Brief an den Dottore zu den „Kaffee-Welten“

Ciao Dottore

Um Mitternacht kam er am Flughafen Cali an, Don J.P. , leicht gestresst wie jeder Passagier der heutigen „Flugwelt“. Aber der herzliche Empfang, der Whiskicito im Becherlein und die effizienten Fahrkünste von Alvaro dem Jüngeren lösten seine spitze Zunge schnell. Nach kurzer Nacht zückte mein Gast und noch ungekrönter Kaffeekönig sein neumödiges (Englisch: new fangled) Instrumentarium und zelebrierte vor gläubigen Zuschauerschauern die Zubereitung von Kaffee. Dank regelmässiger Lektüre der FAZ war mir glücklicherweise das demonstrierte Equipment für den fortgeschrittensten Kaffeetrinker nicht völlig fremd. Die Handmühle und Filter japanischer Machart gestatteten die Degustation eines Nobelkaffees aus Costa Rica, der in seiner Menge nicht eben für das Löschen des Durstes gedacht war, sondern eben für den Kenner, der ich nicht bin.

Worauf sich der Krieg der Sprachgewandten entfachte. Angesichts des „verbrannten“ Kaffees der Singapur -von wegen der von mir bevorzugten Italienischen Dunkelröstung- könne man von der Singapur nicht von einer Finca Cafétière reden, sondern von der Finca „Gaffetière“. La Gaffe-> der Fehler! Die Finca Singapur = Château la Gaffe“. Du siehst, J.P. ist aufgrund seiner Studien in andere Sphären beziehungsweise Welten entschwunden als diejenigen, die uns lieb geworden sind. Ich muss jetzt meinem Mundwerk das letzte abverlangen, um mir die Kapazitäten des Herrn J.P. trotz abweichender Vorstellungen über die Röstung sinnvoll nutzbar zu machen. Damit du dir eine Vorstellung machen kannst: Herr J.P. trinkt zum Frühstück eine Tasse Hundert Prozent Schokolade (Campo Tuluá), ohne Zucker, wie es sich gehört, was ein intensives wenngleich bitteres Geschmackserlebnis bietet. Dieses verbleibt dann längere Stunden auf der Zunge. Aber im Ernst, der Zugang des J.P. zu Aspekten des Geschmacks ist spannend und zu lachen gibt es alleweil. Ich hatte doch zwei Tafeln Schokolade „Santander“ siebzig Prozent von „Nacional de Chocolate“ aufgestöbert. Schade, dass du die nicht probiert hast, mit der in der Touristenfalle erstandenen überteuerten Tafel mit dem muffigen Beigeschmack hat das nichts zu tun.

J.P. hat den ganzen Sonntag lang die Kaffeemühlen revidiert, oder besser gesagt „geputzt“. Miliz-tauglich sind diese Geräte wahrhaft nicht, es bleibt einem Füdlibürger (anal retentiv in Englisch) demnach keine andere Wahl als der Rückgriff auf die Kapselschlacht oder den Kaffeeautomaten. Der Zugang in die Kaffee-Stratosphäre bleibt ihm aber für immer verwehrt. So oder so sollte auch ein ambitionierter Amateur mehrere Methoden geläufig haben. Die da wären: Kolbenmaschine, Glaskolben und Filter. Letztere sind vor dem Gebrauch heiss zu spülen, um ihnen den entsetzlichen und geschmackszerstörerischen Bleichmittel-Geschmack auszutreiben. Gestern haben wir in Cali den Kampf gegen die Mängel der Finca Singapur aufgenommen. Bei Okafe in Cali, einer Kaffee-Tienda, wo Spezialitäten nach allen Regeln der Kunst zeremoniell degustiert werden können, wurde mir tröstlich mitgeteilt, dass der Italiener nebenan den Kaffee auch „verbrannt“ serviere. So wie es ja auch Leute gibt, die Süssstoff etc. in den Kaffee geben. J.P. erklärt das so: jeder Kaffee, der Zufügungen nötig hat, weist Defekte auf. Und die für ihren Kaffee berühmten Italiener rösten ihrem Billigkaffee unter anderem die übermässige Säure und andere Mängel weg. Dies hat zur Konsequenz, das im Bel Paese nur der Ein-Tropfen Espresso trinkbar ist, während alle andern Kaffeegesöffe vielerlei Beigaben bedürftig sind.

Etikette mit allen Informationen zum Inhalt

Von dieser Tristesse aber vor allem über Kaffee in Kolumbien unterhielt sich J.P. mit den Betreibern von Okafe blendend. Ich konnte mich der Schmuddelecke erst entwinden, als die Rede auf das Kaffee – Epizentrum Huila kam, rund um Tierradentro, die ich widerstrebend mit meinen Schweizer Besuchen kennenlernte. Und ich eben dort war, Angst und Schrecken über die Fahrten im Traktor überwunden habend. Und da waren mir Gott und Alvaro-Chofer Zeugen, der sich wiederum als der verwegene Fahrer über den Páramo-Puracé in Szene setzen konnte. ¡Que miedo! Wenn man sich da auf das Fahrzeug nicht verlassen könne…! „Que vous eussiez eu peur, dit-ils“ kommentierte darauf bos- und spasshaft zu mir gewandt der hierzulande der Einfachheit halber Jota genannte Don J.P. Der Sprung zum Thema „Kommunikation“ war daher nicht weit und die Rede kam auf die notwendigen Sprachfähigkeiten für die Beschreibung von Geschmack und Eigenschaften. Bei der Degustation ereignen sich ja tatsächlich Aha-Erlebnisse. Ich muss da in aller Ehrlichkeit noch ein wenig üben. Wahr ist, und da hat J.P. recht, dass die mit dem Kaffee befassten Personen allesamt ohne den Dünkel sind, den man von Wein und Spirituosen her kennt. Und die ausserordentliche Liebenswürdigkeit dieser Leute. Wir konnten uns in La Plata überzeugen und kein Wunder, dass dir der dort gekaufte Kaffee gegenüber dem der Singapur so gut geschmeckt hat. Gefährdet ist der Kaffee-Anbau allerdings auch dort und man täte gut daran, durchaus auch im Sinne des weltweiten Klimaschutzes, etwas dagegen zu unternehmen.

Für eine Karriere als Galeeren-Drehbuchautor wäre die mir von dir gewünschte Disziplin wohl unabdingbar. Eingebung und Disziplin sind aber oftmals konträre Eigenschaften. Da schiebe ich das doch noch ein wenig hinaus, für die Zeit, wo ich nichts anderes mehr tun kann. „Premium Medioker“ wollen wir ja nicht. Schlimm wäre halt, wenn mich das Gedächtnis verliesse. Zum Beispiel an die mindestens zehn verschiedenen Todesursachen, an denen die verblichene Freundin des Negro Fredy seinen wechselnden Schilderungen zu Folge zu Grunde ging. Gänzlich real-magisch! Ich weiss jetzt gar nicht, ob sich seine „Heilige Schrift“ noch im Hexenhaus befindet, aus Cali zurückgekommen ist er jedenfalls nicht. Für mich ist es sicher vorteilhaft, wenn er fern bleibt. Aber du musst zugegeben, dass er allein schon von der Kleidung her eine Show ist. Sein muskulöser Schokoladekörper im weissen Gewand, die stylischen Schuhe, seine Ketten und Ringe…! Dass das nicht gratis sein kann, hast du erwähnt. Also wird die Variante des Totschlags der „Geliebten“ durch konkurrierende Dealer das Naheliegenste sein. Das ist allerdings die Variante, die mir von jemandem anders weiter erzählt wurde. Für alle, die es jetzt schaudert: wie käme man zu solchen Thema, ohne sich die Füsse nass zu machen?

Bald mehr! Liebe Grüsse

Markus

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