Brief an Tscheff Rotscher zu Margrith Bigler-Eggenberger

Ciao Don Roger

Ich habe versprochen, dir über erste Schweizer Bundesrichterin zu berichten, die ich gemeinsam mit ihrem Ehegatten im Oberwalliser Hotel kennenlernte. Weisst du, mit Hotelgästen und einer persönlichen Beziehung ist das so eine Sache, auf der anderen Seite weiss ich, dass die Margrith, wir waren oder sind per du, nichts dagegen hätte, wenn ich sie hier als Kronzeugin präsentiere. Weisst du Roger, die Welt lebt von Vorbildern, aber die Vorbilder müssen etwas taugen. Das Ehepaar Bigler-Eggenberger beeindruckte durch seine „vornehme“ Art und eine tief gehende Menschlichkeit, die sich im Gemeinsinn äusserte. Das tönt vielleicht pathetisch, ist aber trotzdem wahr. Kurt Bigler, der das Grauen des Holocaust eher durch ein Wunder überlebt hatte, war witzig und menschenfreundlich, von Hader mit dem Schicksal war da nichts zu spüren. Seine Ehefrau, die Richterin, stammt aus wahrhaft noblem Hause, das Justitia bahnbrechend barmherzig und nicht als Racheengel auffassen wollte. Unter diesen Umständen konnte die Margrith gar nichts anderes als aufrechte Sozialdemokratin sein.

Das Ehepaar Bigler besuchte mich auch in Aigle, wo mein Umfeld, das oberstehende Interview macht dies deutlich, eine Bundesrichterin nicht eben favorisierte. Auch ich vermeinte, zwischen Hammer und Amboss zerrieben zu werden, wahrscheinlich ein Grund dafür, dass ich heute mit meiner kolumbianischen Paranoia umzugehen weiss. Einer der Mitbesitzer des Hotels war ehemaliger „Maire“ (Schulthess), oder wie man das nennen will. Sein Vorgänger oder Nachfolger, ich weiss es nicht mehr, war der Eidechsenwein – Badoux und beide streng FDP und sich selber gegenüber spinnefeind. So fürchtete der Badoux, dass sein Eidechsenwein im Angebot des Hotels fehlen könnte, was für ihn eine Sache lokalen Prestiges war. Demgegenüber sein Kontrahent diese Auslassung sehr begrüsst hätte, wo doch der Eidechsenwein eigentlich eine Walliser Pantsche sei. Beide nahmen mich in die Geiselhaft einer Charme-Offensive, mit der sich meine Leber auseinander zusetzen hatte.

Da war auch noch ein Kroatischer Adliger, der mir seine Liebe gestand, die ich nicht zu erwidern wusste. Jedes Mal, wenn ich seinen Blick auf mir ruhen fühlte, fröstelte mich und ich musste einen grossen Schluck Alkohol zur Besänftigung der gereizten Nerven zu mir nehmen.

Daneben gab es einen Dauergast, der Cohen hiess und dessen Bruder in Syrien als Spion erhängt worden war. Er hatte wiederum mit dem Ägypter Gaon zu tun, der in Genf das Noga-Hilten hatte erbauen lassen. Dass Gaon ebenfalls Jude war mir damals nicht klar, ich fürchtete jedenfalls ein grauenhaftes Komplott. Dieser Dauergast wollte partout dafür sorgen, mich zu meinem besten Kunden zu machen und liess edlen Alkohol gleich literweise fliessen.

Einmal in der Woche fand ich mich im Hause des Notars ein, der eigentlich Musiker war und neben der Oboe auch das Klavier traktierte. Für die Proben des Blockflöten-Konsort nahm er den Bass zwischen die Knie. Ich hatte meinen Alt grifftechnisch überhaupt nicht im Griff und dass man den barocken Notentexten noch viele selbsterfundene Beifügungen hätte machen sollen, erschloss sich mir nie richtig. Entspannung und Freude kam nur auf, wenn sich der Herr Notar ans Klavier setzte und wir zusammen Ravel spielten. Das hatte ich im Ohr und dann kam so etwas wie Beseeltheit auf. Lustig wurde es aber trotz meiner schweren Lakünen immer, wenn man sich zwecks Entspannung dem Weine zuwandte. Da wurde gleichzeitig meine Tratschsucht befriedigt, die der Notar unter dem Siegel der Verschwiegenheit bestens zu befriedigen wusste. Allerdings steigert das die Paranoia sehr, weil vermeintlich man glaubt, der eine oder andere wüsste, was man selber weiss.

Im Hotel wirkte auch ein begnadeter Küchenchef, der wie alle, die beruflich auf hohem Niveau kochen, am Rande des Wahnsinns vegetierte. Die Gewissheit, dass in jedem Moment eine heisse Pfanne nach mir fliegen könnte, war nicht dazu angetan, meine Paranoia zu besänftigen.

Ob die Biglers durch diesen Treibhausdunst blickten, kann ich nicht sagen. Und wenn, dann hätten sie mit mir gekichert.

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