser Ergebnis lautete dann: Das Unheimliche des Erlebens kommt zustande, wenn „verdrängte“ infantile Komplexe durch einen Eindruck wieder belebt werden, oder wenn „überwundene“ primitive Überzeugungen wieder bestätigt scheinen.

Der Gegensatz zwischen Verdrängtem und Überwundenem kann nicht ohne tiefgreifende Modifikation auf das Unheimliche der Dichtung übertragen werden, denn das Reich der Phantasie hat ja zur Voraussetzung seiner Geltung, daß sein Inhalt von der Realitätsprüfung enthoben ist. Das paradox klingende Ergebnis ist, _daß in der Dichtung vieles nicht unheimlich ist, was unheimlich wäre, wenn es sich im Leben ereignete, und daß in der Dichtung viele Möglichkeiten bestehen unheimliche Wirkungen zu erzielen, die fürs Leben wegfallen_.

Von der Einsamkeit, Stille und Dunkelheit können wir nichts anderes sagen, als daß dies wirklich die Momente sind, an welche die bei den meisten Menschen nie ganz erlöschende Kinderangst geknüpft ist.“

Pirandello arbeitet in seinem „saggio sull’umorismo“ die Begriffe Komik, Humor, Ironie und Satire schön heraus. Der Wert und die Macht der Wörter einmal mehr! Ich hatte von diesem italienischen Literaturnobelpreisträger zu Abiturzeiten viel gelesen (Romane, Theaterstücke, Erzählungen). Der rote Faden war mir bekannt. Im “saggio” bestreitet er mit vielen Beispielen, dass der Humour nur etwas Nordisches, Englisches oder Teutonisches sei. Komik sei ein „avvertimento del contrario“ , Humor ein „sentimento del contrario“, das durch Nachdenken darüber entsteht. 

Zurückkehrend zum Inhalt unseres letzten Austausches passt dies:  

“Quel che importa è che si dia importanza a qualche cosa, e sia pur vana: varrà quanto un’altra stimata seria, perchè in fondo nè l’una nè l’altra daranno soddisfazione: tanto è vero che durerà sempre ardentissima la sete di sapere, non si estinguerà mai la facoltà di desiderare, e non è detto pur troppo che nel progresso consista la felicità degli uomini.”

“L’ordine? la coerenza? Ma se noi abbiamo dentro quattro, cinque anime in lotta fra loro: l’anima istintiva, l’anima morale, l’anima affettiva, l’anima sociale? E secondo che domina questa o quella, s’atteggia la nostra coscienza; e noi riteniamo valida e sincera quella interpretazione fittizia di noi medesimi, del nostro essere interiore che ignoriamo, perchè non si manifesta mai tutt’intero, ma ora in un modo, ora in un altro, come volgano i casi della vita.”

Ich hoffe, das sei nicht langweilig und vom italienisch verständlich!

Carpe diem, cari saluti 🙂

F.

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Brief an den Dottore zu Wiederaufforstung

Ciao Dottore

In der FAZ stand über Schweizer Forscher geschrieben, die „mit Bäumen die Welt retten“ wollen. Und deren „Idee“ wird schon in der Überschrift der Garaus gemacht: „Träumt weiter!“.

Wobei der wenig neuen Erkenntnis der Bekämpfung des Klimawandels mittels weltweiter Aufforstung die mögliche Wirkung nicht abgesprochen wird. Aber die Machbarkeit wird bezweifelt. Weil der böse Brasilianische Präsident nicht willens ist, den Kahlschlag des Amazonas-Urwalds zu beenden. Und auch ansonsten dort wo es angemessen wäre, niemand freiwillig sich daran macht, etwas für das Weltklima zu tun. Zu erwarten, dass gerade in Entwicklungsländern mit nicht vorhandenem Geld Wiederaufforstung betrieben werde, ist eine etwas gar naive Annahme. Auch Geld allein wird da nicht helfen. Aber nun, wenigstens breitet sich in den Schweizer Bergen der Wald wieder aus, aber auch das hat mehr mit Vernachlässigung denn mit Bedacht zu tun. Frankreich will im Alleingang eine Umwelttaxe für Flugreisen erheben, was immer dann eine gute Idee ist, wenn nicht nur die Französischen Gesellschaften davon betroffen sind und das Geld in die Anstrengungen für die Abwendung eines Desasters fliesst.

Wir haben in diesem Jahr mindestens sechzig Bäume gepflanzt und es sollen noch mehr werden. Ich hoffe für mich und diesen Nachwuchs, dass sie Trockenzeit dieses Jahr nicht allzu heftig ausfallen wird.

Ansonsten macht es mir Spass, gemäss deinen Hinweisen Exhibitionen in den „sozialen Netzwerken“ zu verfolgen. Der immer noch werdende Tierarzt, wenn man den Bildern glauben darf, in blutigen Operationen konzentriert die Leben von Haustieren rettend, hat offenbar gar keine Anstellung. Als glücklicher Familienvater, Umstand der dem Abschluss seiner Studien nicht gerade förderlich ist, bat er um einen Monat Arbeit auf der Finca. Gleich was. Wie lange steht er jetzt schon vor dem letzten Semester? Klar, wir dürfen das und ihn vergessen. Aber es fasziniert die Distanz von Anspruch und Wirklichkeit. Die Mutter des Kindes sah wohl den erfolgreichen Veterinär vor sich, den zu haben ihr lohnend schien, in dem sie ihm ein Kind gebar. Womöglich haben die Schwiegereltern ob diesem Fisch an der Angel auch noch Geld locker gemacht, das sich mittlerweile verflüchtigt hat. Der junge Mann steht ohne Not vor einem Abgrund, aus dem Hoffnungsträger ist ein Versager auf der ganzen Linie geworden. Wie gesagt: ohne Not. Da werden grosse Lügenkonstruktionen von Nöten sein, um diesen in Schall und Rauch gemündeten Lebensweg wieder auf Achse zu bringen. Aber amüsant ist es, wenigstens von weitem betrachtet.

Einstweilen liebe Grüsse

Markus

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Brief an die Cousine in Spanien zum roten Bart

Hoi Elsbeth

Also, J.P. trägt manchmal Bart, aber rot ist der nicht. Ich nehme an, es handelt sich um jemand anders, vermutlich der ehemalige Koch Andres.

Rechts im Bild J.P. Ihm gegenüber Don Arturo.

Ich hatte die letzten paar Tage Gäste, aus Rotterdam, aber er ist Kolumbianer und arbeitet als Landwirtschaft-Ingenieur, für Renaturierung und so. Entsprechend hat ihm die Finca Singapur begeistert. Es ist schon so, dass einem die Gäste etwas bringen, sie sind immer irgendwie spannend und interessant. Er war beispielsweise für die die Gestaltung des Ufers des Rio Cali zuständig und berichtete von diesem durchaus erfolgreich abgelaufenen Abenteuer. Auch kennt er Leute mit „Privat-Reservaten“, das heisst solche, die auch etwas für die Erhaltung der Natur tun wollen und sich einen Flecken Land zu diesem Zwecke kaufen. Meistens und vorteilhafterweise tut man dies in unmittelbarer Nachbarschaft bestehender Reservate, man muss dann eigentlich für die Renaturierung selber keine Hand anlegen, weil das von alleine funktioniert. Das scheint mir recht clever.

Ansonsten bin ich froh, der Hitze entronnen zu sein, in Zürich war das jeweils zum verrecken heiss, die Wohnung unter dem Dach ein Backofen. Man erträgt das je länger je schlechter. Der stete Wechsel aus klimatisierten Räumen in die Hitze ist der Gesundheit ja auch nicht gerade zuträglich. Besagter Gast, namens Juan, pflichtet mir bei, dass im Cauca-Tal die Temperaturen auch angenehmer wären, würde man die kahle Flanke auf der linken Seite wieder bewalden. Das Weltklima würde daran nicht genesen, aber wenigstens das eigene verbessert.

Dass die eine oder andere Pflanze eingeht, damit muss und kann man leben. Aber wenn es zu diesen „Gesamtausfällen“ kommt, denen nur noch mit Gift beizukommen ist, dann ist die Natur eben schon aus dem Gleichgewicht geraten. Das heisst, es fehlen die natürlichen Feinde der Schädlinge.

Don Arturo erntet mittlerweile wunderschöne Tomaten, denen leider der spezifisch köstliche Tomatengeschmack etwas abgeht. Ich bin überzeugt, dass es an der Erde liegt, es braucht Asche und Steinmehl und die Vulkanerde müsste an die Oberfläche gebracht werden. Ich muss da noch Überzeugungsarbeit leisten, es scheint, als glaube mir Don Arturo nicht so recht.

Ja, besser man nimmt die Blechschäden am Auto nicht tragisch. Mit dem Traktor hatte ich bisher Glück, er ist trotz seiner Grösse recht übersichtlich, mittlerweile habe ich mich auch daran gewöhnt, in die Rückfahrt-Kamera zu gucken.

Nun wünsche ich dir noch weiterhin eine gute Zeit und sende liebe Grüsse

Markus

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Brief von der Cousine in Spanien

Hoi Markus

Heute mache ich einen Bürotag und da kriegst auch Du etwas ab davon. Eigentlich würde ich lieber baden gehen, aber der Sommer ist ja noch lange. Wie die Temperaturen bei Dir sind, habe ich in Dottores Bericht gelesen, also erträglich. Wir hätten eigentlich einen normalen heissen Sommer, aber seit Tagen bläst ein so heftiger Wind, dass man kaum draussen sitzen kann, ausser man hat einen geschützten Platz. 

Als ich mal Deine Fotos angeschaut habe sah ich einen Mann mit einem roten Bart, ist das Dein Freund J.P.? 

Vor 20 Jahren habe ich auch 2 Feigenkaktusblätter in die Erde gedrückt, daraus entstand über die Jahre ein mächtiger Riese. Oft habe ich von den Kaktusfeigen gegessen. Damit ich nicht die ganze Mühe mit „entstacheln“ hatte halbierte ich sie, packte sie seitlich mit einer Grillzange und löffelte sie aus. Er wurde dann viel zu gross und so musste er weg. Vor ca. 3 Jahren gingen rundum alle „Nopale“ ein, ich weiss nicht, aber ich denke, es waren Schmierläuse. Unser Nachbar, der selten hier ist, hat auch einen der plötzlich über Nacht weiss wurde. Ich habe dann ein Experiment gemacht mit Seifenwasser und nachträglichem Abspritzen mit dem Schlauch, ein paarmal, und habe ihn so gerettet. Der Nachbar bedankte sich zwar nicht, aber ich hatte mein Erfolgserlebnis.

Kürzlich sah ich dass zwei kleine Buchs-Sträuchlein bis auf halbe Höhe zerfressen waren und voller Raupen. Da schnitt ich das Ganze bodeneben ab, steckte es in einen Plasticsack. Am nächsten Morgen sah ich wie Raupen aus dem Sack krochen und beförderte das Ganze zum Abfall. Später im Haus kitzelte mich etwas am Rücken, da hatte ich doch noch so ein Raupenvieh dort.

Momentan habe ich grossen Aerger mit meinem Telefono fijo. Seit einiger Zeit hatte ich so ungefähr alle zwei Wochen keine Linie mehr. Die 1004 anzurufen ist eine beispiellose Tortur, da muss man einen halben Tag opfern bis man durchkommt. Dann muss ich erst kontrollieren ob es an meinem Apparat fehlt, hat es noch nie. Dann müsste ich die gleiche Anruf-Tortur nochmals machen. So sagte ich einfach jedesmal dass ich das schon geprüft habe. Es komme dann im Lauf der Woche jemand vorbei. Es kommt dann schon mal jemand, dann funktioniert es wieder, aber nach kurzer Zeit ist wieder tote Hose. Jetzt ist Moviestar gekündigt. Das Internet habe ich schon längere Zeit zu Aeromax gewechselt. Das versuchte ich jetzt auch mit dem Telefon, funktioniert bis jetzt nicht. Ja, so hat man halt nicht immer eitel Freude. 

Mein Auto musste zum Doktor. In einer Tiefgarage streifte ich eine Säule und dann war die linke Seite auch gestreift. Hat lustig ausgesehen, hätte ein Foto machen sollen. Heute kann ich es wieder holen, bin schon froh. Da parkiere ich schon 20 Jahre mehrmals wöchentlich und mache sowas. Ja nu, man ist ja auch nur ein Mensch.

Die Bemerkung des Dottore über neue Matratzen mit integriertem Safe brachte mich zum lachen. Aber wer weiss, nichts ist unmöglich. Ich freue mich wieder auf neue schöne Fotos und Neuigkeiten. Ob das mit der Eisherstellung funktioniert. 

Liebe Grüsse, Elsbeth

und hier die Fotos: Diese Orchidee blüht einmal im Jahr, ihr Blütenstand ist über einen Meter lang. Die Pflanze ist an Bäumen oder Baumstrünken angebracht.

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Brief an den Dottore zu Vanille-Orchidee und Tonkabohnen

Ciao Dottore

Bei allen Gerätschaften ist es eine Frage des Platzes, ob man über diesen verfügt oder eben nicht. Ansonsten steht für mich ausser Frage, dass sich eine Sorbetera allemal lohnt. Wenn du nur schon an die vielen Varianten denkst, und gutes Glacé kann es insofern gar nicht zu kaufen geben, als ohne Beigabe von Homogenisatoren und Stabilisatoren diese gar nicht zu lagern sind. Einen Bamix mit Homogenisierscheibe sollte man allerdings auch noch dazu haben, aber das ist ja ohnehin ein für den Haushalt unersetzliches Gerät. Kommt dazu, dass eine Glacemaschine ein technisch anspruchsloses Gerät ist, dass jahrzehntelang ohne Unterhalt funktioniert, sozusagen ein ideales Hochzeitsgeschenk.

Auch Paco hat etwas neues geschenkt gekriegt: einen Rugby-Ball, den ich ihm bei Pricesmart gekauft habe. Die Machart ist ähnlich dem, den du ihm geschenkt hast, aber er schien mir grösser. Aber anscheinend sperrte Pace sein Gebiss noch mächtiger auf, der Ball blieb nicht fünf Minuten prall. Egal, er ist überglücklich damit, was will man mehr.

Hier wächst ja alles, was für die Herstellung von Curry braucht, in der Alameda kann man ihn auch kaufen, es fehlt halt der Mut zum Pikanten. Soeben habe ich mir eine Vanille-Orchidee im Internet bestellt. Vom selben Händler gibt es auch Tonka-Samen, auch davon habe ich ein Lieferung in Auftrag gegeben. Ich werde dich auf dem laufenden halten. Vielleicht gelingt Don Arturo das Ansähen eines Baumes. Die Vanille-Orchidee blühe nur einen Tag lang, dann muss man sie künstlich befruchten und what not. Immerhin pflegen wir mit Orchideen ja mittlerweile eine gewisse Tradition. Mein Gestank-Dünger hat eine Explosion ausgelöst, an der Don Arturo auch teilhaben möchte, indem er jetzt zu allem Überfluss noch Flüssigkeit aus dem Kompost versprüht. Don Arturo baut diese Woche ein Treibhaus, wo die Tomaten vor der Pest sicher sein sollten. Von den Feuerbohnen hat er neunzehn Kilo geerntet. Zum Glück sind die haltbar. Schön an alldem ist, dass wir unsere Freude daran haben.

Von einer Hitzewelle kann hier keine Rede sein, also wenn du mich fragst, sind die Temperaturen wie immer um die 24°. Etwas Regen könnten wir trotzdem gebrauchen, heute sieht es danach aus.

LG aus Kolumbien

Markus

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Der Dottore zu italienischen Politik

Ciao Direttore

Auf der gestrigen Rückreise habe ich mal wieder den Corriere della Sera (auf Papier) gelesen. Dabei fiel mir ein kleiner Hinweis zu einem Herrn M. Jergovic auf. Ein mir unbekannter Schriftsteller. Ich lege dir ein Interview bei, das in pointierter Art unter anderem zu Fragen der Identität oder der Paranoia Stellung nimmt.

Ansonsten war der Corriere wenig ergiebig. Leider scheinen die italienischen Tages-Zeitungen eine Art journalistische Telenovela zu pflegen, d.h. eine Berichterstattung oder Aktualisierung über neueste oder vergangene Skandale in der Regierung, den Parteien, den Executiven in Provinzen oder Gemeinden; aktuell den unerhörten Postenschacher im Consiglio Superiore della Magistratura. Nach der Lektüre weiss man nicht wirklich viel mehr, weil die Wahrheit im Gegensatz zu der additiven Flut an Informationen einen diskreteren, verschlossenen Charakter hat. Für jene, die nicht täglich Zeitung lesen, wird als Erinnerungsstütze bei den gröbsten Skandalen eine Art „Was bisher passiert ist“ (il caso) in wenigen Bildern und Sätzen angeboten. Richtig gut war dafür ein Interview mit einem der Vizedirektoren der EZB, ehemals spanischer Nationalbankvorsitzender, der aufgrund seiner Meriten im Umgang der Krisen (marode Banken und faule Kredite) in Spanien nach der Finanzkrise im 2009 nun seit einem Jahr in der EZB Vize ist. Spanien hat in den letzten 5 Jahren im Vergleich zu Italien in mancher Hinsicht eine wirtschaftliche bessere Entwicklung durchgemacht und vor allem der ominöse Spread ist um gut 180 Basispunkte tiefer als jener der Italien hat. Ein Schmach für die Italiener. Die Journalisten haben versucht, provozierende  Fragen zum Vergleich Italien zu Spanien zu stellen. Der Vize machte da nicht mit; doch zuweilen hat er den einen oder anderen subtilen Pfeil (nicht Hieb) beigemischt: wer verstehen will, wird es verstehen (a buon intenditore poche parole). Hämisch dargestellt war eine erste Zwischenbilanz der Umsetzungsmaschinerie des Reddito di Cittadinanza, insbesondere das derzeit kaum echte Kontrollen im Sinne des Gesetzes möglich seien und somit vieles auf Selbstdeklarationen („Ach, bin ich ein ehrlicher bedürftiger Bürger!“) beruht. Satirisch ausgeführt war der neuste Furz von Innenminister Salvini, die in Banksafes schlummernden Gelder (egal ob schwarz oder weiss) doch in den Wirtschaftskreislauf zurückzubringen, z.B. mit einer Spezialsteuer als Anreiz dies zu tun. Einer berichtete, dass unternehmerische Matrazenhersteller schon Spezialmodelle mit diskret integriertem Safe anbieten würden. Das Geld sei eben unter der Matratze vor dem staatlichen Zugriff am sichersten. Ein anderer führte aus, dass Salvini’s Idee ihn an ein fast vergessenes Banksafe erinnert hätte. Also ging er zur Bank zu schauen, was drin war. Er stellte fest, dass kein Geld, sondern verschiedene für ihn wichtige Erinnerungsstücke drin waren. Das veranlasst ihn zur Frage, wie – wenn überhaupt – denn Erinnerugstücke besteuert würden. Er schliesst mit der Bemerkung, dass er sich seine Erinnerungen nicht nehmen und schon gar nicht besteuern lassen wird!

Curry ist nicht gleich Curry. Mein Eindruck aus Sri Lanka, Indien oder Indoniesien ist, dass die lokal verfügbaren Kräuter und Gewürze zusammen mit der Expertise der Küche den Geschmack eines Curry (als Kräuter und Gewürzmischung!) ausmachen und da gibt es durchaus solche, die ohne Kurkuma auskommen. Wissenschaftlich erwiesen ist der hohe Anteil an freie Radikale der Kurkuma, von daher ist der regelmässige Konsum sehr empfehlenswert, gerade wenn man Broccoli nicht gern hat, die in dieser Hinsicht auch wertvoll wären. Die Frucht des Feigenkaktus (fico d’India) ist in Kalabiren im späten Sommer eine normale Nachspeise. Die Blätter sind mir noch nie zubereitet über den Weg gelaufen. 

Mit Smoothies, Müeslis und dergleichen kannst du mich jagen!

Aufgeschnappt, aber bisher keine nützlichen Details dazu gefunden, habe ich die Mutua Salsamentaria 1876 Bologna, eine Art Zunft der mit Salz eingelegten Charcuterien (Salami, Prosciutti, Mortadelle) und für deren Mitglieder, die in Schwierigkeiten geraten (daher „mutua“). Vielleicht weiss J.P. mehr dazu oder hatte er gar Gelegenheit in Bologna bei denen Kurse zu bekommen?

Sommerzeit ist auch Eiszeit. In Ascona ist die Gelateria des Vertrauens nicht mehr der Hit. In Zürich ist es auch nicht trivial gutes Eis zu finden. Muss ich jetzt Eis auch noch selber machen? Derzeit werden entsprechend Eismaschinen angeboten (mit und ohne Kompressor). Diese sind aber zumeist selten benützt und liegen nur herum. Stellst du pro Jahr mehr als 20x Eis her? Was würdest du empfehlen?

Buon inizio di settimana

Fabio    

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Brief an den Dottore zu Tuna (Nopal), Aloe Vera und Kurkuma

Ciao Dottore

Den genannten Früchten der Natur gemeinsam ist, dass sie, wenn man den Hymnen im Internet über ihre Segnungen glauben schenken will, der Gesundheit überaus förderlich sind. Die Knollen beziehungsweise das Rhizom der Kurkumapflanze kann ich frisch bei Cañaveral erwerben, Don Arturo hat jetzt einige davon zum Anwachsen in Erde gelegt, motiviert von daher, dass ihm die Maissuppe mit Kurkuma sehr geschmeckt hat. Aloe Vera werden ja viele Eigenschaften nachgeredet. Mit Sicherheit zutreffend ist, dass bei der Rasur nach dem Anschmieren von Aloe Vera diese „reibungslos“ beziehungsweise frei von Irritationen abläuft. Dass Kurkuma dem Curry seinen typischen Geschmack verleiht und dessen Inhaltsstoffe gesundheitsfördernd sind, lässt sich nicht bestreiten. Bedenklicher sind die Mythen, die sich um vielerlei Gaben der Natur ranken. Davon wäre doch manches viel zu schön um wahr zu sein. Aber Mythen in diesem Sinne haben etwas tröstliches, weil sie die einfache Lösung eines (meistens gravierenden) Problems versprechen.

Auf die sogenannt gesundheitliche Seite der Ernährung stosse ich immer über den „Wohlgeschmack“, unter anderem dem Fermentierten wegen, oder dieser „Fonds“ beziehungsweise Brühen. Über das aus letzteren gewonnenen Collagen referiert in Youtube wiedergegebenen Konferenzen eine Spanische Greisin mit überraschend wachem Geist namens Ana Maria Lajusticia. Eigentlich ist ihr Lebensthema das Magnesium, dessen Mangel sie eine Vielzahl gesundheitlicher Defekte zuschreibt. Und auch die Kombination von Magnesium mit Collagen, was sie unter ihrem Namen auch verkauft(!), sowie das Abwägen der Zuträglichkeit des Cholesterols. Ganz ohne Haken gelingt es trotz aller Überzeugungskraft auch der alten Dame nicht, alle Zweifel über ihre Sicht auf die Chemie des menschlichen Körper auszuräumen. Trotzdem, ihre Vitalität in den Neunzigern und ihr Humor machen ihre Theorien sehr einnehmend.

Nopal, hier auch Tuna genannt, oder auf Deutsch Feigenkaktus, wie er hinter dem Haupthaus der Finca Singapur wächst.

Der Geschmack zwischen Spargel und Artischocke des Nopal ist interessant. Man muss ihn geschnitten eindämpfen, damit das Mark keine Fäden zieht. Übrig bleibt ein Gemüse von der Konsistenz vergleichbar der Essiggurke. Im Bild Nopal am Hang hinter dem Haupthaus der Singapur. Dort wird jeglicher Humus vom Regen weggeschwemmt, der Nopal wächst aber auch auf purer Vulkanerde. Weil man einfach ein Blatt in die Erde steckt und dieses dann anwächst, eignet er sich für die Wiederbesiedelung von erodierten Flächen. Anscheinend wird in Süditalien ebenfalls Feigenkaktus angebaut. Beim Zubereiten wird es ähnlich sein wie mit der Artischocke: mit Petersilie, Knoblauch und Basilikum. Bei deiner nächsten Visite wird dir das aufgetischt. Und zum Frühstück ein Smoothie aus Kurkuma, Nopal, Aloe Vera, Kurkuma und etwas Honig. Das schmeckt überraschend gut!

Bis dahin viele Grüsse

Markus


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Brief an die Cousine zur Anpassung

Hoi Elsbeth

Eine Bekannte in der Schweiz, mit der ich letzthin einige Male telefoniert habe, äusserte sich in einer für mich geradezu erschreckenden Weise zum von ihr empfundenen Stand der Umwelt. Über Rückstände im Trinkwasser, die nicht einmal mehr die Natur herausfiltern kann, Antibiotika, Drogen, Östrogene, was immer du willst. Ich hatte bisher immer nach dem Motto gelebt, dass man daran ja sowieso nichts ändern kann, und dass es durchaus ok ist, wenn Flugzeuge aufsteigen, um die Plage der Stechmücken zu mildern. Kannst du dich erinnern, zu Zeiten unserer zarten Jugend pflegten schon Flugzeuge aufzusteigen, um die Plage der Maikäfer zu bekämpfen. Beim damaligen Stand der Technik dürfte es sich um DDT gehandelt haben, ein der Volksgesundheit wenig zuträglicher Wirkstoff. Das Sprühen mit dem Flugzeug, zielgenau natürlich, fast auf dem Millimeter, wird heute auf der ganzen Welt gepflegt. Auch im Valle werden die Zuckerfelder so bearbeitet und eben nach der Ernte abgebrannt. Glyphosat-Bayer -von der übernommenen Tochtergesellschaft und Erfinderin Monsanto „Round-Up“ genannt- wird auf grossflächigen Werbetafeln immer noch als Weg in eine glücklichere Zukunft gepriesen. Ach, schon wieder dieser Fingerzeig über die Schweizer Grenze, wo doch auch die Schweizer Syngenta sich sehr um das Fortkommen der Andenvölker bemüht. Mit Gen-Mais, der sich nicht reproduzieren lässt, dafür dem Maiszünsler widersteht. Und einer riesigen Palette von Pflanzenschutzmitteln, deren sachgemässe Verwendung dem geistig weniger bemittelten Campesino von geschultem Verkaufspersonal näher gebracht wird. Da fällt mir die Tochter der Rosmyra ein, letztere, die Rosmyra hat ja ihre Kurzwarenhandlung in eine lukrativere Freikirche umgewandelt, während ihre Tochter als „Ich-AG“ im chemischen Pflanzenschutz aktiv ist oder war. Ich habe schon seit längerer Zeit nichts mehr von beiden gehört, möglicherweise ist ja die Tochter mittlerweile an Krebs verstorben. Nicht, dass ich es ihr wünschen täte, aber erstaunen würde es mich wiederum auch nicht. Sie pflegte mit vollbeladenem Pick-up durch die Gegend zu brausen und füllte aus grossen Kanistern die für die Kleinbauern adäquate Menge an Chemikalien um. Und tat so Gutes, indem sie die Segnungen der Neuzeit auch in den letzten gottverlassenen Winkel brachte.

Auch unsere Orchideen wurden teilweise mit Chemie gegen einen Käfer, Babosa genannt, am Leben erhalten. Damit ist jetzt Schluss, Don Arturo besprühte sie heute mit einer Brühe aus Pepperoncino Typ superscharf und Knoblauch. Das hat im Gegensatz zu meiner vermoderten Brühe aus Quassia-Holz gar noch sehr appetitlich gerochen. Aber die Orchideen leben von Natur aus vom vermoderten Holz und dies kann je nach dem überriechend sein.

Nein, Rosamunde Pilcher ist mir jetzt wieder etwas vergangen, obwohl mich die überkandidelten Gärten und die immer gleichen spinnerten Stories sehr amüsierten, oder mindestens nach durchwachter Nacht einschläferten. Aber letzthin musste ich ein krasse Fehlbesetzung erdulden, die dann doch störte. Da wollte eine als Tatort-Kommissarin abonnierte Schauspielerin das Oberhaupt eines Clans abgeben, was der Sache den kitschigen Charme raubte. Die Kostüme hingen an ihrer sportlichen Figur wie die Fetzen einer Vogelscheuche und sie stakste mit Stöckelschuhen herum, als wären es Holzböden. In einer falschen Umwelt echt zu wirken, das geht halt wirklich nicht.

Eben, man muss sich anpassen, so habe ich heute gegrillte Maiskolben gegessen. Die hatte ich gestern kräftig mariniert. Das war noch nie meine Leibspeise. Vielleicht das nächste Mal mit Kräuterbutter? Die Bohnen, die Don Arturo im Bild drischt, sind auch billig zu kaufen. Aber der Düngeeffekt und das viele Fasermaterial für den Boden machen es aus.

Einstweilen liebe Grüsse

Markus

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Der Dottore zum Wutbürger

Ciao Direttore

Spero tutto bene da te!

Ad deutsche Politik im Blog: Ich habe mir diese Woche nach langer Zeit wieder die eine oder andere deutsche politische Sendung angeschaut. Das SPD-Debakel und wie diese ach so soziale SPD zum wiederholten Mal äusserst unsozial und unzimperlich mit Verantwortungsträgern in den eigenen Reihen umgeht (warum wohl?). Oder wie die Erneuerung und Themensetzung verschlafen wurde, obwohl dies zum X-ten Mal seit 2006 auf der Traktdandenliste des Parteikongress steht und sich trotzdem nichts getan hat. Oder wie in der Groko die Meriten immer der CDU und die Schlamassel der SPD zugesprochen werden. Es ist nicht uninteressant, politische Sendungen oder Parlamentsdebatten verschiedener Länder anzuschauen und daraus Vergleiche anzustellen. Während die Italiener Spezialisten in „aria fritta“ sind produzieren die Deutschen inzwischen auch viel warme Luft und Ablenkungen aller Art.

Etwas eigenartig scheint mir dein Zugang über die entwaldete Kastilische Hochebene, wo sich doch Deutschland mit weit grösseren gemauschelten Umweltdebakeln hervor tut: Gorleben, Diesel-Skandal, illegale Gift-Schlacken-Entsorgung in Süditalien und Afrika, die Scheinwelt der CO2-Zertifikate, die problematische Bahninfrastruktur etc. etc.

Zu „Wir schaffen das“ habe ich vom Philosophen Sloterdijk den Konter aufgeschnappt, „es gäbe keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung“ (eines Landes; wirtschaftliche Untragbarkeit für die Rentensysteme und soziale Netze). Das grenzenlose altruistische Samaritertum des neuen Testaments sei nirgends verwirklicht und die Verfechter dessen seien zudem oft suspekt.

Was ist ein „Wutbürger“ überhaupt? Ich hatte den Verdacht, der Begriff werde politisch instrumentalisiert (Sarazin, Stuttgarter Hauptbahnhof) und eher ein Novum in deutschen Landen. Ich empfehle die Lektüre des folgenden Beitrags: https://sciencefiles.org/2015/10/26/wutbuerger-und-furchtbuerger/

Daraus die Konklusion: „Die Furchtbürger in den Redaktionen der Medien, wo auch immer sie sitzen, jene Furchtbürger mit Hang zur Unterwerfung und Ehrfurcht, welcher sie als perfekte Untertanen qualifiziert, sie empfinden nackte Angst vor den von ihnen als Wutbürger wahrgenommenen Demonstranten und deren latenter Drohung mit Aggression und Verachtung. Wenn sich Bürger auf die Straße über Politiker empören, die aus Sicht der Furchtbürger die Obrigkeit sind, dann wenn man die Empörten als Wutbürger bezeichnen kann, so die Hoffnung der Furchtbürger, würden eben diese Wutbürger kleinlau, beschämt, in sich gehend und, vor allem: würde verschwinden, aus der öffentlichen Wahrnehmung, weg aus der doch schönen Welt. In dieser stellen sie eine Bedrohung für die Obrigkeitsgläubigkeit dar, die die Furchtbürger tief verinnerlicht haben. Für den Fürchtigen ist jeder vom eigenen Desinteresse abweichende emotionale Ausdruck eine Bedrohung. Entsprechend muss die vom Furchtbürger erfundene Bezeichnung „Wutbürger“ nicht unbedingt bedeuten, dass Wutbürger Wut tatsächlich Wut empfinden, sie sagt nur, dass sich Furchtbürger vor der vermeintlichen Wut der Wutbürger Wut fürchten. Und diese Furcht, sie macht ihnen Angst.“

„Ein Mensch, ein Bürger hat ein „Emotionenportfolio“, das „neben der Wut noch Freude, Traurigkeit, Furcht, Überraschung, Vorahnung, Akzeptanz und Ekel als primäre Emotionen enthält.“ 

Ich meine, die Begrifflichkeit „Wutbürger“ ist bei dir Fehl am Platz. Der Wutausbrüche, die definitionsgemäss Politiker und Obrigkeit betreffen, sind in meiner Wahrnehmung und Erinnerung eher wenige (z.B. Wasserversorgung, Schweizer Konsulat in Cali, gelegentlich die Polizisten) und dort scheint mir die Wut eher eine Bürgerwut zu sein, aus empfundener Irritation, Humiliation oder Ungerechtigkeit (nach der Richardson Typologie). 

Kannst du mit dem sozio-/psychologischen Begriff „Unverfügbarkeit“ etwas anfangen? Ich hörte davon im Radio, wegen Pfingsten wurde – angelehnt an einem Essay von Hartmut Rosa über die Unverfügbarkeit –  dargelegt wie Religion als ein Mittler von Unverfügbarkeit gesehen werden könne. Ich fand eine Besprechung dieses Essays im Deutschlandfunk, daraus:

„Resonanz zeichnet sich nach Rosas durch vier Merkmale aus: Einmal durch „Berührung“ oder „Anrufung“ (etwas muss uns ergreifen, innerlich berühren), darauf muss es zweitens eine Reaktion in Form einer Antwort geben (ein Schauer läuft einem über den Rücken), wodurch wir uns drittens in unserem Weltverhältnis verändern (neugierig werden, wach bleiben, nicht verstummen). Und viertens gehört laut Rosa das „Unverfügbare“ wesentlich zu einer gelingenden Resonanzerfahrung dazu, die ausbleiben kann, obwohl offensichtlich alle Bedingungen für ihr Eintreten erfüllt sind: Resonanz lässt sich weder planen noch akkumulieren. Darin sieht Rosa ein sich zuspitzendes Problem. Hineingeboren in die spätmoderne Gesellschaft sind die Menschen fixiert darauf, beherrschen zu wollen, abzuarbeiten und effizient zu erledigen, was getan werden muss. Nichts soll dem Zufall überlassen werden. Bei der „Unverfügbarkeit“ haben wir es mit einem zentralen Problem der Moderne zu tun. Die Lösung des Problems besteht nicht in der permanenten Verfügbarkeit. Die Annahme, dass wir Resonanz erfahren, bekämen wir nur die Welt endlich in den „Griff“, erweist sich seiner Meinung nach als ein Trugschluss. In den Bereichen, wo es möglich ist, muss dem „Unverfügbaren“ Raum gelassen werden, da nur so Resonanzerfahrungen, nach denen wir uns sehnen, möglich sind.“

Um den Bogen zum Blog und dem für die Schiffsarmada benützten Holz zu schliessen: ich sah einen neuen Beitrag von FleurAustrale.fr, die vierköpfige Family um Segelguru Gauthier auf Weltreise auf ihrer Ketsch, diesmal im Gebiet Burma und Bangladesch. In einem Hafen in Bangladesch stiessen sie auf Holz-Schiffbau ähnlich dem von vor 200 Jahren oder mehr. Bangladesch besteht zu einem grossen Teil aus den Flussdeltas von Ganges und Brahmaputra. Beunruhigend ist der prognostizierte Klimawandel, besonders die steigenden Wasserpegel: + 1 Meter Meereshöhe, – 30% vom Land, davon sind ca. 20 Mio Personen betroffen!   

Buona domenica 🙂

F.

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Nachtrag an den Dottore zur Totenwache

Ciao Dottore

Also wenn ein Kind das andere erschiesst und der (zuständige) Vater die Waffe dafür zur Verfügung hält, dann hat das auch für abgebrühte Kolumbianer etwas Pikantes. Die traditionelle Totenwache gestattet es jedem Interessierten, unter dem Mäntelchen der Anteilnahme Maulaffen feilzuhalten. Aufgrund des grossen Andrangs fiel es mir zeitweilig schwer, mir mit dem Fortuner-Traktor Zugang zur Finca Singapur zu verschaffen. Ein wenig erinnerte alles an die absurde Kurzgeschichte „Los funerales de la mamá grande“ von Garcia-Marquez. Als unmittelbarem Nachbarn hätte es mir wohl angestanden, mich ebenfalls beim aufgebahrten Kind einzufinden. Aber weil ich weder agonisierende Sterbende noch blutüberströmte Leichen filme und mich auch ansonsten am fremden Leid nicht zu ergötzen pflege, habe ich mir das geschenkt. Für mich war das Erlebnis bizarr genug, im Auto durch den Menschenauflauf zu fahren, spiessrutenmässig sozusagen, und unfreiwillig einen Augenblick lang den starren Blick des kindlichen Kindsmörder zu erwidern.

Aber weisst du Dottore, das soll mich nicht anfechten. Ich habe mich, und das begeistert mich jetzt, notgedrungen selber an die Herstellung von Garbanzo-Burgern gemacht. Und wie immer in solchen Fällen ein besseres Resultat erzielt. Mit der ganzen Kräuterpalette, Zwiebeln, Knoblauch, gerauchten Aji und, vor allem, frischer Kurkuma-Wurzel. Von wegen, meine verfärbten Kunstnägel habe ich mir kostenpflichtig wieder abmontieren lassen. Die Garantie sehe das Hantieren ohne Handschuhe mit Kurkuma nicht vor. Die Nägel sind jetzt halt auch wieder gelb, aber das könnte ja noch ein Markenzeichen meinerseits werden. Frau Nestlé kann jedenfalls nicht konkurrieren, zusammen mit einer japnesischen Sauce, gegebenenfalls nur Soja, ist das ein Gedicht.

In der Galerie in Buga habe ich vor ein paar Wochen eine Dame namens Angela kennengelernt, die ebenfalls in den Kräutern wühlte, weil sie in ihrem herrschaftlichen Haus Anlässe für zahlende Kundschaft zelebriert. Das ist in Kolumbien recht populär, weil sich die Gastgeber in solcher Umgebung auch selber herrschaftlich fühlen können. Zahlen tut man ja so oder so. Nicht, dass ich mir solches auf der Finca Singapur wünschen würde, aber anscheinend möchte sie ihr Angebot mit meinen Produkten anreichern. Auch auf die Coppelia hat sie ein Auge geworfen. Man wird sehen, es würde einigermassen in meinen Alltag passen. In meinem Alter stellt man sich nicht mehr selber an den Herd.

Im übrigen harrt jetzt der junge Mais meiner. Ausser für Polenta hatte ich bis zum heutigen Tag für Mais wenig übrig. Aber das wird sich ändern, man kann ihm gegen die Süsslichkeit ja mit Fermentation und Pikanterie auf den Leib rücken. Glaub mir, dass das spannend wird.

Fast vier Meter hoch ist diese wild wachsende Maisstaude. Eben kein gentechnisch manipulierter Hybrid!

So, auf bald wieder, take care!

Markus

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