Antwort an den Dottore zur Frage nach Basti

Ciao Dottore

Nein, der Basti war noch nie bei mir. Ich hatte mich im Vorbeigehen bei Emilce erkundigt, ob sie einen Chofer für J.P. wüsste. Da kam er an und J.P. nahm ihn in Augenschein. Und spürte Ehrlichkeit und Offenheit heraus. Dass er persönlich dem Basti trauen würde. J.P. macht sich ansonsten ebensowenig Illusionen über die allgemeine mentale Stabilität der Latein-Amerikaner wie ich. Aber der sich als „Administrator“ anempfehlende Basti schien ihm eine nähere Begutachtung wert. J.P. hat ja Einblick in die Art der Administration einer Kaffee-Finca gewonnen. Dass ein Administrator sich um die Belange des Anbaus kümmert, diese verfolgt und dafür die Verantwortung trägt. Dass ich jemanden brauche, der das Lieferverhältnis zur „Coppélia“ (Lebensmittel) regelt und überwacht. Dies leuchtet ein, bis anno dato hat sich mir eben noch nie jemand für diese Arbeit angeboten. Ein wichtiger Punkt in der Beziehung zwischen Basti, J.P. und mir ist zweifellos der „near escape“ im Cauca. Jüngere Leute nimmt das mehr her als alte. Das geht dort übrigens so weiter, aber die Kolumbianer haben einen wortreichen Schlaffi gewählt, jetzt müssen sie damit leben. Ich bin überzeugt, dass ein „Linker“ hier entschiedener aufräumen würde. Kein Staatswesen darf sich ohne Not und Schaden auf der Nase herumtanzen lassen. Wenn das einmal begriffen ist, wird manches leichter.

Basti hat die Milch-Finca seines Grossvaters am Lago Calima bewirtschaftet. Er ist dreiundzwanzig Jahre und hat einen fünfjährigen Sohn. J.P. erkundigte sich insistierend, ob er in der Schule in den Genuss der Sexuellen Aufklärung gekommen sei. „Natürlich!“ antwortete der Basti. Wo doch seine frühe Vaterschaft überhaupt keine Ausnahme ist? Ich mag nicht so sehr in den Untiefen von „Betriebsunfällen“, kindlicher Leidenschaft und Illusionen oder sonst was immer waten. Er ist jedenfalls verheiratet und möchte für seinen Sohnemann sorgen, der in eine kostenpflichtige Kleinkinderschule geht. Die Gattin arbeitet ebenfalls. Alles scheint pragmatisch.

Die Frage, warum er nicht (mehr) für den reichen Grossvater arbeitet, habe ich ihm auch gestellt. Anscheinend gab es da Reibereien, der Grossvater ist kein Grüner und laut Basti geizig. Er selber ist ein gutmütiger Pykniker, der sich vermutlich ausnützen lässt. Der Vater beziehungsweise Schwiegersohn sei an Herzversagen gestorben, als Basti zehn Jahre alt war. Ich könnte mir vorstellen, dass schon dieser Schwiegersohn für den Grossvater nicht der „Richtige“ war. Auch das Verhalten der Grossmutter dem Basti gegenüber vermag ich nicht gerade als respekt- und liebevoll wahrnehmen. Ich vermute, dass Basti schon als Kind um irgendwelche Anerkennung gerungen hat und sich dies zu einer Art Rollenspiel entwickelte, aus dem der eine oder andere auch erwachsen nicht mehr herausfindet.

Was weiss ich genaues! Was ich weiss ist, dass das „Zusammenleben“ wie es sich mir aufdrängt, für manchen eine (zu) grosse Herausforderung darstellen würde. Aber das Leben lehrt einen, Electrico Alvaro war nicht der erste, den ich umstandslos aus dem Paradies verstiess, Sebastian weiss, dass es ihm im Falle eines Falles auch nicht besser ergehen würde. Das mit der pietistisch verheirateten Tochter des Francisco, ihre Rückkehr mit dem Gatten und meine Güte, ihre Abholung mit meinem Auto zu gestatten, hat sich einmal mehr nicht bewährt. Die Mutter erschien anderntags nicht zur Arbeit, die Tochter hatte anscheinend wenig Lust, sich persönlich für die durchaus aufwendige Geste zu bedanken. Mir sagt derlei heutzutage wenig zu, heute habe ich den Vater unter Angabe von wirtschaftlichen Gründen lustvoll weggeschickt. Und mir einen Gefallen getan. Dieses herum gucken im Haus, der rote Grind, wenn ich mich nach dem Verbleib der Kochbananen erkundige, eine versteckte aber gleichwohl spürbare Hinterhältigkeit, das Schielen auf eine mögliche Abhängigkeit meinerseits, und und!

Don Eliezer, dessen Kaffee bei der Bemusterung durch J.P. keine Begeisterungsstürme hervorrief, scheint insgeheim ebenfalls darauf zu hoffen, sich bequem in ein gemachtes Bett werfen zu können. Er war eben mit dem Sohn zu Visite. Ich weiss nicht, ob ich deutlich genug geworden bin. Aber in einer möglichen Kooperative müssten sich alle den gleichen Qualitätskriterien unterwerfen und können nicht einfach unter dem Segel der Vorhut aufwandslos mitreisen. Wobei wir uns ja eigentlich der Marge bewusst sind, die uns von der Elite trennt, aber eben so sehr darüber, was wir alles tun können, um diese einzuholen. Ich sehe darin übrigens nicht viel mehr als eine Änderung des Verhaltens.

Der Paco änderte während der Anwesenheit des J.P. sein Verhalten ein wenig. Das hat vielleicht damit zu tun, dass bei J.P. Lula der Augapfel ist, und nicht er. Also musste er mehr Zeit auf der Finca verbringen, um sicher nichts zu verpassen. Das Hinken mit dem Vorderlauf vergisst er immer häufiger.

Dem Kompliment an Tscheff Rotscher schliesse ich mich gerne an. Wobei mir die Aussage der „Jahrhundertstimme“ Elisabeth Schwarzkopf in den Sinn kam: „Wieso wagt es ein Kritiker, der selber gar nicht singen kann, mich zu kritisieren?“ Stimmt, niemand kritisiert, dem Elternpaar Rotscher würde ich allenfalls vorhalten, dass sie sich dessen nicht bewusst sind, was sie ihrem Nachwuchs schon alles mitgeben konnten. Dass die Mutter in den damaligen preussischen Sozialismus verfrachtet wurde, war mit Sicherheit traumatisch, hatte aber für den Nachwuchs den nicht gering zu schätzenden Vorteil, dass sie seither ein weit herum selten gehörtes makelloses Deutsch spricht. Ohne das sie ihr Gatte kaum hätte erobern können. Schicksalshaft! Wie auch der Vater nicht eben unbeholfen im Ausdruck ist, so der Nachwuchs, der zudem musikalisch und zum Überfluss auch noch logisch begabt ist. Man merkt ihnen das an. Sie sind derart über dem Durchschnitt, dass es für sie möglicherweise schwierig sein wird, soviel Pferdestärken auf den Boden zu bringen. Ich finde die Umstände halt überaus spannend. Eltern wollen meistens etwas „besseres“ oder zumindest „anderes“ für ihren Nachwuchs, als das, was ihnen selber beschieden war. Nur weiss man manchmal nicht, was das „bessere“ sein soll. Ich darf mich in aller Schicklichkeit auf die Bemerkung beschränken, dass wenn Rotscher von Vatern nicht aus dem Haus gewiesen worden wäre, er, der Rotscher, nicht das hätte vollbringen können, wofür ich ihn schätze oder gar bewundere. Dasselbe gilt für „Väterchen Staat“ bei seiner Gattin! Mir scheint dabei unwichtig, wieviel klingende Münze dabei herausgeschaut hat. Unabhängig davon bleibt mir selber der feste Wille, auch materiell reich zu sterben, allein schon weil ich denke, dass es mehr Grösse dazu braucht, viel hinter sich zu lassen.

Viele Grüsse

Markus

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