13. Brief an die Cousine: Das gelbe vom Ei


Liebe Elsbeth

Das gelbe vom Ei gibt es wahrscheinlich nur im Ei, und auch dort ist es nicht immer gelb. Aber ich spüre sehr wohl, was du meinst. Ich denke, dass es eine Herausforderung ist, das Leben im Alter zu organisieren. Dabei müsste man wohl von traditionellen Rollenbildern Abschied nehmen. Ich glaube, dass eine Gemeinschaft die Herausforderungen besser meistern könnte. Spätestens wenn er im Altenheim ankommt, muss sich jeder daran gewöhnen, dass Personal die früher gewohnte Isolation stört oder stören muss. Ich möchte dort nicht ankommen, darum treibe ich hier allerhand Aufwand, damit ich in den eigenen vier Wänden abtreten kann. Dabei spielt es ja keine Rolle, wann das sein wird. Wir, ich rede ausdrücklich im Plural, sind hier so eine Art Schicksalsgemeinschaft. Victor und sein ebenfalls blutjunger Kollege Felipe managen den Anbau und den (mächtigen) dekorativen Teil der Finca Singapur mit Inbrunst. Die zwei sind mit der Landwirtschaft aufgewachsen und erzogen worden. Und es macht ihnen Spass, der sich auf mich überträgt. Weil die zwei im Hexenhaus wohnen essen sie natürlich auch mit uns, so dass es sich mit andern Worten lohnt, den Aufwand mit dem Kochen zu treiben. Häufig sind die von ENSAT auch noch da, womit eine kleine Truppe ernährt werden muss. Ich habe mich mittlerweile zum unbezwingbaren Spezialisten für Suppen gemausert. Man frisst mir diese aus der Hand. Und weisst du was? Es macht mir Spass! Köstlich und günstig sind sehr vereinbar. Die auf die Verlierer gefolgten jungen Leute bezeigen Interesse, einschliesslich der Schnupper-Lehrtochter, und lernen gerade das Pikante zu schätzen. Ich bin wieder auf die „moutarde de Dijon“ zurück gekommen, mit der es mir ergeht wie mit der Schokolade. Das goutieren der/des Letzteren lässt Erinnerungen an qualitativ bessere Zeiten anklingen. Teuer ist das nicht, im Gegenteil, aber man muss es halt machen. Und bietet sich als Ausgangspunkt für Höhenflüge, etwa Hummer mit einer dank erlesenem Material delikaten Senfsauce an. Das viele Gemüse, das wir essen, könnte man sich anderswo gar nicht leisten, hier ist es sehr preisgünstig und immer frisch.

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