12. Brief an die Cousine

Hola Elisabeta

„Antes de mayo no te quitas el sayo“, geht das spanische Sprichwort, das eigentlich für die Kastilische Hochebene gilt und meint, man solle sich des „Untergstältli“ nicht vor Mai entledigen. Zu Zeiten, ich glaube April und Mai 97, studierte ich Spanisch in Salamanca, was wie Englisch in Oxford ist, und fror mir dabei zeitweise fast das Hinterteil weg. Dazumal gab es in Avila und andern Orts nur wenig Touristen und im Jahre 1974 waren ich und meine Schwester gar die einzigen Besucher der Alhambra von Granada. Du hast recht, diese Übervölkerung raubt unsereinem den letzten Nerv.
Wie es der Grete geht? Sie wird Ende Mai Dreiundneunzig Jahre. Ich muss sie nicht pflegen, wache aber über die Medikation, alte Leute leiden fast immer unter schmerzhaften Arthrosen. Ärzte, wo auch immer, würden ihr Kortison verabreichen, ich mache es mit Marihuana-Öl. Letzthin habe ich in der FAZ gelesen, dass Angehörige gegenüber Pflegebedürftigen gewalttätig werden können. Ich muss gestehen, dass ich das sehr gut nachvollziehen kann. Offenbar versuchen Betagte je nach jeweiligem Charakter, die für sie Zuständigen nach Kräften zu ärgern und herauszufordern. Grete ist von dieser Art, allerdings bei mir absolut an der falschen Adresse. So holt sie sich somit immer wieder verbale Watschen, mit denen sich die Dinge immer wieder bestens einrenken. Wer sucht, der findet. Einfach ist das nicht unbedingt, ich habe auch nicht erwartet, dass es einfach sein würde. Auf der anderen Seite habe ich mich früheren Zeiten zum Problem des Verbleibs der Alten in Artikeln geäussert, die in der EWZ-Hauszeitung glücklicherweise nicht veröffentlicht wurden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Abschieben von Alten und Hilflosen an den Staat endlos so weiter funktionieren kann. Dies aus dem einfachen Grund, weil es irgendwann einfach nicht mehr bezahlbar ist. Die Stadt Zürich leistet sich beispielsweise Alten- und Pflegeheime, die von einer Vielzahl Einwohnern bevölkert sind, die diesen Institutionen nicht im gebotenen Ausmass bedürftig wären. Soviel Geld, um den Aufenthalt selber zu berappen, haben die wenigsten. Kolumbien ist ein weites und wunderschönes Land mit vielen Arbeitslosen und westlicher Kultur. Ja, es wird Spanisch gesprochen, aber im entsprechenden Umfeld überlebt man dank Internet auch ohne. Kommt vielleicht die Frage auf, ob man in Kolumbien von der AHV alleine leben könnte. Unter den Umständen wie Grete sicher. Wie soll ich sagen, sie lebt halt einfach mit und das Personal kümmert sich um sie. Letzthin meinte Andrés, der Küchen- und Coppélia-Aspirant, es sei doch schön zu sehen, wie die alte Grete mit dem guten Essen glücklich sei. Vielleicht war das ein Hinweis auf meine ruppige Art, aber ich gab ihm recht, sie hat nicht mehr sehr viel, worüber sie sich freuen kann, also soll sie sich das gute Essen schmecken lassen.
Was die Zukunft allgemein anbetrifft, bin und war ich skeptisch. Man braucht wohl kein Prophet und Wissenschaftler zu sein, um vorauszusehen, dass der Welt ein wirtschaftlicher Chlapf ins Haus steht, der sich gewaschen haben und präzedenzlos sein wird. Diese unvorstellbaren Schuldenblasen, die faulen Kredite (allein in Europa sind es laut Dottore 290 Milliarden) und die mit Gratis-Geld aufgeblasenen Aktienmärkte werden laut knallend platzen. Sicher, zweihundertneunzig Milliarden wären an sich kein Problem, schwierig und nicht mehr beherrschbar werden die Kettenreaktionen sein, weil letztlich halt, allen gescheiten Theorien der „Gschtudierten“ zum Trotz, alles doch nur ähnlich einer Registrierkasse funktioniert.
Mein Vater, dein Onkel, das ist wahr, ist als reicher Mann gestorben. Er hat viel über Geld gesprochen, mit mir sowieso, weil wir des öfteren ein paar Tage gemeinsam in seinem damals noch frugalen Rustico im Calancatal verbrachten. Ich glaube aber nicht, dass ihm Geld in dem Sinn wirklich wichtig war. Was das Vermögen anbelangte, war sein Spruch immer: „Alles nur auf dem Papier“, und das stimmt! Was unsere Eltern verständlicherweise umtrieb, war die in der Jugend erlittene bittere Armut.
Der Zahlungsverkehr in Kolumbien wäre eines separaten Beitrags würdig. Die bittere Realität hat mich in dieser Beziehung zu einem Experten werden lassen. Trotzdem oder wie auch immer: Das Bureau von ENSAT ist geschlossen und Barzahlungen werden nicht mehr entgegen genommen. Wie haben einen Vertrag mit PayU, was ermöglicht, dass alle Einnehmereien von „efecty“ und des Lottosystems „Baloto“ als Zahlstellen dienen und wiederum die bezahlten Rechnungen automatisch verbucht werden. Unter diesen neuen Umständen kann ich das Kassenbuch unter meinen Argus-Augen von Edwin dem Kleinen führen lassen. Womit seitens meiner hiesigen Berater die Frage aufkam, ob die „Coppélia“ nicht eine Art Club werden könnte, wo nur Kunden mit pre-paid Karten verkehren können. Die Idee wäre mir vor nicht allzu langer Zeit als asozial vorgekommen, aber die administrativen Vorzüge, nämlich das Geld gierigen Fingern zu entziehen, sind nicht von der Hand zu weisen. Immerhin, einer Kundin mit drei halbwüchsigen Söhnen, die an mich selber gelang, sie könne das ENSAT-Abonnement mit der jüngsten Preiserhöhung nicht mehr bezahlen, habe ich persönlich eine massive Reduktion gewährt. Meine Zuträger haben bestätigt, dass ihre Not wahrhaftig sei.
Zum Schluss muss ich noch erwähnen, dass Viktor der Raser jetzt im Hexenhaus wohnt. Er hat Frau und Kind verlassen und ist neuer Mayordomo der Finca Singapur. Zu Frau und Kind kam er eben wie seinerzeit die Jungfrau, mit achtzehn Jahren als Folge eines sogenannten Unfalls, aufgrund dessen er von den Eltern mitsamt kirchlichen Sakramenten in den Ehestand katapultiert wurde. Darüber, dass das nicht funktionieren kann, braucht man wohl nicht weiter rechten. Jetzt muss ich schliessen, wie es mit dem ehemaligen Mayordomo war und weitergeht, berichte ich ein andermal. Tschüss!

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