Brief an den Dottore zu den aufständischen Indios

Das ist laut unseren Gärtnern Spinat, Kletterspinat sozusagen. Auch die grossen Blätter sind zart und schmecken auch als Salat sehr delikat.

Buona serata Dottore

Du und ich sind im Moment ziemlich heftig daran, wie Tscheff richtig bemerkt, aber ich finde es spannend und es macht dem Namen des Blogs dank deinem Zutun ein wenig Ehre. Im Moment und vor der nächsten Ernte ist es für J.P. oder eben „Schampi“ schwierig, Vor- und Nachteile der Standplätze nachzuvollziehen.

J.P. gibt sich aber alle Mühe, den Sebastian einzubeziehen, den wir „Basti“ nennen. Die zwei sind sich einig in der Ablehnung einfältiger Konspiration. Weil das Halbgebrüder-Paar die Spielregeln für die Coppélia plötzlich anders sah und sich in bekannter Art und Weise für die Aufgabe disqualifizierte. Aufgrund der verwandtschaftlichen Bande war zu befürchten, dass sie Deiby, der sich immer mehr zum wahren Chef mausert, ebenfalls in ihr Elend ziehen würden. Der hat sich die Sache aber besser überlegt. Die Scheinwelten der Verlogenheit und Heuchelei, „ich bin das und ich bin der“ machen krank, es ist aber tatsächlich nicht so, dass ein „Verursacher“ einfach schizoid zur Tagesordnung übergehen kann. Nein, eines führt zum anderen, ein Elend in ein weiteres. Das Problem ist, dass man eigentlich die eigene Seele schon richtig spürt oder wahrnimmt, und darum alles vor sich selber hinweg lügen muss. Ich will möglicherweise gar nicht wissen, wie unser forschender Tierarzt seine Studien im unerreichbaren Popayán abschliessen soll. Weil das unwichtig ist, wo er jetzt überglücklicher Vater geworden und der Nachwuchs nicht feuermal-gesichtig sei. Als Marktlücke hat er die „Ozon-Behandlung“ für Pet’s für sich entdeckt. Ob dies oder Pflutschtomaten, Hauptsache ist doch, dass man davon leben kann und auch noch stolz darauf ist.

Demgegenüber ist der Basti ein offenes Buch, in mich fixiert wie Paco in dich. 🙂 „Das wird dir schnell auf die Nerven gehen“, orakelt J.P. Weil zu viel Aufmerksamkeit tödlich ist. Wie lange er zu bleiben gedenke, frug ich den Basti und der meinte, bis er mir verleidet sei. Zu tun hat er allerdings genug, ich glaube, er möchte seinem Grossvater, der sieben Fincas am Calima besitzt, etwas beweisen.

Die Clari ist eben Oberlehrerin, sie will als Allgemein-Autorität auftreten, und würde, wenn notwendig, vielleicht grundsätzlich immer ein Gegenteil behaupten. Ein Onkel des Basti sieht die Indios noch einmal anders: Die würden am morgen nichts tun und sich am Nachmittag davon erholen. Aber auch das ist demagogisch. Es würde mich wundern, wenn die Clari direkten Kontakt oder gar tieferen Einblick hätte. Kannst du dich hingegen an den Besuch auf der anderen Talseite erinnern? Die Angst in den Gesichtern, das agressive: „Was-hat-das-mit-mir-zu-tun?“ oder die „Wer-ist-Angie-Fernandez?“, die dort oben ebenfalls ein Haus besitzt und bei der Frage nach der Legalität völlig aus dem Häuschen geriet. Schwierig, diese Nervosität zu erklären, aber ich bin mir sicher, dass es mit der Rechtmässigkeit von Grund und Boden zu tun hat. Ich war damals etwas irritiert, als man mir als einen der Vorteile der Finca Singapur ihre Registrierung im Grundbuch nannte. Aber eben, um eine Selbstverständlichkeit dürfte es sich nicht handeln.

Ein Metzger muss nicht blutrünstig sein, ein Machetero wohl auch nicht. Und für das Schlagen des Zuckerrohrs dienen doch heute hauptsächlich Maschinen.

Don J.P. hat immer die Nase im Wind. Da witterte er, dass die SCAA (Specialty Coffee Association of America) von Manantiales del Frontino (Cafecultores) zur Besichtigung von deren riesigem Anbaugebiet im Quindio eingeladen worden war. Er liess uns dazu einladen. So fand ich mich frühmorgens in Caicedonia in einer internationalen Gruppe wieder, wir durften mit, weil wir im geländegängigen Fahrzeug anreisten. Die andern Besucher wurden in volkstümlichen Willy’s transportiert. Die zum SCAA gehörende Gruppe war wohl eingeladen worden, weil die Organisation Manantiales del Frontino 2011 mit „Best Origin Coffee of the world“ ausgezeichnet hatte. Oder so ähnlich. Damit du dir eine Vorstellung über die Zusammensetzung der Gruppe machen kannst: Eine Russin Ungarischer Abstammung, die in Wladiwostok lebt, eine New Yorkerin Polnischer Herkunft, die wiederum in Seattle mit Kaffee ihr Leben verdient. Eine andere US-Amerikanerin chinesischer Abstammung war offensichtlich Gruppenleiterin. Dazu Koreaner, Taiwaner, Japaner, Chinesen, Argentinier etc. Als Landei interessierte mich das Ehepaar aus Wladiwostok besonders, wobei der Ehemann ausser Russisch wohl auch von Kaffee, wie ich, nichts versteht. Mit Schaudern vernahm ich, dass die Kaffee-spezialisierte Ehefrau des Alyoscha neun Stunden lang von Wladiwostok nach Moskau düsen muss, wenn sie innerhalb des russischen Kaffee-Imperiums dort etwas zu erledigen hat. Und neun Stunden zurück. Und man sich, da billig und im Überfluss vorhanden, in Wladiwostok von Jakobsmuscheln, Krebsen, Langusten, Kaviar und natürlich anderem Meeregestier ernähren kann. J.P. hat recht, die in Kaffee spezialisierten sind sehr zugängliche, sympathische und überhaupt nicht snobistische Leute. Und weil wahre Profis den Kaffee nicht schlürfen, sondern sozusagen in sich „hinein zischen“, grauste mir ob der Degustation nicht so wie befürchtet.

Ein Wermutstropfen waren die Jejen-Mosquitos, denen unser Abschreckmittel bestens bekannt schien und uns sozusagen blutig frassen. Auf der Finca Singapur gab es davon früher ebenfalls viele, heute Gott sei Dank nicht mehr! In Huila, Terradientro wurde man praktisch nie gestochen. Sagt dir das irgend etwas?

Einstweilen herzliche Grüsse

Markus

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