An den Dottore: nice que dice oder Apollinisch und Dyonisisch neu aufgerollt

Lieber Dottore

Gestern habe ich telefonisch mit Helensche mögliche Weiterungen im übersinnlichen Fall des „Monostatos“ diskutiert, ohne dass wir zu einem Ergebnis gekommen wären. Monostatos trägt seinen Übernamen übrigens (für alle, die das nicht mitbekommen haben) in rassistischer Übernahme der Bezeichnung des schwarzen Haremswächter Monostatos in der Mozart’schen Zauberflöte. Sobald es mir gelingt, für diesen Blog ein Ebenbild des türkischen „Bassa Selim“ auszumachen, werde ich mich wenigstens teilweise vom Vorwurf der Voreingenommenheit rein waschen.

Das „sachliche“ (apollinische) und das „rauschhafte“ (Dyonisische) -fürchterlicher Zungenbrecher- darf man nicht einfach damit abtun, dass Nietzsche irgendwann dem Wahnsinn anheim fiel. Oder er sich, da man zu seinen Zeiten von seiner Bildung gar eingenommen, er sich im Wahn darin verrannte. Aber trotzdem, du hast schon recht, es ist mehr als etwas daran. Das ganze Leben verläuft apollinisch-dyonisisch. Also, die Frau des Tscheff, was die Csilla ist, die hat bei mir das Apollinisch-Dyonisische astrologisch als derart kontrastierend diagnostiziert, dass eben daraus meine unselige Persönlichkeit resultiere. Dafür sind meine Kontakte, tierische und menschliche, häufig sehr fruchtbar.

Darum komme ich jetzt noch einmal auf meine Unterhaltungen mit dem „Pianisten“ zurück. Dieser führte das „Sachliche“ oder das „Rauschhafte“ nicht allein auf den Zeitpunkt der Schöpfung beziehungsweise jenem des Ausklingens des Tons zurück, sondern darauf, wie er eben wiedergegeben werde. Im Nachgang klingt das jetzt in meinen Ohren viel weniger geschwollen, als im Moment empfunden. Was mit meiner allgemeinen Skepsis etwas zu tun hat. Bei der Wiedergabe seines Beethoven „Mondschein“ mittels YouTube auf dem Handy, drängte sich als erstes die misstrauische Frage auf: „ist er’s oder ist er’s nicht?“. Weil er im Video keinen Zwirbelbart trug. Und er wiederum mein Unwissen bezüglich des Pedalgebrauchs bei eben dieser Mondschein-Sonate auf mein fremdsprachliches Unvermögen zurückführte und nicht auf die schlichte Tatsache, dass ich gar nicht Klavierspielen kann. Dieser Art ereignen sich transzendentale Momente, wo man sich gegenseitig nicht mehr richtig zuhört. Und er auf das Rauschhafte des Jorge Bolet hinwies, während dessen ich damit beschäftigt war, internetmässig herauszufinden, wer das überhaupt ist oder war.

Aber es kam dicker: dass Igor Levit, -der auf dem Olymp der musikalischen Anerkennung sitzende Pianist-, das Publikum verrückt mache. Glücklich, wieder Boden unter den Füssen zu gewinnen, erwiderte ich trocken, dass man das man seit Elvis Presley kennt. Nach des Pianisten Ansicht sei es aber ein anderes Verrücktwerden, und er suchte nach dem beispielgebenden „Marsch der Pilger zum heiligen Gral“, oder ähnlich, aus Wagner’s „Parsifal“. Und dann tschumpelten die Pilger, aus der Alexa gut vernehmlich, und mit Levit’s Lesart tatsächlich enervierend, zum „Gral“. Weisst du, Dottore, schon das Wort „Gral“ klingt in mir, oder wenigstens in meinem Widerspruchsgeist, nach Don Quijote, der wegen exzessiver Lektüre von Heldensagen ebenfalls irre wurde. Daniel der Pianist findet, dass es gar nicht darum gehe, sondern dass der Levit Igor es sich leisten könne, das Publikum mit solchem zu foltern. Mehr noch, gar politische Statements der linken Art in seine meistens betuchte Zuhörerschaft zu schleudern. Der Mann sei genial und in diesem Sinne „súper chevere“, was in diesem Fall „ultra cool“ meint. Unverständnis mimend warf ich ein, der Mann, Levit, wirke auf mich eher schmächtig.

Weisst du was, Dottore? Es spiegelt sich im Vorgesagten diese Kolumbianische oder Südamerikanische Begeisterung für die Fiktion. Alle Menschen Brüder würden und so ihnen das Glück hold, sie eines Klaviers habhaft und noch genügend dazu übend, zu einem „Igor Levit“. Und auch dann noch Brüder blieben, wenn sie wie Levit’s Kollege Lang Lang von einem haltungsbedingten Zimperlein ereilt, für’s Aufrauschen verhindert sind. Und es dann gelegen kommt, wenn man -dank hart erarbeitetem Ruf- wenigstens sneakers oder Badehosen verkaufen kann, und dazu noch das nach aussen gekehrte Innere.

Igor Levit ist ein Kind des digitalen Zeitalters. Es ist für ihn und sozial genug, dass er als grossartiger Pianist medial gegenwärtig sein kann. Und weisst du was, Dottore? Ich finde das ungeheuchelt „chevere“ oder eben „cool“. Dank dieser Tantiemen-losen Präsenz in YouTube erreicht er weltweite Präsenz für seine Anliegen. Sowieso, die Verbreitung klassischer Musik sei dank Internet stark im Aufwind. In diesem Sinne hätte der Stadtrat der Stadt Zürich dem Ansehen derselben mehr gedient, wenn er anstelle des „Tatorts“ die Verbreitung der Aufführungen der Zürcher Institutionen über Internet subventionieren würde. Dafür darf man auch Geld verlangen und es wirkt prestigeträchtig. Mancher zahlt gerne, wenn er nicht aus dem Haus muss und sich das Gebotene auf dem Bett liegend, die Stöpsel in den Ohren, auf dem Tablet mancherlei besser „hereinziehen“ kann, als an der Stätte des Geschehens. Ich weiss, „Mood’s“ macht das schon lange. Die Demokratisierung der Kunst mitsamt Tourismus-förderndem Blick auf die städtischen Schönheiten.

LG

Markus

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.