Des Dottores Sicht auf das Böse

Ciao Direttore!

„Über das Böse“ ist auch der Titel eines Buchs von Hannah Arendt mit dem Zusatz „Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik“ aus ihrem Nachlass. Beim Durchblättern stach mir folgende Passage ins Auge: „Wir könnten ein bisschen besser dran sein, wenn wir uns erlaubten, die Literatur heranzuziehen, also Shakespeare, Melville oder Dostojevski, bei denen wir die grössten Schurken finden. Bei den grössten Schurken gibt es in den Tiefen immer Verzweiflung und den Neid, der zur Verzweiflung gehört. …Schon immer gab es um den wirklichen Übeltäter so etwas wie eine Aura von Vornehmheit, allerdings selbstverständlich nicht bei den kleinen Halunken, die lügen und beim Spiel betrügen. Jago und Claggart handeln aus Neid auf diejenigen, von denen sie wissen, dass sie besser sind als sie selbst; beneidet wird die schlichte, gottgegebene Vornehmheit des Mohren (Othello) oder die sogar noch schlichtere Reinheit und Unschuld eines Unterdeck-Matrosen, demgegenüber Claggart ganz klar gesellschaftlich und beruflich besser darsteht. Nach Nietzsche respektiert der Mann, der sich selbst verachtet, zumindest denjenigen in ihm, der verachtet! Doch das wirklich Böse ist das, was bei uns sprachloses Entsetzen verursacht, wenn wir nichts anderes mehr sagen können als: Dies hätte nie geschehen dürfen.“

Ein Paukenschlag? Frau Arendt hat die Vorlesungen 1965 in New York gehalten, also lange vor Eintritt des heute allgegenwärtigen digitalen Zeitalters. Nach der Lektüre von „The game unplugged“ (Rivetti /Iannizzotto, 2019) scheinen aus deinen Zeilen die dort beschriebenen „Trends“  hervortreten. Es gebe beispielsweise eine „Retromanie“ (Wahn, die Vergangenheit zu verklären) und ein „Mal d’archivio“ (Archivierungsproblem) festzustellen. Das Internet vergisst nichts, wie es etwa der ansonsten politisch gar so korrekte Premier Trudeau Kanadas mit einem als „rassistisch“ empfundenen Foto seines Auftritts als Mohr aus dem Jahr 2001 erfahren musste. Es gibt die Epoche der Zeit vor der Cloud und jetzt die mit Cloud. Wie schnell die Daten in der Cloud die zuvor über Jahrtausende angefallenen Daten (ohne Cloud) um ein Vielfaches übersteigen! Wie immer mehr „Erlebnisse“ in Statistiken (oder Daten) überführt werden: persönliche Profile, Schrittzähler, Videogames-Spiellevels (skills), etc. Daher bedroht der der Kombinations- Effekt aus Retromanie (kulturelles Ebene), das Wuchern der Archive (technologische Ebene) und der Plattformkapitalismus (Google, Amazon, etc, auf wirtschaftlicher Ebene) die Idee einer geteilten Realität (gemeinsame Wahrnehmung) und die öffentliche Diskussion darüber. Wer sich nur innerhalb der eigenen „Blase“ informiert, weiss nicht, was sein Gegenüber liest und schaut, und weil unsere Wahrnehmung aus Profilen erzeugt wird, teilen wir mit niemandem eine Realität. Wovon und über was unterhalten wir uns dann? Reales und digitales Leben verschmelzen (wird uns suggeriert!). Verlaufen die Geschehnisse hier als auch dort, in einem einzigen Raum? Werden wir Amphibien zwischen zwei Welten, die verbunden, gleich(wertig) und doch so unterschiedlich sind?    

Wenn durch das digitale Archiv jedwelcher Stil immer verfügbar ist, wie wähle ich dann meinen eigenen, ohne von der Auswahl erdrückt zu werden? Wenn der soziale Druck, einzigartig sein zu müssen („sich selbst sein“) steigt , steigen via enormer, von den sozialen Netzwerken vorgelegten Identitäts-Archive, gleichzeitig „die Leben der Anderen“ vor die Augen. Ein Ausweg kann dann nur noch eine Explosion oder das Grollen aller gegen alle sein. So läuft das eben heute, in dieser Welt bewegt sich Trump und gar nichts anderes macht er! Für ihn ist seine Filter-Blase Realität, alles andere ein Fake. Damit zurück zum Start: Ist es „über das Böse“ oder eben eine mit dem digitalen Zeitalter (bedenkliche) verbundene Erscheinung?   

Liegt das tatsächlich an Mangel von Bildung und Kultur? Konkret: welche Bildung und welche Kultur meinst du? Und wie wäre dem zu begegnen? Sowohl Bildung, Kultur, Natur oder biodynamische Landwirtschaft erfordern Zeit, Erfahrungen und einen Lernpfad mit guten Lehrern bzw. Lehrmitteln. Das geht nicht „husch husch“ und schon gar nicht auf einem vergifteten Boden. Und doch ist die möglichst mühelose Abkürzung via Copy & Paste, mittels erstbestem Eintrag auf eine Suchanfrage oder einem maschinell übersetzten Text sooo gefragt. Finessen um das Wissen (oder gar das Wissen selber) gehen verloren: ich frage mich gerade, welche Übersetzung sich für „Surici fritti“ in andere Sprachen anbietet. Wohl keine brauchbare. Viel klüger wäre es, von einem (fachkundigen) Menschen eine Erklärung zu erbitten! Wenn nur das Auge (also der Sehsinn) im Vordergrund steht und die restlichen Sinne verkümmern, dann werden Pflotschtomaten und dergleichen zur akzeptierten Norm: weil es kaum noch einen Menschen geben wird, der mit allen Sinnen eine gute Tomate zu schätzen gelernt hat. 

„Letzlich zeigte das Büchlein, dass alles Übel entstand, weil Menschen das Essen nicht geniessen konnten“ (Jergovic). Wird es bald überhaupt nur noch Nichtgerner/innen geben oder wird sich das von alleine erledigen, weil alles nach gar nichts mehr schmecken und nur noch danach aussehen wird? „Du verbringst einen guten Teil des Tages einem Robot zu sagen, du seist kein Robot. Denke zwei Minuten darüber nach und sag mir, du hättest nicht Lust über den Ozean zu laufen.“ (J. Mulaney).

Ich vermute, dass Don J.P. die Grüsse aus Reims passend zum Geburtstag geschickt hat. Das ist für mich weder eine Bosheit noch eine Demütigung. Vielmehr eine Aufforderung an dich, mal wieder in Europa die Füsse zu bewegen. Natürlich – sofern erwünscht – mit fachkundiger Führung und Gesellschaft. Don J.P. musste schliesslich dafür auch nach Reims rösseln. Es handelt sich um keine Demütigung, als vielmehr um eine Unverfügbarkeit (H. Rosa). Manches gibt es nur an bestimmten Orten und selbst dann auch nicht immer! Aber es gibt Alternativen, so wie du das schilderst. Möglicherweise nicht ganz das Gleiche, aber immerhin. Wichtig ist, sich die Neugier zu erhalten und da wird man bei einem Land wie Kolumbien auf vielen Domänen immer fündig, sofern man sich die Mühe macht. Man lernt nie aus. Die umgekehrten Unverfügbarkeiten (z.B. bei den meisten tropischen Früchten) haben wir ja hier auch.    

Sich selber böse zu finden, weil man die Dinge so benennt wie sie eben sind, finde ich erstmal eine merkwürdige Formulierung. Sollte nicht so sein. Ok, man zweifelt vielleicht hinterher, ob man Ton und Inhalt getroffen hat. Hart auf hart ist das gern nicht der Fall. Aber sich selber ex ante böse zu finden? Vielmehr sind es die Empfänger der Botschaft, die diese aber nicht (so) hören wollten oder gar dadurch verstört sind, die einem das zu verstehen geben. Sofern man es denn selber hören und annehmen möchte! Offenbar fördert die „Häkchen-Like-Kultur“ eher eine Schneeflockengeneration als eine Streitkultur (auch ein belastetes Wort!). 

Über die deutsche Strommarktliberalisierung höre ich gemischtes. Onshore Windpärke haben es schwer (Rekursblockaden) und die Leistungseffizienz dieser Parks ist nicht wirklich berauschend. Der Atomenergie Run-Off gestaltet sich auf mehreren Ebenen schwierig: Interessenkonflikte wegen der Beteiligung der öffentlichen Hand an den grossen Stromversorgern, massiv unterschätzte Kosten des Rückbaus, fehlende Endlager für hochradioaktives Material, entstehende Energielücke, etc. Ich kann keine Glanzleistung gegenüber der Schweiz erkennen. Vielmehr scheinen die gleichen Berater im Hintergrund am Werk zu sein.

Nach den Lesen deines vorletzten Blogs fragte ich mich, ob du dem EWZ schon  Projektanträge für CO2 Kompensation in Kolumbien gemacht hast. Wären die nicht froh unter fachkundiger, schweizer Aufsicht eines hochgeschätzten ehemaligen Mitarbeiters ganze Gebiete zu renaturieren?

Die Tomate kam vor Jahrhunderten aus Südamerika nach Europa. Sie musste ja damals auch überleben! Wie kommt man an möglichst alte, heimische und resistente Sorten, die für deine Boden- und Klimaverhältnisse geeignet wären? Vielleicht wissen Indios rat oder die hiesige pro specie rara Stiftung (oder die Slow Food Stiftung). Ich meinte, die verkaufen via Webshop auch Samen. Ich kannte bis vor drei Jahren die Küssnachter Tomate nicht. Derzeit gibt es meines Erachtens fast nichts Besseres: je vertrakter die Form, desto besser der Geschmack! Leider ist sie eher schwer zu finden und nur über eine kurze Zeit verfügbar. Eine Welke kann es geben. Wichtig wäre zu verstehen, wie es dazu kommen konnte und welche Möglichkeiten dagegen bestehen. Und dann nicht immer grad mit Fungi- und Pestizide als erste Ratio hantieren.        

Das Tessiner Fernsehen berichtete über die drei Finalisten für den Kaktus für das Produkt mit dem bedenklichtsten CO2 Fussabdruck. Es handelte sich

1) um einen gekochten Schinken aus Schweinen aus Holland, in Italien verarbeitet, in Oesterreich zugeschnitten und in der Schweiz verkauft;

2) aus Schweizer Alpenluft in Druckluftdosen inkl. Mundstuckdispenser (9 Liter komprimiert à 20 Fr);

3) Voss Mineralwasser aus Norwegen (vermeintlich „artesianisch“).

Die Schweizer Alpenluft, den Schlagrahmdosen ähnlich verpack, wird den Touristen am Titlis direkt verkauft, oder als Gag direkt an smoggeplagte Städter in Bangkok, Peking oder New Delhi verschifft (Swiss Air Deluxe heisst die Firma). Die eingeatmete Luft soll gemäss Webseite sogar potenzsteigernd sein! Der Pneumologe des Spital in Bellinzona gibt aber zu Bedenken, dass ungefähr neun Liter Luft in einer Minute eingeatmet werden. Für körperliche Leistung braucht es mehr, sodass für einen Tag Kosten von rund Fr. 15’000 an Alpenluft entstehen (würden).

„Der Zwerg gab erst am Tor der Irrenanstalt auf, einem alten kaiserlich-königlichen Gebäude im Schatten vieler Eichen, gepflanzt vor langer Zeit im Glauben, auf ihnen könnten sich die Augen der Verrückten ausruhen, damit sich ihre Seelen beim Anblick des dichten grünen Laubs beruhigten, und inzwischen zu einem richtigen Urwald herangewachsen, so wild und ungebändigt wie die Irren. Wenn eine Krankheit ansteckend ist, dann der Verlust des Verstandes. Umsonst wird es in Büchern anders dargestellt. Der Wahnsinn überträgt sich durch die furchterregende Logik der Elementargewalten.“ Das Walnusshaus, Jergovic

Un caro saluto

F

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