An den Dottore, zurückbuchstabierend

Ciao Dottore

Vielleicht würde ich von der „urban language“ doch besser die Finger lassen, denn „zweitrangige“ Orchester gibt es nicht, höchstens weniger konzentrierte, weil sie ein aufziehendes Gewitter irritiert, oder weil sie das Aufwärmen des immer gleichen langweilt, oder weil man die Probezeiten aus finanziellen Gründen limitiert.
Wie jeder, der da so boshaft gelacht hat, weiss: Es gibt auch keine „screaming Ladies“. In keinem Stimmregister! Mir ist es wegen meiner guten und ohne Formelhaftigkeit als Person und Sängerin hochverehrten Freundin Ornella Lapadula natürlich nicht recht, sowieso man meistens auf Kosten anderer lacht. Und doch steht die Ornella in direktem Bezug zur „screaming Lady“. Das begab sich so: Am Buffet anlässlich des Neunzigsten von Mutter Meteli entschuldigte sich der Onkel Ruedi, Vater der an diesem Blog mitbeteiligten Elsbeth, dass weder er noch sein Hörgerät den zeitweiligen Phonstärken eines Steinway’s oder der Stimme Ornella’s gewachsen seien. So dass dieses ausser Rand und Band gerate, der Tinnitus ist schmerzhaft, es töne für ihn mehr wie gellendes Schreien. Damit ich nicht böse sei, wenn er sich diskret von der Veranstaltung zurück ziehe. Eine ebenfalls in den Speisen herumstochernde Britin kommentierte seine wortreiche Entschuldigung mit der typischen Humor ihrer Landsleute: „in other words, he doesn’t like screaming ladies“. Ausser ihm, ebenfalls gegen die Neunzig schreitend, wollte eben niemand gehen, man zischte, er solle nicht so tun, während er jammerte, wenn er gewusst hätte, dass hier dieser Art gesungen werde, hätte er selbstverständlich abgesagt. Mein Neffe, damals noch ein kleiner Junge, fragte indessen die Ornella, ob es ihr gegebenenfalls möglich wäre, Gläser zu zersingen. Die kinderliebende Ornella meinte, dass ja, aber es werde sich vielleicht eine geeignetere Gelegenheit ergeben. Und weil ein Nachbar gerne „von Luzern gäge Wäggis zue“ und nicht nur so überkandideltes Zeug wie „caro bambino mio“ hören wollte, trat die gutmütige Ornella in den Wurlitzer-Modus und sang neben vielem anderen: „Keine Sau ruft mich an!“ Weil damals gerade die „Comedian Harmonists“ im Schwang waren. Im Witz weist die Ornella auch auf ihre Fähigkeiten als „Tenoreuse“ hin, Ausdruck den ich äusserst witzig finde, der aber sowohl auf ihre bescheidene Art als auch auf ihre unendlichen Möglichkeiten hinweist. Letzthin wollte ich sie necken, sie müsse dann in Kolumbien „Isoldes Liebestod“ singen. „Ja“ -antwortete sie im Ernst- „diesen Wagner sing ich dir!“ Und ich weiss, dass sie es tut, und nicht nur das. Also freue ich mich. Ob sie SSiangwong, der sie damals auf dem Höllenritt des Wunschkonzertes begleitete, auch gleich „mitbringen“ solle. Ich müsste dann tief in meinen Kochkenntnissen wühlen, unter anderem italienischen, was glaube beide schätzen. Auch italienischer Wein lässt sich beschaffen, natürlich kein „Lacrima Christi del Gesú“! Um so die Realität der „Ghirolami“-Panini wie vieles andere ins Land des Absurden zu veweisen. Man lacht mehrheitlich auf Kosten anderer, besser wäre es ob dem Absurden. Wie beispielsweise, dass sich der zierliche und neben der stattlichen Ornella verloren wirkende Ssiang Wong auf die Aufforderung hin, er solle ein Solo spielen, verzweifelt rief: „Ich kann doch nur Klassisch!“ Nachdem er sich im Wunschkonzert improvisierend derart achtbar geschlagen hatte, wurde ihm dieses Schwäche gerne nachgesehen. Er bot „Karnaval“ von Robert Schumann als Referenz an die in der Fastnachtszeit geborene Jubilarin. Der Legende nach warf meine Grossmutter das für die Herstellung von „Fasnachtsküchlein* benötigte Nudelholz in die Ecke, um zur Geburt ihres vierten Kindes zu schreiten.

Gänzlich unvorbereitet hat mich der Tod von Jessy Norman getroffen, mit Elvira, Clari und mehr haben wir ihrer lauschend gedacht. Was hätte sich mehr angeboten als besagter Liebestod, den die Norman beim letzten Konzert von von Karajan mit seinen „Berliner Philharmonikern“ in Salzburg sang. Es war längst öffentlich, dass die Liebe zu den „Berlinern“ wegen der Weigerung des Orchesters, eine Flötistin aufzunehmen, mehr als nur erkaltet war. Insofern war die Aufnahme des „Liebestods“ ins Programm eine Ansage. Im Ernst, Jessye Norman war der Star des Abends und tauchte über dem Orchester thronend dieses und Karajan in den Wohlklang ihrer gewaltigen Stimme. Der grosse Maestro schien gar mitzusingen. Das alles konnte dank kostensparender Co-Produktion des Österreichischen ORF mit „Universal“ am Fernsehen mitverfolgt werden. Auch, dass der Maestro mit einen theatralischen „es ist alles vorbei!“ vor laufender Kamera aus dem Salzburger Festspielhaus trat und seine französisch-stämmige Gattin Eliette dagegen rief: „No, no, chéri, nichts ist vorbei!“ Wobei er sich wohl auf die abgelaufene Zeit mit den Berlinern bezog und sie vermutlich auf eine weiterhin einträgliche Zukunft. Trotz dieser resignativen Aufwallung fuhr Karajan erstaunlich rüstig für Porsche einen Porsche mit der Kamera an Bord in Richtung seiner Residenz in Anif.

Aber ich will nicht abschweifen, ich war zu Tränen gerührt, als mir Clarivel ein Video der offenbar durch einen Unfall gelähmten Jessye Norman zeigte, in dem diese strahlend und mit immer noch grosser Stimme sang. Sie verliess die Stätte strahlend winkend in einem elektrischen Rollstuhl.

Ich und meine Zuhörerschaft wurden durch aus der Küche stammende, unheimlich schreckliche, Geräusche aus der Andacht gerissen. Es hörte sich an wie das prustende Röhren eines bei der Brunst geschlagenen Hirsches, der sein Inneres nach aussen kehrt. Ich eilte zur Durchreiche, um nach der Ursache dieser beunruhigenden Töne zu fahnden. Die Szenerie war gespenstisch beziehungsweise real-magisch, die Küche leer, und Negro Julio, der zuvor ein köstliches Menu gekocht hatte, verschwunden. Irgendwann trat er dann mit hervorgequollenen roten Augen aus dem Bad: Er habe sich verschluckt. Auf meinen Nachfragen winkte er ab, es sei alles ok. Ob Julio noch lebe, erkundigten sich meine Gäste teilnahmsvoll. Ich war froh, dies bestätigen zu können, geriet aber trotzdem wieder einmal in einen dieser paranoiden Zustände, in denen man der eigenen Wahrnehmung nicht traut. Aber mittlerweile verlasse ich mich auf die sich immer wieder bestätigende Regel, dass sich früher oder später fast alles aufklärt. Der auf Wunsch der Gäste reaktivierte Julio verwickelte sich in Fachsimpeleien mit dem Bruder der Clari, der in London als Koch amtet und zu Besuch weilt. Dies nicht ohne zeitweiliges Hüsteln. Ich vergass die Angelegenheit wieder, bis ich nächtens auf die Idee verfiel herauszufinden, wie hoch der Schwund der in der Küche verwahrten Spirituosen durch die Präsenz von Julio ausgefallen sein möge. Dabei fiel mir die lang vermisste Flasche mit von vor längerer Zeit angesetzem Quassia-Extrakt in die Hände. Diese wurde wahrscheinlich, ohne dass ich sie sinnvollerweise beschriftet hätte, als „Vodka“ in den Kasten geräumt. Ich verwende es als „Insekten-Abweiser“ und als Feuchthaltemittel in Hautcrèmen aller Arten. Man kann es auch einnehmen, aber es ist grauenhaft bitter. Und in Überdosen möglicherweise tödlich. Davon dürfte Julio offenbar einen grossen Zug zu sich genommen haben. Dem Vernehmen nach lebt er noch. Vielleicht war das gar besser als antabus…..

Um geschlechtsneutral zu bleiben: Wann wird in der „urban Language“ ein männlicher Klassik-Sänger zum „screamer“? Dank der künstlichen Intelligenz von YouTube, die ich sehr schätze, schlage ich folgendes Anschauungsmaterial vor:

„Au fond du temple“ ist ein Ohrwurm aus den „Perlenfischern“ (nicht Flüchtlingsfischern) von George Bizet. Die Interpretation dieser Ode an die Bi-Sexualität in Form eines Duetts für Tenor und Bariton kann der Interessierte anhand einer Unzahl von Aufnahmen vergleichen. Der Hörer darf dabei selber erfahren, dass beispielsweise der „blökende“ Tonfall von Andrea Bocelli unpassend unmusikalisch wirkt, und dass der mit (zu) schwerem Bass agierende Bryn Terfel die Situation nicht retten kann. Bei Jonas Kaufmann erfährt man, warum er ein grosser Künstler ist, ohne das uns das „Sony“ näher schildert. Leider hat er immer grosse Bass-Donnerer an seiner Seite. Der in Ehren gealterte Nicolai Gedda entgeht diesem Schicksal, weil ihm offenbar der Bariton Krister St. Hill abgeguckt hat, wie man Französisch singt. Schlussendlich versteht auch der Unbedarfte, dass die Krone wohl sowohl an den jungen wie den alten Alfredo Kraus geht, der zusammen mit Renato Bruson beweist, dass nicht alles „materialistisch“ ist. Und wenn sie auch gestorben sind, heute noch singen.

Gerne hätte ich dir noch ein „Föteli“ der vom Regen erstrahlten Orchideen beigelegt, aber irgendwie ist das von wegen künstlicher Intelligenz alles völlig durcheinander geraten. Alles entschwindet in Zeit und Raum computer-basierter Histörchen.

Liebe Grüsse

Markus

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