Brief an die Cousine zu Wasser und Avocado

Hoi Elsbeth

Aguacuate oder eben Avocados haben wir auf der Finca Singapur zuhauf. Damals hier angekommen, schien mir dies ein Reichtum ohne Grenzen zu sein und ich grämte mich, dass sie sich nicht unter die Leute bringen beziehungsweise verzehren liessen. Wobei wir, oder besser ich, alles daraus machten, was sich machen lässt: Eis, Smoothie oder eben Saft, Guacamole und andere Saucen. Vielleicht kannst du dich erinnern, dass in diesem Blog die Rede davon war, dass ein Konservenproduzent, der ein Rezept von mir wollte und der jetzt schon eine gräusliche Guacamole-Konserve produziert. Dort reifen die Avocados klimatisiert, nicht zu warm und nicht zu kalt und mit Musik berieselt. Klassische sei am besten. Hier ist es eben so, dass vom Überfluss stammende Produkte keinen kümmern, mittlerweile nicht einmal mehr mich. Das gehört zum Kulturschock, mit dem man fertig werden muss. Was die Avocados betrifft: ein wenig bräunlich schadet (noch) nichts, erst wenn’s dunkler wird, wird’s bitter. Wie beim Rassismus! Ansonsten reifen sie in Zeitungspapier eingewickelt an einem eher kühlen Ort am besten. In Europa wird meist eine kleine dunkle Sorte namens „Hass“ verkauft. Die gilt hier als die beste, was sein kann. Die grossen haben halt den Nachteil, dass eine Einzelmaske mit deren Konsum überfordert ist. Also, wenn der Stein drin bleibt und mit etwas Zitronensaft, wird sie nicht schwarz. Auch in einer Sauce nicht.
Rezept: Avocado mit Petersilie, Knoblauch, Olivenöl, einem Spritzer Orangensaft, Salz, Pfeffer und ein paar Tropfen Soyasauce (ansonsten Maggi) pürieren. Lässt man den Stein drin, lässt sich das wie eine Mayonnaise aufbewahren und zu was auch immer, oder auf’s Brot gestrichen, verzehren. Das ist nicht nur wohlschmeckend, sondern soll auch gesund sein. Superfood eben, schmackhaft, gesund und, für den der’s glaubt, sogar schlankmachend. Ich persönlich kann es mir nicht leisten, dies zu behaupten.
Die Logistik, bis die Avocados in den Handel kommen, ist halt aufwendig, aber ich hatte schon damals in der Schweiz keine Lust, fünf Franken oder so in den Abfall zu werfen. Du würdest wohl am besten dort hinreisen, wo sie bei dir herkommen, auch Pfirsiche etc., eben bei einem dortigen Obstbauer. Der dir Früchte reif verkauft. Ich nehme an, die gibt es dort, wo das Wasser herkommt. Ohne Bäume kein Wasser. Zur Beschaffung müsstest du vielleicht eine „Gemeinschaft“ gründen, so etwas wie ein Tupperware-Abend, damit die reifen Früchte innert nützlicher Frist konsumiert werden.

Erinnert dich das an etwas? Früher sagte man über jemanden, „sie“ oder „er“ ist in einer Gemeinschaft. Und dann hatte das den Beigeschmack des Bigotten, eben jenem der Glaubens-Gemeinschaft. Aber wenn sich das etwa auf die Beschaffung von frischen Landwirtschaftsprodukten beschränkt, bleibt der Begriff unbelastet. Im Gegenteil, ich denke, der Kontakt zu einem Bauer bringt in der einen oder andern Form immer einen Gewinn. Indem man es wagt, der grauenvollen Massenware geschmackloser Produkte, die ansonsten in den Norden exportiert wird, die Qualität des Saisonalen oder Lokalen entgegen zu setzen. Ich weiss, dass es sie in den Anhöhen, wo du lest, noch gibt, der Kontakt mit ihnen kann ergiebig sein. Aber auch derjenige unter Mitkonsumenten kann etwas bringen: was mache ich mit diesem, und was mich aus jenem.

Von all den Landarbeitern, die auf der Finca Singapur gewirkt haben, ist Don Arturo der einzige ist, der den ökologischen oder besser eigentlich: den traditionellen Landbau (noch) versteht. Weil sein Vater ihm das als kümmernder Erzieher sozusagen als Tradition weitergegeben hat. Wo jetzt Peperoni und Tomaten und mehr auf einmal Geschmack bekommen haben, scheint mir das hocherfreulich. Wichtig ist, dass man weiss, um was es geht und vergleichend entsprechende Speisen zubereiten oder probieren kann. Ein Produzent von was auch immer muss wissen, um was es geht und sein Produkt mit den passenden Worten sozusagen als Machtentfaltung verkaufen. Weiss er es nicht, muss er gar sehr in der Trickkiste der Marketing-Schwätzer herumklauben.

Ich mag nicht verschweigen, dass meine jetzigen Kollaborierenden allesamt Mitglieder in der selben Glaubensgemeinschaft sind. Und dass das niemanden, insbesondere mich, zu stören braucht. Weil sie fröhlich sind und an ihrer Arbeit Spass haben. Mehr noch, wenn es in einer Gemeinschaft zu einem Austausch ohne Eiferei kommt, mag das gar zu Fortschritt führen. Daher habe ich vor, auf der Singapur Seminare für junge Städter durchzuführen, an denen sie etwas über den vielfältigen Landbau Kolumbiens und die „Gut-und-Günstig“-Küche lernen. Wenn der Pablito das Predigen in der Gemeinschaft praktiziert, kann er es bei mir auch gleich tun. Nein, im Ernst, es geht weniger ums Predigen als ums erklären. Oder darum, dass man das tut, was man kann.

Demnächst komme ich wieder mit einer Predigt, ich kann’s nur schriftlich!

LG

Markus

Die erwähnten Bohnen, hier mit „Pimentón und Zwiebel“.

PS: Die besten Bohnen habe er in London gegessen, behauptete mir gegenüber J.P. der Weltenbummler. Angesichts der grobschlächtigen, die ich ihm servierte. Du wirst mir glauben, dass ich mich sehr ärgerte. Hier oben jetzt meine Rache: feinste feine dünne Stangenböhnchen, die man direkt in Butter dünsten kann….. köstlich! Leider sind sie gekauft, aber wir haben schon die Samen herausgeklaubt. So Gott will….!

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