Bericht an den Dottore über ein Aufputschmittel

Egregio Dottore

Von wegen dem erwähnten Herrn, seiner pompösen Hochzeit und seiner allfälligen Beschäftigung mit illegalen Geldtransporten: Die ganze letzte Woche versuchte er, eine Einladung für Sonntag auf die Finca zu erreichen. Wo er doch das unzerstörbare Spielzeug für Paco habe. Ich schob die Anwesenheit von J.P. und dessen vielfältigen Kontakte zu einheimischen Kaffeepflanzern vor. Aber oha, er liess sich durch meine Kolumbianische Unverbindlichkeit nicht abschrecken und stand am Sonntag Morgen unverabredet auf der Schwelle. Dies sehr zum Ärger von J.P., der Helene beipflichtet, noch nie einen solch ermüdenden Menschen angetroffen zu haben. Er (der Besuch) müsse mir die Art seines negocios erläutern, was sich als nichts Neues entpuppte, sondern als ein weiteres seiner Schimären-Projekte, an denen er mich aus lauter Güte teilhaben lassen wolle. Die wundersame Verdreifachung der Investition binnen dreier Jahre sei hundert Prozent sicher, weil der „Investitions-Vertrag“ notariell beglaubigt würde. Die Eintönigkeit seines Monologs variierte nur dann leicht, wenn ich eine seiner zur Kette gereihten Lügen ad absurdum führte. Die Intervention von J.P., der sich von einem „derartigen Arschloch“ den Sonntag nicht verderben lassen wollte, zwang mich zur abrupten Ausweisung des unerwünschten Gastes. „Je me laisse pas gâcher le dimanche par un trou du cu pareil“. Ob ich nur derartige zu meinen Bekannten zählen würde, aber dann lud ich Don Eliezer ein, ein Probe seines Kaffees einzureichen. Der entsprach dem Profil des J.P., der durchaus glaubwürdig behauptet, es gebe keine oberflächlichen Kaffeepflanzer. Der Direkt-Vertrieb des Kaffees als „cru“, für den der Pflanzer garantiert, leuchtet Don Eliezer sehr ein. Dass im Valle del Cauca weniger Kaffee angepflanzt wird als anderswo in Kolumbien, liegt nicht an der Qualität. An einer Degustation, die J.P. morgen veranstaltet, wird sich weisen, in welcher Liga die vom „Lago Calima“ mithalten. Ich habe den Eindruck, dass ganz weit oben. J.P. hat unseren Kaffee persönlich geröstet und eine der italienischen Kaffeemühlen zweifelhafter Qualität ist wieder hergerichtet. Ich will nicht leugnen, dass mir Mahl- und Röstgrade je nach Zubereitung-Methode einleuchten. Aber wenn ich auf meinen „French-Press“ in der Cafeteria in Buga, an der ich bisher achtlos vorbeigelaufen bin, eine viertel Stunde warten muss, dann verlässt mich die Geduld. Aber auch dort verkaufen die „origen“, wenngleich -da mit letzter Kraft (Finanzen) ohne Auswahl- dafür mit Angabe der Herkunft, was zu begrüssen ist. J.P. pflegt sich überall einträglich zu unterhalten. Das ist insgesamt bereichernd, aber verlässlicher wird dadurch niemand. Wir wollen jetzt noch einmal nach „San Augustin“ fahren, diesmal mehr oder weniger aber nur wegen dem Kaffee. Wenn ein Kaffeebauer, wie der von dir erwähnte Gatte der Betreiberin der Kurzwarenhandlung in Belén, sein Produkt auf dem Holzfeuer selber röstet, dürfte ihm das kaum Gelegenheit bieten, sein Produkt abschliessend zu beurteilen. Das mag seinen Charme haben, wird in der Welt der snobistischen Baristas aber auf wenig Resonanz stossen.

Ein neuartiger Modedrink oder Cocktail heisst Coffee Tonic, und besteht aus Espresso sowie Tonic Water. Ich glaube, diese Chinin- und Koffeinbombe könnte einen Toten wieder zum Leben erwecken. Ich habe die ganze Nacht kein Auge geschlossen, dem J.P., der mir dieses Gift um sechs Uhr abends gestern verabreicht hat, übrigens auch nicht. Nie wieder! Schmecken würde es allerdings schon, Alkohol ist keiner enthalten.

Die Emilse-Familie hat sich unsere Hinweise zur Nützlichkeit von Schafen und die geringere Belastung der Böden durch diese möglicherweise zu Herzen genommen. Jedenfalls diente mir Emilse ein (ganzes) Lamm an. Sie war ob der Angelegenheit einigermassen nervös, von wegen der „Cuts“ und der Unsicherheit darüber, wie diese auszuführen wären. Das Eingeständnis, dass ich davon ebenfalls nichts verstehe, stellt wohl kein Gesichtsverlust dar. Aber wir einigten uns auf etwas im Internet angetroffenes. Was mit den Innereien anzustellen sei, wollte Emilse ebenfalls wissen. Dies führte für mich zum Offenbarungseid! Wo ich doch immer predige, dass vom Tier alles verwertet werden kann, bietet sich das Verfüttern dieser Teile an die Hunde nicht an. Was Herz, Lunge und Abschnitte angeht, kam mir nichts anderes als der schottische Haggis in den Sinn. Das schmeckt ja auch sehr gut, obwohl ich, von Vorurteilen belastet, dies in Schottland nicht essen mochte. Dafür später in Zürich. Die Emilse zeigt sich sehr aufgeschlossen. Demnächst werden wir Haggis, den gefüllten Schafmagen, auf der Finca Singapur servieren.

Gossip

Wie ich aus gut unterrichteten Kreisen erfahre, ist die irre Margarita, Mutter der Kaulquappe und Gattin von Schreiner Hector mittlerweile nach Spanien emigriert. Ihre Tochter blieb zurück, die will ihres Geliebten harren, und tut dies bei ihrem angeblichen Vater.

Wie du vielleicht mitbekommen hast, heiratete die Tochter der Claudia mit neunzehn Jahren einen ebenfalls aus evangelikalen Kreisen stammenden Chilenen. Nach Chile wanderte sie auch aus. Noch vor kurzer Zeit kündete die Mutter vom grossen Glück der Tochter, die sie auch in Chile besucht hast. Jetzt hat binnen kürzester Zeit der Wind gedreht, die Tochter fleht um das Reisegeld für die Rückkehr nach Kolumbien, wohin ihr auch ihr Angetrauter folgen will. Der hiesige Pastor empfiehlt die Überweisung des notwenigen Reisegelds. Die Claudia empfiehlt uns Gott und erfleht dessen und meine Hilfe für die Rückgewinnung der Tochter.

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