Brief an die Cousine in Spanien zum Missbrauch

Liebe Elsbeth

Der Dottore Fabio ist da, mit ihm natürlich auch Helensche. Das Wetter ist schön und mild und ich freue mich natürlich über den Besuch. Weisst du, das ist für mich nicht stressig, weil mittlerweile das Personal der Finca sehr gut funktioniert. Das ist sicher die positive Mitteilung, dass diejenigen, die bei und mit mir sind, ein beträchtliches Mass an Selbstständigkeit und Qualitätsbewusstsein erreicht haben. Und siehe da: plötzlich macht es allen Spass. Meine jetzigen Kolumbianer sind ein Team, sie ziehen mit mir am selben Strick. Zusammenarbeitend kann man bekanntlich Berge versetzen.

Ich weiss nicht, ob es dir auch so geht, manchmal vergleicht man sich als seinerzeitiger Jugendlicher mit diesen hier von heute. Und da fällt der Vergleich, ich muss das zugeben, nicht immer zugunsten meinerseits aus. Ich war verklemmt, unsicher, und desinteressiert, während beispielsweise der siebzehnjährige Juan Gabriel organisiert, erkundungsfreudig und neugierig ist.

Das Thema ist Bildung und Erziehung. Vorkommen wie diese Verbrechen an jungen Frauen, oder eben die Missetaten ihrer Quäler, sind auch und vor allem das Resultat mangelnder Bildung. Ich denke, dass die Gesellschaftsform der Familie in mancherlei Beziehung insofern ausgedient hat, als sie nicht mehr funktioniert und möglicherweise im Sinne eines Fortschritts nicht immer gedient hat. Ich beziehe mich da auf die Chancen-Ungleichheit, auf Alleinerziehende und Patchwork-Familien und mehr. Mir stellt sich da die Frage, ob ein Kind nicht besser Teil einer grösseren Gemeinschaft mit entsprechend weiterem Horizont als demjenigen einer Familie wäre. Eine Gemeinschaft, die Rückzugsmöglichkeiten, Bildungschancen und andere Betätigungsmöglichkeiten freier Wahl bietet. Eine Familie setzt eine funktionierende Ehe der Eltern oder Grosseltern voraus. Wie wir wissen, funktioniert die überwiegend nicht mehr, nichtsdestotrotz wird dieses Dogma weiter hochgehalten, vor allem auf Kosten der Nachfahren. Dass das früher besser gewesen wäre? Ja woher, damals wurde Dissens und Unvereinbarkeit einfach unter dem Deckel gehalten.

Reden lässt sich leicht, das ist wahr. Für mich waren die letzten auf der Finca Singapur verbrachten Jahre der Frau Grete ein persönliches Projekt, weil ich immer der Integration von Jung und Alt in die Gesellschaft das Wort geredet habe. Ich will da ehrlich bleiben: diese Experiment möchte ich nicht noch einmal wiederholen, es wäre zum Glück auch gar nicht möglich, weil ich heute manches besser wüsste. Trotzdem hat es schlecht und recht funktioniert, mit Sicherheit besser als in einem Schweizer Alters- oder Pflegeheim. Wenn ich mir vorstelle, wie meine in viele Einzelmasken zerfallende Generation in Altersheimen zu Tode gebracht werden soll, kommen mir grosse Bedenken bezüglich der Machbarkeit.

Diese Dreiteilung des Lebens, Jugend ohne Verantwortung, Erwachsensein mit Verantwortung für Jugend und Alte, und dann wieder das Alter, anlässlich dessen Erreichen wir die Verantwortung wieder abgeben dürfen. Das Gesetz bemüht sich, die Lebensphasen in biologisch selten zutreffende Altersjahre einzuteilen. Der Schweiz, ohne dass dies ins allgemeine Bewusstsein dringen würde, bietet sich zusätzlich das Problem der Gender-Ungleichheit mit dem Pensionsalters und der Belastung durch den Militärdienst. Letzteres Problem kennt Kolumbien nicht, weil nur wer arm ist Militärdienst leisten muss, nämlich wer sich die Befreiung finanziell nicht leisten kann.

Aber da bin ich jetzt am Wegdriften. Mein Thema ist die Integration in eine Gemeinschaft, die weder religiös noch ideologisch sein muss. Höchstwahrscheinlich ist diese in Europa nicht mehr möglich, da die Vereinzelung und Individualisierung bereits zu stark fortgeschritten sind und eine entsprechende Infrastruktur schwer zu schaffen wäre. Im „rückständigeren“ Agrarland Kolumbien liesse sich zumindest auf dem Land eine solche Kommunalisierung auf freiwilliger Basis wohl leichter realisieren.

Was ist ein Leben in einer „Gemeinschaft“ wert? Wer kann daran teilhaben? Beispielsweise ledige Mütter und Väter mit Kindern, Campesinos ohne Grund und Boden, hilfsbedürftige Ausländer mit Alterskapital, entspannungssuchende Städter mit Geld, am ökologischen Landbau Interessierte, mit dem Weiterkommen von Kindern aus schwierigen Verhältnissen interessierte Pädagogen und viele andere mehr. Das Thema lautet mehr Effizienz, Einsparung von Kosten, Vermeidung von Stress. Eine Utopie? Ich glaube, das liesse sich ausprobieren.

Die Fotos sind lediglich in der Nacht aufgenommen, nächtliche Blüten habe ich keine. Und ja, wegsehen darf man nicht, man muss sich des Unrechts gewahr bleiben.

Einstweilen liebe Grüsse

Markus

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Ein Kommentar zu Brief an die Cousine in Spanien zum Missbrauch

  1. scheff sagt:

    Dein Zitat:

    Mir stellt sich da die Frage, ob ein Kind nicht besser Teil einer grösseren Gemeinschaft mit entsprechend weiterem Horizont als demjenigen einer Familie wäre.

    ???

    Für mich eine Utopie. Ich möchte meine Kinder im Moment nicht unbedingt in den Händen der Sozis wissen, die im Moment in Heimen und ähnlichen Institutionen das Zepter schwingen.

    Eine mir unliebsame Bekannte, selber mit sehr schwierigem familiären Background, ist heute Kleinkinder-Erzieherin. Bestimmt suboptimal!

    Und ich bin der Meinung, dass die Mehrheit der „grösseren Gesellschaft“ eher einen unterdurchschnittlichen Horizont aufzuweisen hat. Wer würde dann entscheide wer für die Erziehung unserer Sprösslinge gut genug wäre? Welche religiösen und politischen Aspekte würden berücksichtigt?

    Humbug, man merkt schon, dass Du nie Kinder hattest, sorry to say so!

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