Brief vom Dottore zum Life-Style Food

Ciao Direttore

Beim Aufwachen habe ich im Radio eine Zusammenfassung zu einem Essay in der Süddeutschen Zeitung gehört, wonach nicht Gier, sondern Dummheit die Welt regiert. All die Dummen, die Politikern, Wirtschaftsbossen, Marketeers, Premium-Mediokren und Halluzinationen aller Art glauben, hielten die Welt am laufen. Oder abgewandelt: Weil die Dummheit keine Grenzen kennt, bestehen auch keine Grenzen des Wachstums? 

In der Nahrungsmittelindustrie gibt es den Begriff „Craftwashing“: industriell hergestellte Lebensmittel werden gezielt als „artisanal“ verpackt, d.h. wie aus handwerklicher Manufaktur angepriesen und verkauft. Das verkaufe sich entsprechend besser und mit höherer Marge, eben wegen der epidemisch grassierenden Dummheit.

Nestlé-CEO Schneider verkündete diese Woche am Swiss Economic Forum Bemerkenswertes. Wie wir alle unweigerlich feststellen könnten, hätten sich erstens die Essgewohnheiten zu früher radikal verändert und zweitens beschleunige sich diese Veränderung stetig. Natürlich könne Nestlé nicht jeden Micro-Trend (sprich Furz) mitmachen, doch die Food-Scouting-Strategen (Essens-Pfadfinder-Strategen) würden wenigstens jene Trends zumeist erfolgreich ausmachen, die hohe Umsätze versprächen („idealerweise“ mindestens 1 % vom Umsatz also ca. 1 Mrd Umsatz). Von daher auch die Kooperation mit Starbucks, bei der ganz agil innerhalb von knapp 6 Monaten eine ganze Produktelinie konzipiert, designed, produziert, Lobpreisungen dafür erhalten und mit dem Verkauf begonnen hätte. Oder der phänomenale vegi Hamburger auf der Basis von Hülsenfrüchte, der bereits ein Verkaufsrenner sei. Direttore! Bedeutet das, dass du wenigstens diese Goldgrube trotz allerbester Voraussetzungen verpasst hast? 🙂    

El Dorado!!: Symbol, Fiktion oder Realität? Bei einem deiner Nachbarn wurde präkolumbianisches Indio-Gold gefunden, wie mir dieser angelegentlich der Begutachtung seiner Cacao-Bäume Kollektion mitteilte und anhand Fotos belegte. Wieviel das Gold wert war, hat sich wenigstens mir damals nicht erschlossen. Auch weil er es den archäologischen Dienst gemeldet hatte und dafür (vom Staat?) nach mir unbekannten Ansätzen entschädigt wurde. Auf den anderen umliegenden Grundstücken ist trotz umfangreicher Bauten und Grabungen aller Art bisher kein Goldschatz ausgegraben worden. Das könnte (oder müsste gar?) zu denken geben. Oder wissen wir einfach nichts davon? Hätte beispielsweise Eberardo bei den Ausgrabungen für dein Schwimmbad Indio-Gold gefunden: er hätte es klarerweise für sich abgezwackt, aber andererseits wäre es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis ihn seine Dummheit verraten hätte? Mehrdeutigkeit ist eine Ureigenschaft der Orakel, relevante Fragen dazu kommen einem immer erst im Nachhinein in den Sinn. Beispielsweise: Wieviel Gold? In welcher Form? Welcher Indio-Fluch fällt auf einen zurück (auf Finder, Verwerter, …)? Oder was passiert mit einem nach ergiebigem Fund, wie verändert sich das Leben, was macht man mit dem Schatz? Nach dem Bankraub ist vor dem Bankraub. Möglicherweise ist nicht alles Gold, was glänzt und es lebt sich viel besser, nur in Gedanken auf Gold zu sitzen oder zu schlafen!

Gestern las ich verschiedene Passagen von Leo Miller’s Reisebeschreibungen von anno 1910-15 zu Finlandia-Salento-Quindio und Chocó. Interessant ist in diesem Zusammenhang, wie er im Chocó, wo Flüsse zusammen laufen, eine „artisanale“ Filterung der Flusssedimente zum Zwecke der Goldgewinnung beobachten konnte. Die gefundenen Goldpailletten wurden im Handel vor Ort gegen Lebensmittel eingetauscht (Banknoten hatten wegen der raschen Zersetzung im dortigen Klima kein Wert), oder über verschlungene Pfade bis nach Buenaventura gebracht, um dort Kasse zu machen.    

“Late in the afternoon we landed at Nóvita. I was somewhat surprised at the size of the town, which consists of about fifty hovels. The white population, which was very small, consists mainly of traders, and is more or less transient. I was told that they remain in the region a year or two to buy gold and to sell their stock of provisions and merchandise at exorbitant prices, and then return to a more healthful climate–to suffer many years afterward from the effects of their sojourn in the Chocó.

Noanamá was reached the next day. It is not quite so large as Juntas de Tamaná, and stands on a bluff overlooking the river. The inhabitants are all negroes; the males wore breech-cloths only, while the costume of the women consisted of a narrow cloth fastened around the waist with a string. Both men and women spend a few hours each day washing gold on the river-bank, securing enough from this work to pay for provisions brought from Buenaventura. When they have accumulated a small quantity of the fine, sparkling flakes they embark in their canoes and make their way to the seaport in three days, there to do their trading.”

Mein Glarner Freund schenkte mir diese Woche ein neues Läderach Produkt: „Grand cru noir carrés“. Es sind Carrés aus unter anderem 65-70% Kakao aus verschiedenen Gegenden: Ecuador, Brasilien, Trinidad, Grenada, Madagskar. Die Carrés haben eine mittlere dünne Schicht bestehend aus einer Art Cacaobutter, die eine andere Textur zur äusseren Schicht ergibt. In der Zusammensetzung lese ich: Kakaomasse, Zucker, Kakaobutter, Glukose, Butter (Milch), Feuchthaltemittel (Sorbitsirup), Farbstoff (5x), Pflanzliche Fette/Öle (Palmkern, Palm, Kokos), natürliches Vanillearoma, Emulgator (Sojalecitin); Kakaopulver fettarm. Der Premium-Medioker-Verpackung ist eine kleine mehrfarbige Erklärungsbroschüre einschliesslich Qualitätsgarantie beigelegt: „Ich garantiere, bla bla bla. Sollten Sie dennoch Anlass zu einer Beanstandung haben, bitten wir Sie, es mit Angabe des Kaufdatums und der Verkaufsstelle an uns zurückzusenden. Wir werden es Ihnen selbtsverständlich ersetzen.“ Bei einem Geschenk ist das wohl so nicht umsetzbar, stell dir gar dich selber vor, wenn du es für 101 Fr zurückschicken müsstest!

Nun, es bot sich mir diese Woche zweimal Gelegenheit Choco-Degustations-Desserts anzubieten, einmal bestehend aus Deiby’s Finca Singapur Choco-Törtli, Luker Single Origin Arauca und Tumaco „Pellets“ und eben diese Läderach Carrés. Das Degustationsergebnis war beide Male eindeutig. Im Vergleich fällt Premium Medioker sogar weniger erfahrenen Degustatoren auf! 

Buon inizio di settimana

F.

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