Antwort an die Cousine zum Schatz am Calima-See

Hoi Elsbeth

Es ist erschütternd aus und von allen Seiten zu vernehmen, wie heutzutage mit den Antibiotika umgesprungen wird. Mir wurde, auch in Spanien, vor über zwanzig Jahren ein Implantat eingesetzt und dazugesagt, zur besseren Sicherheit müsse ich eine Packung Antibiotika fressen. Also, die Problematik war schon damals bekannt und ich hatte auf die Einnahme verzichtet. Allerdings mit diesem leichten Grauen, dass ich mit einer Infektion für meine Ungefügigkeit bestraft werden könnte. Nun erhärtet sich die Tatsache aber vollends, dass der exzessive Einsatz dieser Art von Arznei-Mittel sowohl Patienten wie auch die Umwelt gefährdet und diese dadurch immer mehr an Nutzen verlieren. Auch stirbt es sich an einem allergischen Schock eher als an einer Infektion. Es wäre alternativ ja auch vertretbar, von Zeit zu Zeit einfach mit Kamille oder so zu gurgeln. Möglicherweise hast davon ja gar in deinem Garten. Aber so bringt es eben dem Apotheker nichts. Dabei will ich nicht behaupten, selber die Dinge immer zu Ende gedacht zu haben. Aber eine gute Dosis Skepsis, insbesondere den Ärzten gegenüber, ist doch immer sehr angebracht. Die Dinge zu Ende denken kann man man als Konsument leider nicht. Und Konsument ist man eben auch im Gesundheitsgeschäft, wo man liebend gern für blöd verkauft wird. Wenn wir schon beim Thema sind: Speziell bei der Gesundheit regiert doch das Thema Angst, und die Angst ist gegenüber der Vernunft immer ein schlechter Ratgeber. Nicht nur die Dummheit, wie der Dottore schreibt, regiert die Welt, sondern auch die Angst.

Von wegen Angst: die befiel mich auch, als ich eines schönen Nachmittags mit Basti auf der Autobahn von Cali nach Hause zurückfuhr. Wie aus dem Nichts kamen uns in einer Kurve auf der Überholspur Fahrzeuge entgegen. Der Basti ist zum Glück geistesgegenwärtig. Bei den Entgegenkommenden handelte es sich um Findige, die einem kilometerlangen Stau auf der Fahrbahn in Gegenrichtung entkommen waren. Bald erschloss sich uns auch der Grund: ein riesiger Menschenauflauf ergötzte sich am Begaffen eines vermeintlichen Grossunfalls und verursachte einen Stau von mehreren Kilometern. Interessanterweise waren aber keine Autowracks und auch keine herumliegenden Toten und Verletzten auszumachen. Anderntags stand in der Zeitung zu lesen, dass der Leichnam einer eines unnatürlichen Todes gestorbenen jungen Frau der Ursache des Menschenauflaufs gewesen sei. Ich weiss, dass man auch andernorts nicht weiss, wie man dieser Gafferei Herr werden soll. Ich empfehle daher Jauchespritzen, ein Prügelkommando der Polizei, Tränengas und mehrere Monate schweres Arbeitslager für die in Flagranti Erwischten. Man kann die die Blödheit auch mit Gewalt vertreiben. Früher hat man die Tunichtgute aufs Rad geflochten oder zumindest an den Pranger gestellt und bepinkelt. Vielleicht wäre dieser mit der Reichweite des Internets wieder hoch wirksam.

Auf der Finca Singapur wird vieles umgegraben, aber nicht wegen des angeblichen Goldschatzes. Mich interessiert die Wechselwirkung der Pflanzung von Hülsenfrüchten, besagter Ruda, der Aloe Vera und anderem. Bislang hat die Chasoy noch immer recht behalten, mit diesen Dingen sowieso. Der Basti hingegen hat durchaus zu zu Recht herausgefunden, dass sie gerne lustvoll dramatisiert, und dass es besser ist, wenn man die Zeremonien der Teufelsaustreibung symbolisch nimmt. Zu letzterer diente eine stachelige Kerze mit eingebautem Sprengsatz, die mit den Namen der Widersacher, etwa der verflossenen Hausdame und anderer Ungetreuer beschriftet und anschliessend zur Explosion gebracht wurde. Basti und ich konnten uns das Kichern nicht verkneifen, als wir die Kämpferin wider das Böse auf den Anhöhen des Schwimmbads bei ihrem Tun beobachteten. In einen wogenden Jupon und eine Art Lammfell-Bluse gewandet suchte die untersetzte Gestalt nach den Trümmern der Wachskerze, um aus deren Form das herbe Schicksal der Gestraften zu entziffern. Was sie für mich auszeichnet und zu einer Freundin macht, ist ihre unleugbare Treue, die sie vielleicht übertreiben lässt. Für mich ist sie ist mit ihrem Wissen unbestreitbar eine grosse Naturschützerin.

So könnte das mit dem Goldschatz ein Symbol sein. Für mich wird interessant, wieviel einheimische Heil- und Schutzpflanzen zu identifizieren die Chasoy in der Lage ist, ich meine das über die Peruanische Massenware hinausgehende.

Beim Kochen lernen war und ist es halt wohl so, dass man vieles einfach so oder so machte, ohne danach zu fragen, warum man das so und so macht. Die ewig blubbernden Töpfe mit Fischgräten und Gemüseabfall waren mir im Luxusschuppen in Genf ein Gräuel, das Kochen machte mir (an sich) im Militär mit der damaligen Kochkiste eindeutig mehr Spass. Die Benzinvergaser oder Holzöfen waren ja wenigstens in der Lage, die für ein geschmackvolles Rösten notwendige Hitze zu erzeugen. Wenigstens wann tatsächlich gekocht wurde und keine Konserven aufzubereiten waren.

Bekannt war Fast Food schon damals, slow food in dem Sinne nicht. Mir stellt sich die Kocherei hier und jetzt völlig anders dar. Stimmt, dass ein Schwein fast bis zur letzten Borste eine Leckerei ist, weiss ich schon lange. Aber das Schwein wurde ja nicht nur aus religiösen Gründen verteufelt. Jetzt ändert sich das wenigstens seitens der Gesundheit-Apostel ein wenig. Seit man weiss, dass der Kalbs- oder Schweinskopf einen grossen Anteil an Collagen aufweist und dies nicht nur „schön“ machen, sondern gar lebenswichtig sein kann, wird das Schwein wieder gänzlich hoffähig. Wenn es gar ein gut gefüttertes, genetisch unverändertes, ohne Penicillin behandeltes Schwein handelt, dann ist das Glück vollkommen. Gestern bin ich mit dem Basti in die Marina oberhalb Tulua hochgefahren, nachdem wir in der Galeria den Kräuterladen durchwühlt hatten. Die abattis, die Nebenprodukte des glücklichen Maishuhns vom Campesino habe ich zwanzig Stunden ausgekocht, mit dem elektronischen Kochtopf ist das ja keine Sache mehr. Ich habe den Platz und die Einrichtung, das zu tun. Die meisten Beigaben, von der Zwiebel über die Karotte zum Lorbeerblatt stammen frisch aus dem Singapur-Gemüsegarten. Usw.

Im Moment bin ich daran, mich auf unsere erste Maisernte vorzubereiten. Der Mais ist ja eine sehr gutartige Pflanze und Speise. Für mich gilt es nun, die verschiedenen Phasen des Wachstums des Maiskolbens unter Rückgriff auf die einheimische Kultur in meine „haute-cuisine“ einzubringen. Wetten dass…? Womit die Frage nach der Coppélia noch nicht beantwortet ist. Aber sie wird, wenn sie wieder eröffnet wird (ich habe alle Geduld der Welt), exakt auf das abgestimmt sein, was die Finca Singapur produziert. Im Quindio, Filandia, gibt es ein Restaurant namens „Helena adentro“, das auf dieser Basis funktioniert. Und nicht schlecht, wenn das “ Zuviel“ von „gesucht und nicht gefunden“ nicht wäre. Deshalb glaube ich, dass ich es wesentlich besser kann. Und sonst? Gar nichts! Ich kann auch ohne das sterben.

Spannend wird es immer dann, wenn die Experimente scheinbar „in die Hose gehen“. Und genauso roch es, als ich meinen Sud an Eisenkrautholz nach dessen Fermentation öffnete. Ein Flop? Glaubst du! Ich schüttete die stinkende Brühe ärgerlich auf die Orchideen, im Hinterkopf war mir aber klar und einleuchtend, dass die das Verweste lieben. Sozusagen am nächsten Tag schon fuhren die bislang ¨Trägen“ Blätter im ungeahnten Ausmass aus. Jetzt ist halt die Orchideen-Hetze mein neues Hobby.

Diese überdrehte und ans Unwahrscheinliche grenzende Pflanzenwelt ist die Faszination Kolumbiens. Gestern besichtigte ich mit Basti ein Finca, die zu kaufen wäre. 4000 m2! Stell die vor. Die „Singapur“ war als ich sie kaufte sozusagen „tavola rasa“. Da war nichts ursprüngliches an ihrer Bepflanzung. Das hat sich seither ja in dem Sinn auch nicht geändert. Umso mehr wirkte diese Finca mit ihren uralten Bäumen auf mein Gemüt. Hier ein paar Fotos:

Viele Grüsse

Markus

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