15. Brief an die Cousine


Hoi Elsbeth

Zuallererst eine Anmerkung: Vater Huber hat sich nicht auf das Geld als Papier bezogen, sondern das Auf und Ab der Börse, das auf dem Papier stattfinde und ihn an sich gleichgültig lassen könne. Womit er ja recht hatte. Der Kollege des Angestellten Viktor, er heisst Felipe, kam gestern beim Ausputzen des Bananenhains mit einer Petersilie-Raupe in schmerzhaften Kontakt. Die Raupe hat oder hatte, Naturschützer Viktor entsorgte sie unfotografiert an einem ihm sicher scheinenden Ort, wobei er das Schmunzeln über den schmerzgepeinigten Felipe nicht lassen konnte, etwa die Grösse einer Wiener-Wurst. Felipe versorgte ich mit Anti-Histamin, was allerdings bei der bereits zum Platzen geschwollenen Hand nicht mehr viel half. Dem Armen lief der Schweiss von der Stirne, was mich einen Kreislauf-Kollaps fürchten liess, währenddessen ich ihn auf einen Sessel drückend auf Abhilfe sann. Mir kam die Anwendung von Essig und Zwiebel in den Sinn, das half wunderbar, seither gelte ich als Wunderheiler. Ich glaube, dass diese versunkenen Kenntnisse von Tante Marti stammen, die auf Insektenstiche hochallergisch war. Sie lebte doch mit dem riesigen Mostbirnbaum vor dem Haus, und vielem andern mehr, in einem Wespenparadies sozusagen, in einer wegen ihrer Allergie feindlich gesinnten Umwelt also.
Die Dame im Bild ist eine Tscheff, eine routinierte Köchin, die sich gemeinsam mit einer Arbeitskollegin für die Coppélia testen lässt. Im Zusammenhang mit der Rekrutierung von Personal für die Coppélia ist Geduld von Nöten, und die ich aufbringen will bzw. muss. Die Tscheff und ich verstehen uns an sich recht gut, jedenfalls weiss sie, von was sie redet. Als sie sich meiner gegenwärtigen Fixierung auf die „Cidra“ gewahr wurde, bot sie sofort an, ihre Variante eines Cidra-Salats zu produzieren: etwas aufwändig, aber interessant! Sie gehört wie Julio, mit dem man sie allerdings überhaupt nicht vergleichen kann, zu den Leuten, die mich inspirieren.
Von wegen Cidra: Diese Frucht ist wie das biblische Manna, man kann es zum Frühstück als Saft mit Faser, zum Mittagessen als Suppe und zum Z’Nacht mit Bohnen essen, ansonsten als Eis, konfitiert oder wie auch immer. Das wäre gut, günstig und auch gesund, wenngleich verleidelig, obwohl sich je nach Art der Zubereitung immer wieder ein völlig anderer Geschmack ergibt. Die Tscheff neigt zu süsslich zubereiteten Speisen, immerhin mag sie pikant und schätzt den Senf Maison ausserordentlich. Der Dottore hat, ich bin allerdings nicht sicher, ob er sich das nur einbildet, mir von Schwarzbach ZH Fenchelsamen mitgebracht. Die habe ich vergiftet in allen Schränken gesucht und nirgends gefunden, dafür entdeckte ich ihn in der Tienda del Pan, die allerdings inmitten des Chaos von Cali liegt, und wo ich nur dank meiner verwegenen Chauffeure wegen hingelange. Kulinarisch bin ich selber noch nie zu Fenchelsamen vorgedrungen, aber man bräuchte sie mancherorts sehr zu recht. Und häufig kommt mir -welche Samen jetzt auch wieder?- alles durcheinander. Weil Koriander-Samen nicht, wie ich glaubte, einfach mit frischem Koriander zu ersetzten ist. Das eine hat mit dem andern nichts zu tun.
LG und bald mehr!

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2 Kommentare zu 15. Brief an die Cousine

  1. scheff sagt:

    Ich verfolge den Blog immer noch aufmerksam und mit Argusaugen (gäll Markus!!):

    Der Gast kann da wohl sitzen, ohne das er zu *kochen anfängt. Ob er das aber wirklich tut, bleib abzuwarten, denn es droht nun anderes Ungemach von oben! Habt ihr den Vogel bemerkt, welcher es sich auf dem abenteuerlichen Gestänge der Stahlkonstruktion bequem gemacht hat? Bon appetit!

    * und welcher Gast kocht schon in einer fremden Beiz??

  2. Markus Huber sagt:

    Es gibt auch Vögel, die für das Auge nicht ersichtlich sind, auf Gestängen, die unergründlich sind. Gute Idee, man sollte auch einmal den Gast kochen lassen!

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