An den Dottore

Ciao Dottore

Ob wohl die Frau Arendt auch schon über politische Korrektheit Bescheid wusste? Dass heute verlangt wird, dass Otello von einem Weissen oder zumindest weiss angemalten Schwarzen zu spielen oder zu singen wäre? Ich habe eine Idee, man könnte die Stadt Zürich wegen Herabsetzung und Gefährdung weiblicher Lehrlinge zu verklagen, und zwar auf Schadenersatz, und dass dieser von den Urhebern übernommen werden muss. Es geht um die „lernende Kauffrau“. Es ist doch unzweifelhaft so, dass viele bildungsferne Jugendliche, ob männlich, weiblich, trans oder anders, die Herleitung der „Kauffrau“ vom Neutrum „Kaufmann“ nicht nachvollziehen können und glauben, es handle sich um eine lernende „Käufliche“. Was wiederum eher ein „call girl“ wäre, und mit dem „Call-center“ nichts zu tun hat. Vom ersten Musterprozess erwarte ich meine Tantiemen.

Weisst du Dottore, wenn die Leute am Boden liegen, trampelt man nicht mehr auf ihnen herum. Ansonsten man eben böse wäre. Anders, wenn sie auf ihren ausgetretenen Pfaden weiter wandeln. Wie etwa die zur Wiederwahl antretende Thurgauische Nationalrätin Edith Graf-Litscher. Es wäre ihr ja an sich unbenommen, die öffentlich einsehbare Liste jener Thurgauer Einwohner, die Ihre Krankenkassenprämien nicht zahlen wollen oder können, als menschenrechtswidrig anzuprangern. Da sie aber am immer teurer Werden der Gesundheitskosten erwiesenermassen tätig mitwirkt, ist ihre Intervention unredlich. Ebenso geschmacklos schien mir ihr Auftritt als Vorsitzende der „Verkehrskommission“. Dort prangerte sie hohe Löhne an, welche letzten Endes nicht mehr nur ihr längstens bekannt sind. Ein tragischer Unfall bei den SBB darf ebenso wenig Wahlkampfthema sein. Dass ihr der Meyer und der Sommaruga, die angeblich über seinen Abgang informiert war, schon anderntags ein „Leckt’s mich am A…“ ins Gesicht knallte, hat mich fast schon unheimlich gefreut. Weil ich weiss, wie man sich fühlt. Mir hat man von Amtes wegen (auf unendlich bescheidenerem Niveau) jahrelang einen „zu hohen Lohn“ vorgeworfen. Point final, c’ist tout! In Tat und Wahrheit ist Graf-Litscher ja nicht mein Problem. Trotzdem, Dottore, es ist mir klar, dass ich sie jetzt um eine Stellungnahme bitten muss. Wir leben (wieder einmal) in erregenden Zeiten, der Trump lügt twitternd unfroh vor sich hin, aber sie hat sicher Lernpotential.

Du inspirierst mich einfach: Melville oder „Billy Budd“. In diesem Buch, eine „upspaced“ Irische Englisch-Lehrerin meinerseits stand auf das Zeug. Dabei ist es wie „Paradise lost“ sowohl vom Inhalt als von der Sprache her zum weit davonrennen schwierig. Wie auch immer, vom „Billy Budd“ gibt es von Benjamin Britten eine Oper. Das Libretto (oder halt eben Drehbuch) für so etwas ist entsprechend ein noch verflucht schwierigeres Unterfangen, darüber haben wir uns einmal unterhalten. Gut gemacht ist der Gewinn für den informierten Zuhörer aber beträchtlich, er versteht dann plötzlich manches, in diesem Fall vielleicht sogar vom Segeln! Der „Billy Budd“ ist ein „wunderbar gebauter blauäugiger (!)“ Matrose von grossem Edelmut, der hierob ein tragisches Ende nimmt. Der Bösewicht in unserer Welt von „gut und böse“ ist eben dieser „Claggart“. Dessen Verkörperung als „Influencer“ in Youtube bietet sich nicht an. Immerhin will ich aber einen Kolumbianischen „Billy Budd“ suchen oder wenigsten einen, der dies dank natürlichem Collagen und ohne schädliche Hormone werden könnte. Wir würden dann den rasierten Körper des schwarzhaarig Blauäugigen mit Mandelöl speckig glänzend salben und ihn als Naturprodukt Youtoublieren. Sozusagen als Ergebnis der Bemühungen um die Wiederaufforstung, für die sich die nachstehenden Früchte einer -vorteilhafterweise- kargen Erde bestens eignen und die notwendigen Nährstoffe mitbringen. Kaum jemand kennt sie. Es lassen sich köstliche Fritten aus ihnen herstellen.

Mit den oben gezeigten Herren fuhr ich kürzlich nach Cali (Pablo hat keinen Führerschein). Während der Fahrt rezitierte Julio lustvoll das ihm immer unvergesslich bleibende Arsenal meiner ans Spanisch adaptierten deutschen Beschimpfungen. Der edle Prediger blickte irritiert und ich beschämt. Meine „urban language“ aus dem Mund eines Dritten klingt im Beisein des tatsächlich noblen Pablito mehr als peinlich.

E-Mail an Don Roger als Beitrag für ein Brainstorming zu deiner Kenntnisnahme  (Ausflug nach Italien).

….es handelt sich wie erwähnt um ein Brainstorming: Dazu sind folgende Informationen notwendig: Verona ist eine wunderschöne Stadt, aber wegen Sommerferien finden die Opernaufführungen als grösste Massenveranstaltung dieser Art eben dann statt. Und weil das so ist, wird nach Kräften abgezockt. Das Orchester in der Arena ist adhoc und zweitrangig. Trotzdem schätzen es die Musiker wenig, wenn es ihnen auf ihre Instrumente regnet. Im Unterschied dazu beispielsweise der damalige „Don Pasquale“ in der Ungarischen Staatsoper, wo auch zu unseren Zeiten das Ungarische Staatsorchester Klasse-Sänger begleitete. Du warst dabei und musstest die Anfahrt übernehmen, die mich mit grossem Schreck erfüllte, weil mich der Kulturschock schockte. Und ich immer ängstlich mich an Csillas Seite hielt, um nicht verloren zu gehen. Es war auch für dich stressig und dann ist es etwas schwerer, die Vorstellung wirklich zu geniessen. Was jetzt der Dottore meint: Wir fahren als Schicksalsgemeinschaft beispielsweise im Spätherbst bis nach Bari, wo es ein wunderschönes intimes Opernhaus mit ausgezeichnetem Orchester gibt. Die Fahrt wird -dank so und dank so- bei angenehmen Temperaturen stattfinden. Übernachten da und dort. Was eben alles im Vornherein gebucht worden wäre. Wenn mich dann eine Inkontinenz plagt, muss ich halt schauen, wenn es mir kötzelig wird ebenfalls. Aber ansonsten alles Elite-mässig mit mehr als angemessenen Preisen. In Bari oder Umgebung hätten wir dann die Villa, wo flamboyante junge Italiener mit „pompous asses“ der Frau Horli Nachhilfe mit iPhone geben, während ich mich im Swimmingpool aale und dort die köstlichen Schaumweine koste, die der Dottore vorgängig beschafft und die Frau Horli bezahlt hat. Am Abend fahren wir beispielsweise -jetzt können wir können noch nicht wissen, was wann gespielt wird, zur Oper. Weil nur Frau Horli, deine Frau Csilla und Rös eine Karte reserviert haben, hält Frau Horli nach jemandem Ausschau, der Karten feilhält (Handel nicht verkaufter Eintritte). Dann sitzen wir dann halt, wo wir können und halten der Frau Platzanweiser die Eintrittskarte unter die Nase, damit sie uns zu den jeweiligen Plätzen führt. Nach der Vorstellung trifft man sich beim Ausgang, wo du dank deinem jugendlichen Impetus bereits hupend vorfährst. Wir steigen wie der Emir mit Harem in den hochbockigen Toyota Landcruiser Stretch, der in Italien so wenig wie dein Hupen Aufsehen erregt, und wenn, höchstens bewunderndes. In der Zwischenzeit hält Helensche in der Küche unserer Villa eine Art Wunderpanini auf Antiadherent-Papier warm, die sie mit einer „lernenden“ Screaming-Lady (Sopranistin) gebacken hat. Diese hatte sie am Vortag im chicen Boulevard-Café kennengelernt. Sie tranken zufälligerweise dieselbe Art Cappuccino, den sich die Studentin trotz grosser Armut leistete. Die Helene kramt wie immer in solchen Situationen nach Geld, um sich der Dame zu entledigen. Diese findet das demütigend und bietet an, der Helen anderntags zu zeigen, wie man Panini-Ghirolami bäckt. Weil die Studentin versichert, Helensche könne so Don Fabio überraschen, willigt diese gutmütig ein. Wie aber Don Fabio von einer Ausstellung zurückkehrt, die nicht war, wie sie hätte gewesen sein sollen, ist dieser gehässig: warum es Panini-Ghirolami und nicht wie abgemacht Panzerotti grattugiati gebe. Weil ihr dieser Totsch dies so aufgeschnorrt habe -die schweissüberströmte Helene packt absichtsvoll eine teure Rotweinflasche „Lacrima Christi del Gesú“ die der Dottore für einen andern speziellen Anlass vorgesehen hatte. Unter Tränen eilt sie mit dieser in den Park vor der Villa, wo sie trotzig auf einer Schaukel wippt und an dem ihren Glase nippt. Frau Horli kommentiert derweil, Panini Ghirolami würden ihr sowieso die ganze Nacht auf dem Magen gelegen haben. „Gib mir einen Fernet!“ sagt sie zur eingeschnappten Nonna, die die Panzerotti grattugiati zubereitet hat. Deren Gesicht hellt sich wieder auf, weil Frau Horli ihr in Italienisch mitteilt, dass sie auch für Panzerotti grattugiati schwärmt, wenn diese wieder aufgewärmt. Auch Csilla kommentiert indessen der „Screaming Lady“, dass sie Panzerotti Ghirolami schon das ganze Leben gern gegessen hätte und schiebt sich ein Pannini Ghirolami in den Mund. Die Nonna zuckt mit Schultern und schlaft davon, während die „Sreaming Lady“ Frau Csilla aufmunternd zunickt. Csilla verlangt unentschlossen ein Glas und schnappt sich ein weiteres Panini Ghirolami und begibt sich zu Helene, die weiterhin vergrämt auf der Schaukel wippt und nippt. Frau Csilla bittet um ein Glas „Lagrima Christi del Gesú“, welches ihr Helene freimütig einschenkt. Fein seien sie gewesen, die Panzerotti Ghirolami, sagt Frau Csilla liebevoll. Helene, die auf der Schaukel wippt und nippt, überhört das grosszügig. „Wenn du wieder hineingehst, kannst du dem Andern (was der Don Fabio ist) sagen, dass ich auf der Schaukel schlafe. „Ja klar“ sagt Frau Csilla weiterhin sehr höflich „in dieser lauen Nacht ist das doch schön!“.  Roger (du) frägst Rös, ob sie auch ein Panini Ghirolami probieren wolle. Diese erwidert, ihr habe das Wobbel-Vibrato des Tenors derart auf die Nerven gegeben, dass es ihr den ganzen Abend versiecht habe. Ausserdem würden in der Migros Altstädten Panini Ghirolami feilgeboten, aus denen immer Fett austrete, so dass sie schon beim Vorbeigehen manchmal fast kotzen müsse. Daher sei es ihr nicht möglich, Panini Ghirolami zu sich zu nehmen. Sie nehme ein Glas Wasser, weil die Panzerotti stragiatelle jetzt ja weggeräumt seien. Du (Roger) ziehst dein Panini Ghirolami angewidert aus dem Mund. Der Dottore kramt derweil mürrisch im Kühlschrank und findet Rohschinken und fein stinkenden Käse namens bruscatore. Dir wird vom Geruch dieses bruscatore leicht übel. Der Dottore fördert auch noch Brot ans Tageslicht, was er für mich zu einem netten Plättli drapiert. Er trägt es in den Salon, wo ich ein Histörchen in den Laptop tippe. Du hattest den ganzen Tag versucht, meinen Lap an das nicht funktionierende Internet anzuschliessen. Unterdessen findet der Dottore zufällig einen warmen Jesi, und einen eisgekühlten roten Gesi. Er verabschiedet sich grusslos. Wir betrinken uns.

Das war’s Dottore, ich mag dich trotzdem!

LG Markus

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