Antwort an die Cousine über das Reisen nach Kolumbien

Hola Elsbeth

Gut, dass du fragst: J.P. der Jean-Pierre heisst, ist in der französischen Schweiz als Sohn italienischer Einwanderer aufgewachsen. Sein Lebenspartner ist Brite, der Spanischen Sprache hat er sich intensiv gewidmet, u.a. als Mitglied des Lesezirkels der Marta, unserer damaligen Spanisch-Lehrerin mit weitläufiger Familie in Kolumbien. Mit letzterer ist er bis in alle Verästelungen ebenfalls bekannt. Mit Helenschen und Dottore Fabio ist er seit einem gemeinsamen Aufenthalt auf der Finca Singapur befreundet, er und ich kennen uns seit -stell dir vor!- fast zwanzig Jahren. Wohin er geht, wo immer er steht, es fliegen ihm die Herzen zu. Mit dem Dottore teilt er einen ausgesprochenen Sinn für Nahrungsmittel und deren Geschmack und arbeitet daran, dies, nicht zuletzt mit profunden Studien, zu seiner neuen Beschäftigung zu machen. Man steht sich also, wie du siehst, in vielerlei Beziehung nahe, besonders aber im Bezug zur Sprache und im speziellen dem Sprachwitz.

Wenn ich jetzt ganz ehrlich wäre, so müsste ich zugeben, dass ich auch zu den Ausrufern gehöre. Ich habe in meiner neuen Heimat viel geschimpft, das zu allem Überfluss auch noch mit einer Zunge wie ein Schwert. Das trägt einem nicht nur eitel Freundschaft ein. Der J.P. hat da eine sanftere Art und kommentiert -breites Schweizerdeutsch nachäffend- „es isch halt eso!“. Aber wahr ist, und da gebe ich dir recht, es macht keinen Sinn sich aufzuregen, weil sich nichts und gar nichts ändert. Oder vielleicht doch? Die Wirkung seiner selbst findet man im Kleinen, in Details. Weisst du, es ist gut mit jüngeren Leuten zu verkehren oder eben in unserem Fall im Besonderen mit Einheimischen. Und dann kann man sich vielleicht da und dort einbringen, weil man sich besser einfühlen kann. Und hier möchte ich jetzt zugeben, dass ich mit der Selbstsicherheit der kulturellen Überlegenheit angereist kam, aus einem Land, das funktioniert, in ein Land, das nicht funktioniert. Aber wenigstens nicht mit dem Schauder der Einfältigen, die glauben, überall in Kolumbien würde ihnen nach dem Leben getrachtet. Interessant ja auch, das viele emigrierte Spanier und Italiener nicht in ihre jeweiligen Heimatländer zurück kehren wollen. Vielleicht auch, weil auch für sie ihr Geburtsland nicht mehr dasjenige der Jugend ist. Von wegen Funktionieren: ich bin und war ebenfalls ausgesprochen „funktionierend“ und es wäre vielleicht besser, ich wäre es nicht mehr so ausgeprägt.

Immerhin, wenigstens für ENSAT hat mich der Wille verlassen, das ist mir mittlerweile derart verleidet, dass ich mich nicht nochmals vier Jahre mehr mit der immer selben Mühsal, überwiegend menschlicher Natur, auseinandersetzen will. Man braucht selber manchmal Anschub von aussen. J.P. hat mich leicht ironisch gefragt, was denn aus meinem Plan, auf der Singapur Leute zu beherbergen, geworden sei. Mit all den Plattformen, die es zu diesem Zweck gibt, bringt man seine Zimmer schon unter die Leute. Ich verbringe meine schlaflosen Nächte normalerweise allein auf der Finca. Das macht mir gar nichts aus, gefährlich ist das ohnehin nicht. Aber wenn ich allein bin, dann fällt mir die Disziplin schwerer. Und jetzt, wo J.P. da ist (Dottore Fabio kocht meistens selber), merke ich wieder, wie viel Spass es mir macht, ein gutes Essen aufzutragen. Es spielt ja auch gar keine Rolle, ob man für zwei oder mehrere Personen kocht. Also wird der ursprüngliche Plan wieder aufgerollt. Der galt nur ursprünglich, als lange Zeit wesentliche Voraussetzungen für die Umsetzung gefehlt haben. Emilse und die Doña Claudia sind sehr für den Empfang von Gästen, es gibt etwas zu tun und zu verdienen. Und sind sich im Klaren, dass man sich im Gastgewerbe halt organisieren muss.

Zu Deiner Reise: du darfst natürlich mitbringen wen immer du willst. Allerdings wirst du glaube ich von jeder Fluggesellschaft angefragt, ob du Hilfe bei der Reise benötigst. Und nach der Form der Behinderung. Dann wird, das gehört zum guten Ton und geht zu Lasten der Airline, jemand aufgeboten sein, der dich jeweils abholt und zum Flugzeug bringt. Meistens sind es Studenten und so, die froh sind, ein paar Kreutzer zu verdienen. Und wenn du gar noch ein Trinkgeld gibst! Da kommt bei der Reise gar noch Entspannung auf. Wie gesagt, ab Madrid kannst du gar direkt nach Cali fliegen (Iberia, Avianca) wo ich dich abhole. Madrid Barajas reizt die Nerven auf alle Fälle. Und sonst ein Täfelchen: „Sorda, Cali!“ Man sollte da keine falschen Hemmungen haben. Wenn du dich rechtzeitig nach einem Ticket umsiehst, kommst du möglicherweise gar zu einem Schnäppchen. Trotzdem ist anscheinend immer mit knallvollem Flugzeug zu rechnen, die Kolumbianer reisen wie blöd.

Bald mehr und liebe Grüsse

Markus


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