Brief an die Cousine zum geschlechtsweise korrekten Schreiben

Hoi Elsbeth

Wie dir wahrscheinlich bewusst sein dürfte, schreibt die Deutschen Grammatik, die sich die Sache damit zu einfach macht, für die persönliche Mehrzahl einfach die (einfachere) männliche Mehrzahl vor. Die Schöpfern dieser Grammatik waren sich nur zwei Geschlechtern, die neumodisch Gender genannt werden, bewusst, männlich und weiblich. Noch primitiver ist Englisch, das überhaupt kein grammatikalisches Geschlecht kennt. Die geschlechtsneutrale deutsche Mehrzahl wird jedenfalls seit vielen nicht als so empfunden, sondern im Gegenteil als diskriminierend und nicht nur das schwache Geschlecht abwertend, sondern auch die vielen neu aufgekommenen Geschlechter, die man früher nicht zur Kenntnis nehmen wollte. Von daher wird eine politische korrekte Sprache immer schwieriger, sodass der vom der Opernhaus-Kommunikation verwendete Ausdruck „MusikerInnen“ mittlerweile seiner einstigen Korrektheit längst entkleidet ist, weil ja im Orchester der Oper Zürich, bewusst oder unbewusst, möglicherweise auch Angehörige der LGBT-Community mitmusizieren. Ganz sicher bin ich nicht, aber ich glaube, dass die Kommunikationsabteilung des Opernhauses dies mit der Formel „Musiker*“ hätte lösen können, wobei der Stern alle jetzt bekannten und künftigen Geschlechter abdeckt. Schön sieht das zwar nicht aus, aber praktisch ist es schon.

Deutlich eleganter und ebenfalls zukunftsträchtig löst dieses Problem mein ehemaliger Arbeitgeber, EWZ, der seine Hauszeitung ewzytig als „Das Magazin für Mitarbeitende“ bezeichnet. Der Trick liegt im Neutrum „Mitarbeitende“, was das substantivierte Partizip von „mitarbeiten“ ist. Nicht, dass das immer so gut funktionieren kann, Vorsicht ist geboten. So klingt beispielsweise der aus „mitleiden“ gebildete Ausdruck „Die Mitleidenden“ seltsam und „Leidende“ ist, wie du sicher spürst, obgleich neutral, etwas leicht anderes. Diese Ausnahmen sollen nun nicht entmutigen, die Möglichkeiten des substantivierten Partizips voll auszuschöpfen. Also hätte das Oberhaus schreiben müssen: „Die Musizierenden des Orchesters“ oder „Die Singenden des Chores“. Anstelle von VerkäuferInnen wurde man von „Verkaufenden“ schreiben. Keiner der RichterInnen des Bundesgerichts dürfe sich durch den Ausdruck „Die Richtenden“ beleidigt fühlen. Es eröffnet sich so ein weites Feld für Sprachwissenschafter, die ebenso auf Arbeitsbeschaffung erpicht sind wie dasselbe EWZ. Ein Herausforderung wären die MechanikerInnen, und ob der Ausdruck „Die Mechanisierenden“ als korrekt gelten könnte oder durch „Die Maschinierenden“ ersetzt werden müsste . Weil man sonst insofern in die Bredouille geriete, wenn von den „Mechanisierenden der mechanisierten Truppen“ sprechen müsste.

Jetzt widersetzen sich ausgerechnet weibliche Politisierende der deutschen Politik dem Beackern dieses weiten Feldes. Sozusagen mit der überaus simplen Formel „Allen Geschlechtern recht getan, ist eine Kunst die niemand kann“. Oder schlimmer noch, bezeichnen sie die hehre Suche nach „Gender Gerechtigkeit“ als Verhunzung der deutschen Sprache. Tröstlich ist, dass es halt „Rechte“ sind, die womöglich gar das Kreuz in der Schulstube hängen lassen möchten.

In Englisch gibt es wenigstens dieses Problem nicht. Es war nicht mehr zu tun war, als den zu erotisch gewordenen Ausdruck „Sex“ für das Geschlecht mit dem ursprünglich ausschliesslich für die Grammatik gebrauchten Ausdruck „Gender“ zu tauschen.

Viele Grüsse

Markus

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