1. August-Ansprache für den Dottore

Ciao Dottore

Es ist „gierig“, „geil“, „erregend“ oder was immer du willst, wenn man sich bitten lassen darf. Weil dem so ist, habe ich lüstern auf eine weitere Aufforderungen gewartet, eine Ansprache für den ersten August zu schreiben. Und vor lauter Warten habe ich den Termin verpasst und muss sie nachreichen, die 1. August Ansprache für den Schweizerischen Nationalfeiertag. Wenn man sich bitten lässt, kokettiert man mit dem „soll ich, oder soll ich nicht?“. Natürlich würde ich nirgends und nimmer eine solche Ansprache halten, bestenfalls als gutmütiger Totsch, aber das käme nicht gut. Aber ich kenne Deine Erwartungshaltung und liefere darum pflichtschuldigst. Ich tue dies in Form eines Drehbuchs. Ein Drehbuch sollte wohl die Fantasie der Schauspieler als auch der Zuschauer anregen, aber weil ich die Hauptrolle selber übernehmen muss, sind die „Settings“ im Folgenden erklärt.

Personen:
Ich, meine Körperfülle unter wallendem Indio-Gewand verbergend.
Der Dottore, black-tie, Gel-Frisur und Designer-Brille
Ein Alphorn-Bläser im Sennechutteli und Filzhut
Eine Gruppe Chinesischer Touristen mit Reiseleiter
Mathilde Balzli, Schweiz-Kolumbianerin aus Brugg
Mitglieder des Schweizerischen-Kolumbianer-Verein
Ein Schweizer mit ex-Jugoslawischem Hintergrund

Ort: In der Altstadt von Zürich, zum Beispiel vor dem Prediger. Passanten ziehen achtlos vorbei, ich winke ihnen zu, aber jedermann wendet sich desinteressiert ab.

Ich zum Dottore, (verärgert):
„Also das stinkt mir, meine Ansprache interessiert doch da keine Sau. Ist das auch richtig angekündigt? „

In diesem Moment, dem Dottore die Antwort ersparend, taucht eine Gruppe von fünfzig Personen auf, die mir -auf einem Podestli stehend- erregt zuwinken. Ich hebe befriedigt an:
„Liebe Miteidgenössinen, Liebe Miteidgenossen, Liebe Mitleidgeniessende….“


Der Dottore stupst mich, ich werde meines Irrtums gewahr und spreche lässig lächelnd, als wär’s ein Witz gewesen -die Peinlichkeit übergehend- weiter:
„Dann halt eben: Meine lieben Miteidgenossen seiende….!“

Aus dem Publikum ruft ein Herr mit dicken Brillengläsern:
„Wir alle Chinesen sind hihi, was machst du da? Du reden, ich erklären und übersetzen!“

Ich, mit jähzornigem Tobsuchtsanfall:
„Jo gopfertammi Siech nomol!“

Der Dottore, mir und dem Chinesen geistesgegenwärtig -und begütigend- auf das auf mich gerichtete Handy weisend:
„Da YouTube, du schauen Internet, mit Subtitel Deutsch, Englisch und Chinesisch. Und ein bisschen Publicity. Schpäter, Schpäter!“

Meine Brust schwellt und ich hebe in Schweizerdeutsch zickig in’s Handy winkend nochmals an:
„Hoi zämme, sooo lässig, dass ihr alli do sind, ich freumi au, dammer Gäscht us China bin üs händ, äh, jetzt mueni nomoll aafange..“

In diesem Moment trollt eine Gruppe von Ex-Jugoslaven daher, die mit gutturalem Schweizerdeutsch rufen:
„Was macht denn der Alte auf dem Podest dort?“

Der Dottore hindert mich daran, „Ihr tumme Sieche!“ zu rufen und so kommt es zu Verbrüderungsszenen zwischen den Ex-Jugoslawen und den Chinesen. Zu ihnen gesellen sich angeheiterte Nordafrikaner, derweil eine Stimme aus der Menge ruft: Ich bi Schwiizer und wohne in Timbuktu“ Meinen Poncho raffend, und das Manuskript meiner Rede neu ordnend, ändere ich diese spontan:
„Liebe Miteidgenossen Seiende! Liebe Zu- und Ausgewanderte! Liebe alle, die ihr da seid!

Ich wende mich heftig winkend dem Handy zu und schreie:
Liebe Grüsse auch ins Welschland und ins Tessin, oder einfach überall dorthin, wo man mich gerade hört oder sieht. Bonsoir! Bonne nuit! Hi everybody! I love you all! Buenas notsches, Totsches!

Meine Worte lösen Begeisterungsstürme aus. Der Dottore bittet mit beschwörenden Gesten um Ruhe, derweil ich den Applaus wie im Fernsehen mit dämpfender Hand anheize. Geistesgegenwärtig, wenngleich nur scheinbar fassungslos, lasse ich die Begeisterung über mich ergehen. Auch der Dottore fügt sich wie schicksalsergeben der Überwältigung und lächelt beifällig- und aufreizend gequält- in das weitergewachsene, tosende Publikum. Ich schreie:
Danke schön, danke schön, danke schön!

Noch lauter schreiend:
„Jetzt ist gut!“

Und beginne meine Rede, die trotz allgemeinem Unverständnis andächtig verfolgt wird:
„Liebe Miteidgenossen Seiende“

In diesem Moment taucht eine Gruppe fröhlicher Mitglieder des Schweizerischen Kolumbianer Verein -mit der für sie typischen Verspätung- auf.
Marlene Balzli (schreiend):
Viva Suiza, Viva los Suizos, las Suizas y los siendo Suizos, Viva Colombia, Viva los Colombianos, Viva las Colombianas y las siendo Colombianas. Viva, Viva!

Der Schweizer mit ex-Yugoslawischem Hintergrund:
Wa het die Mueter fürr ä Problem?

Marlene Balzli (weiter schreiend):
„Eres Huber, el referente?“

Ich bejahe. Marlene Balzli (noch lauter schreiend, in ihre Gruppe):
„Hemos llegado entonces! ¡Cállanse!“

Die Kolumbianer schweigen ob der Autorität der Frau Balzli, was eine allgemeine Beruhigung mit sich bringt und langsam gar andächtige Stille.


Ich, innerlich nachdenkend:
„Jetzt passt meine Scheissrede nicht mehr, ich muss improvisieren.“

In diesem Moment kommt mir die 1. August-Botschaft der Schweizerischen Botschafterin in Kolumbien in den Sinn, den diese per E-Mail an ihre Landsleute verschickt hat und zitiere sie:
„Die Schweiz ist eine Demokratie, auch Kolumbien ist eine. Die Schweizerische ist direkt, aber die Kolumbianische, wenngleich indirekter, hat auch solche Komponenten. Wir stärken die Beziehungen zu Kolumbien immer äh: Die Schweizer Botschaft stärkt die Beziehungen der Schweiz zu Kolumbien, sie stärkt und stärkt sie, äh, immer wieder auf’s Neue!


Dank der Schlichtheit des Botschaft der Botschafterin hab ich diese noch ein wenig im Kopf und fahre weiter:
„Um das gegenseitige Verständnis zu vertiefen…… So habe ich als Botschafterin, sagt die Botschafterin, beispielsweise Gelegenheit gehabt, den Kolumbianischen Senatspräsidenten zu treffen, um das gegenseitige Verständnis zu vertiefen. Hat sie selber gesagt. Auch, dass eine Gruppe Schweizerischer Deputierter, National- und Ständeräte unter der Leitung von „Senador Jositsch“, der auch Kolumbianer ist, weil er die Bande derart gestärkt hat, dass er die Kolumbianische Staatsbürgerschaft dafür bekam. Und die Handelskammer und eben diese Delegation hat in der Residenz der Botschafterin Fondue gegessen, oder Achiaco, weiss nicht mehr…“


Ich spüre, dass meine Rede aus dem Ruder läuft und krame wieder im Manuskript.
„Vor zweihundert Jahren hat Kolumbien anlässlich der Schlacht von Boyacá seine Unabhängigkeit erreicht! Mehr als fünfhundert Jahre früher, nämlich 1315, hat unsere Eidgenossenschaft bei der Schlacht von Morgarten die Tyrannei der Österreicher von sich geworfen. Also, ich muss jetzt historisch korrekt so sagen: die Tyrannei dieser Aargauer von Habsburgern aus Brugg bei Baden, von wo aus das ganze Elend über Madrid schlussendlich bis hin nach Kolumbien gelangte.“

Ich lausche dem überwältigenden Effekt meiner Worte nach, da ruft Marlene Balzli:
„Ich komme aus Brugg und es gibt überhaupt kein Elend dort! Ausserdem, wir sind Kolumbianer, können Sie nicht Spanisch esprekken?“

Der Mann mit ex-Jugoslawischem Hintergrund ruft dazwischen:
„Wieder diese Mutter!“

Frau Balzli empört:
„Ah, du bist einer von diesen Esweizer, die beim Fussballspielen im Fernsehen den Stinkefinger zeigen. Aber jetzt haben wir euch in der Tabelle verdrängt, weil Gott die Rassisten hasst.“

Da ruft der Mann mit ex-Jugoslawischem Hintergrund:
„Dafürr habt ihrr Drogen genug, um den Wicht zu dopen, derr die Tour de France gewonnen hat“

Die Chinesen rufen:
„Hongkonk Hongkong“

und enteilen vorsichtshalber. Glücklicherweise nähert sich die Polizei. Zwecks Vorweisung der bewilligenden Papiere für diese Zusammenrottung zwingt man mich, vom Podestli zu steigen. Der Dottore hat die Papiere zu Hause vergessen. Wir werden verhaftet.

So Dottore, im Gefängnis kannst du dir weitere Gemeinheiten ausdenken.

Lg Markus

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