14. Brief an die Cousine: Vom Gesunden


Hoi Elsbeth
Kannst du dich erinnern, dass das Bethli immer vom Gesunden predigte, der Brennesselsuppe beispielsweise, was mich in früher Jungend mit grossem Grausen erfüllte, da man doch mit Nesseln bereits unangenehme Bekanntschaft geschlossen hatte. Einmal radelte ich von Münchenweiler nach Winterthur und von dort auf den Rychenberg, wo unfern auch die Reinharts residierten. Es kam mir alles höchst vornehm vor, aber ich war trotzdem erleichtert, dass Tante Bethli die Drohung mit der Brennnesselsuppe mangels derselbigen nicht wahrmachen konnte. Später pflegte mir die Nachbarin in Cauco Brennnesseln zu verehren und dies nicht ohne deren harntreibenden Eigenschaften zu preisen. Ich fügte davon einer Gemüsesuppe bei und tatsächlich war dann auch deren leicht säuerlicher Geschmack recht angenehm. An den Harn kann ich mich nicht mehr erinnern.
Der Cidra (kann im Spanischen auch Bergamott-Zitrone bedeuten) oder mit chayote und viele unzähligen anderen Bezeichnungen bedacht, wie etwa Kartoffel der Armen, Kartoffel der Luft etc. werden noch viel mehr wohltuende Eigenschaften zugeschrieben: Gegen Krebs, Antioxidans, Zellverjüngung, Blutdruck und Kreislauf und vieles mehr. Es handelt sich um eine Pflanze, die weder gedüngt noch anderswie behandelt werden müsste und darum ist sie wahrscheinlich so wenig geschätzt, auch die unseren, es wachsen so viele, dass sie notgedrungen zu den Schweinen wandern. Ein kulinarischer Knüller ist sie püriert mit Hühnerbrühe als Creme-Suppe, der man einen Schluck Rahm beifügen sollte. Traditionell wollten die Kolumbianischen Hausfrauen der Cidra den Geschmack mit Zimt und eingedicktem Zuckersaft (Panela) austreiben. Auch Bohnen und einer Art Cheese-Cake wird sie beigefügt. Wir haben das ausprobiert, mit den Bohnen ok, den Rest kann man vergessen. Durchaus wohlschmeckend ist sie hingegen als Saft, der gewonnen wird, indem man sie mit braunem Zucker und Zitronensaft mixt. Darin ist viel Faser enthalten, was natürlich furchtbar gesund ist. Ich bin demgegenüber überzeugt, dass sich auch eine achtbare Alkoholika aus dem Gewächs destillieren liesse. Auf diesem Gebiet bin ich ebenfalls noch immer keinen Schritt weitergekommen. Es fehlen mir die Alliierten. Ein Sorbet soll ebenfalls vielversprechend sein.
Freund Alvaro, der Elektriker, hat mich dagegen auf Idee gebracht, Erdnüsse (Mani), die ja hier auch wachsen, selber zu rösten. Zu diesem Zweck lässt man die Nüsse in Salzwasser quellen und röstet sie anschliessend im Ofen. Ich füge dem noch andere Pikanterien bei und du glaubst nicht, wie köstlich das wird.
Im Zusammenhang mit ENSAT beziehungsweise der Übertragung von Daten von Cali in das Hinterland, musste ich gestern die Hügel oberhalb Yumbo aufsuchen. Yumbo selber liegt meistens im Gestank einer Düngemittelfabrik, auch sonst gibt es allerhand Wohlstand stiftende Industrie, die die Luft mit sichtbarer Verschmutzung schwängert. Es ist also nicht der Ort meiner Träume und ich sass dort säuerlich mit meinem Personal vor einer Kaffee/Bäckerei wie ein Schwarzer mit Dreirad-Lastesel vor uns auffuhr und Früchte feilhielt, derer Qualität ich auf zwanzig Meter Distanz gewahr wurde. Ich schickte einen meiner Leibeigenen vorbei, man solle mir von den Pflaumen zu kosten geben. Die waren von hohem Wohlgeschmack, hatten allerdings auch ihren Preis, wenigstens für Kolumbien. Wenn es vier Pfund sein dürften, würde er sie mir für fünfzehntausend überlassen, schrie mir der Schwarze zu und wusch andere Früchte mit mitgebrachtem Wasser, um sie mir zum Kosten darzureichen. Ein guter Verkäufer, gell, aber was hätte es ihm genutzt, wenn seine Ware nicht von allerbester Qualität wäre. Pflaumen und Pfirsiche aus Boyaca, Pitaya aus Cauca und die Mangos, wie ich sie noch nie im Leben vorher gekostet hatte, eigenartigerweise aus Peru. Nachdem ich die Aktionsangebote bezahlte hatte, steckte mir der Händler noch einen Sack gewaschener Früchte für den „Weg“ zu. Das ist (auch) Kolumbien.

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