Der Dottore über meine Pläne und meine Antworten dazu

Buongiorno Direttore,

Die graue Woche geht weiter. Zeit für deine erste Drehbuchstaffel hätte ich. Dein Satz „Wichtiger ist, dem Bösen und Abwegigen ein für alle wahrnehmbares Gesicht zu geben“ ist mir in Erinnerung geblieben. Zu der von dir erwähnten Lernkurve würde ich die erlebten kolumbianischen Mahnmale des kommerziellen Scheiterns anfügen. Nüchtern, ohne Bosheit einige Einsichten: 

Der operative Betrieb ist äusserst anspruchsvoll. Falls skaliert (mehrere Grundstücke, Fincas,…) umso mehr. Es ist schwierig qualifizierte, zuverlässige Mitarbeiter zu finden, anzuheuern, einzuarbeiten, zu beschäftigen, diese zu einigermassen konstanten Engagement / Erscheinen zu bewegen und sie zu führen. Wie stellst du dir das vor? 

Der Dottore

Bezüglich der Mahnmale des Scheiterns: Sie sind eben „Mahnmale“ und dazu da, dass man sie als Mahnmal, Trümmer oder Grundfeste in die Planung einbezieht. Ich bin spät, es war wohl gar nicht anders möglich, mit der „Klasse“ der „campesinos“ in Kontakt getreten. Derjenige mit ganz und gar „Eingeborenen“ wie Sachoy ist sowieso eher eigenartig. Mit campesinos sind hier die sogenannt „Landlosen“ gemeint, die im Rahmen der Feudalistischen Strukturen für ihre Herren das erhalten, was letzteren erhaltenswert erscheint. Ihr Glaubensbekenntnis ist die Arbeit in der Natur mit der Natur, die sich naturgemäss mit der Stechuhr schwierig gestaltet. Die Gemeinschaft von Pablo und Co. ist offenbar eine der wenigen, die sich der Organisation der Landlosen, also ihresgleichen, widmen will. Ihre Erfahrung im operativen Betrieb ist unter anderm die katastrophale Auswirkung der Pestizide auf die Umwelt, die Verwendung von geklontem Samen, was für sie Hunger bedeutet etc. Die Landlords liessen sich von derlei naturgemäss nicht beunruhigen. Weil der Drogenkonsum- und Verkauf der Weltanschauung der campesinos entgegensteht, bleiben sie demgegenüber ablehnend, campesinos lassen sich fast ausschliesslich unter Zwang dazu herbei. Bezeichnend ist hingegen für sie die Obrigkeits-Gläubigkeit und ihre Furcht vor der „Macht“.

Der Betrieb erfordert Eigentümer-Präsenz. Es ist nicht ratsam die operative Führung Dritten zu delegerien, wenn diese nicht bereit sind, selber Risiko zu tragen und dabei tatsächlich verstehen, was das heisst, also nicht schwammig ein „Konsequenzen tragen… bla bla“. 

Der Dottore

Es fällt mir schwer zu sagen, wo meine operative Führung (du nennst mich ja Direttore!) einsetzt. Ich habe viel Verständnis für den Landbau, und sehe diesen durchaus auch wirtschaftlich. Aber die grundlegenden Kenntnisse fehlen mir, trotzdem zeichnet sich im kleinen Rahmen mit meiner „Singapur“ ein Erfolg ab. Die Prachtsentfaltung der Natur allein ist klar nicht wirtschaftlich. Trotzdem hat auch die Pracht viel mit dem Willen der Campesinos zu tun. Und ausserhalb der Monokultur ist jede Pflanze prächtig. Die Frage, ob es eine „operative“ Führung meinerseits im Moment braucht, bleibe dahin gestellt. Wenn die Singapur im Rahmen des von mir Tolerierten erfolgreich ist, hat das auch mit meiner Zurückhaltung zu tun. Aber im Grunde wird es es sich um eine finanzierte Landumverteilung handeln, an der niemand darben wird. Brachland, und um darum handelt es sich ja, ist beim Kauf nicht teuer, zumindest nicht für reiche Europäer.     

 Zwei ganze Wertketten betreuen zu müssen, macht es nicht einfacher – im Gegenteil.

Der Dottore

Ich betreue keine Wertketten, wie du weisst, Dottore! Aber ich habe mittlerweile begriffen, dass ich nicht darum herum komme, solche Wertketten betreuen zu helfen. Daher mein Umdenken, dass ich nichts, wie du sagst, unter den Scheffel stellen darf. Meint, ich muss das wohl referieren. Ich kann das in praktischer, weltanschaulicher und sprachlicher Hinsicht und sehe dafür niemanden sonst. Und das am Ende des Tages nicht weniger als im Sinne des Weltklimas.

Die Kaffee-Campesinos verkaufen ihre Produktion zu Preisen, die nicht kostendeckend sind. Der Input von J.P. – den ich ernst nehme – deutet darauf hin, dass in den ersten Stufen der Kaffee-Wertschöpfungskette die Voraussetzungen im Vergleich zudem nicht ideal sind, bei annähernd gleicher Qualität der Bohnen. Im Ergebnis: viel Aufwand, wenig Ertrag. Das macht auf Dauer niemandem Spass. Die Zuwendung zu lukrativerem Anbau ist wenig überraschend. 

Der Dottore

Das mit der Gleichmacherei von Qualitätsprodukten mit liebloser Massenware haben wir, glaube ich, schon besprochen. Von daher: „third wave“, was die direkte Beziehung des Produzenten zum Kunden meint. Der Kunde gewinnt damit ein Premiumprodukt zum Preise eines gewöhnlichen. Wo J.P. recht hat, hat er recht. Aber dafür ist „Ausstrahlung“ (siehe oben) in jeder verfügbaren Form notwendig. Mit der Attitude eines abgestandenen Yuppie ist da nichts zu gewinnen. Schau, Dottore, ich mache mir wenig Sorgen, auch bezüglich Umweltschutz obsiegt das Gute, beziehungsweise die Qualität. Auch J.P. wird das noch erfahren. Es kann und darf nicht sein, dass Kaffee aus Giftwüsten mit ökologisch angebautem konkurrieren kann. Dafür gibt es mehr als nur ein Argument: Die Verarmung der Böden, die zunehmende Resistenz der Schädlinge, das Risiko für den, der die Produkte ausbringt. Und die Kosten für diese!! Mir persönlich ist auch kein einziges geklontes pflanzliche Produkt bekannt, dass geschmacklich mit der Ausgangspflanze konkurrieren könnte. Siehe Tomaten oder Kaffee „Castilla“.

Die grösste Wertschöpfung beim Kaffee erfolgt in den Schritten der Wertkette vor (Samen- und Pflanzenzüchtung, Dünger, Pflanzschutzmittel) und vor allem nach der Lese und Bohnenselektion. In diesem Segment sind gewichtige und etablierte Player im Markt. 

Der Dottore

All dies ist bestens bekannt: Samen, Dünger, Pflanzenschutz und Bohnenselektion. Im Gegensatz zu den „Playern“ wissen wir darüber umfassend Bescheid.

Die Schattenwirtschaft ist – wie du schreibst – mächtig und ernst zu nehmen.

Der Dottore

Eine bekannte Gefahr, deren Gesicht man kennt, ist keine Gefahr.

Das Rechtssystem leidet an einem Vollzugsproblem: z.B. Land-Besetzungen, Enteignungen, Schuldeneintreibung, unsichere Grundbuchpositionen (Metzger M.!?), Proceso de Paz, Landrückgaben und Versprechen an die Campesinos , Kaffee-Export-Bewilligungen, etc.

Der Dottore

Das hat ja gewisse Vorteile, weil man mit einem korrekt erledigten Kauf weniger Probleme. Mit einem guten Gewissen und Aufrichtigkeit ist man nach meiner Ansicht auch in Kolumbien sehr gut unterwegs.

Von der Option, die „Dividende“ im Gegenwert von Vollpension-Tagesaufenthalten zu beziehen, würde ich abraten. Ob und wann eine Dividende überhaupt ausbezahlt werden kann, ist ja fraglich (= schwer für alle zu planen). Womöglich ist die Benefizgesellschaft gemäss Statuten gar nicht gewinnorientiert (ausser für die „Beschäftigten“): eine „Dividende“ daher rechtlich heikel. Zudem dürften die Spenden bzw. Mitgliederbeiträge sowie die Einnahmen vom Betrieb aufgesogen werden. Spende oder Mitgliedschaft sollten eher wie „Clubbeiträge“ laufen, im Sinne das sie Anrecht geben mitzuarbeiten, gegen fairen Entgelt Aufenthalte vor Ort machen zu können oder zu fairen Preisen von den erzeugten Produkten etwas zu beziehen.   

Der Dottore

Wusste ich doch, dass dir etwas Gescheites einfällt!

Der Besuch von Crowd-„Aktivisten“ vor Ort ist voraussichtlich nicht einfach zu handhaben. In den verschiedenen Kombinationen: also mit dir/uns, untereindander (Waschküchenplan, etc) und mit den Mitarbeitern (Distanz und Nähe, andere Leitmotive, zwei gehen mit Mistgabeln aufeinander los, etc.). Ausserdem lesen sich die Reisehinweise des Auswärtigen Amts zu Kolumbien für Unbedarfte zunehmend bedrohlich. 

Der Dottore

Ay, Dottore! Der Reisebericht des Inwärtigen Amtes ist auch bedrohlich. Da werden Politiker nicht weniger als mit dem Tod bedroht. Im heutig raschen Wandel lassen sich die Schleusen der Gesetzesfluten gar nicht mehr schnell genug öffnen. Du denkst also, dass ich mich dermaleinst wie einstmals Winkelried zwischen die Mistgabeln werfen werde müsse? Um dabei eines unwürdigen Todes zu sterben?

Last but not least: bist du dir sicher, dass dir das auf Dauer Spass und Befriedigung bereiten würde? Wie passt das mit Zierde, langem Europa-Aufenthalt, Drehbücher, etc zusammen?

Der Dottore

Spass und Befriedigung habe ich schon, Dottore! Ich ergötze mich am Leiden meiner Widersacher hier! Die Zierde werde ich zurücklassen müssen, ich selber gebe ja schon länger auch nichts mehr her.

Vor allem der ordentliche tagtägliche Betrieb scheint für mich schwierig. Der Gesellschaftszweck wird ja nicht kassieren und verschwinden sein! 

Der Dottore

Er erscheint die schwierig, weil du von der Vorstellung eines „geführten“ Betriebes ausgehst. Es wird sich aber um eigenverantwortliche Kolchosen oder Kibbuze handeln.

Vielleicht wäre ein Ansatz erstmal eine kleine überschaubare Anzahl bereits bestehende Grand-Cru Erzeuger im Haupt- oder Nebenberuf (z.B. wie jener in Belen) ausfindig zu machen und zu unterstützen. Also jene, die es operativ schon (fast) können oder sich vergrössern bzw. verbessern möchten. Akteure entlang der Wertkette zu stärken: der gute Samen- und Pflanzenzüchter, der gewiefte biodynamische Bauer, der Fair-Trade-Einkäufer, Röster, Verteiler, Verkäufer. Vielleicht aus einem speziellen Tal oder aus einer Kraftort-Region (AOP/IGP Konzept). Das Projektportfolio und das Risiko wären diversifizierter. Es liessen sich unter einem Deckmantel mehr Geschichten erzählen bzw. suggestiv verkaufen. Die Besuche vor Ort für die Spender wären vielfältiger: mit mehr Optionen für „gute Taten vor Ort (Aufenthalte)“ oder ein rares integriertes Reiseprogramm aus dem zum Zeitpunkt der Spende oder bei der Rückkehr „Ambassadors“ in verschiedenen Klassen (Platin, Gold, etc) entstehen könnten, die das Ganze weiter multiplizieren hahahahahahah.  

Der Dottore

Das wäre wunderbar. Es gibt das aber alles gar nicht, Dottore. Das existiert nur in deinen Vorstellungen. Erinnerst du dich, als wir diesem bärtigen Totsch aufsassen? Und uns mit Säuerling die Schnorre verbrannten. Welche Grand-Cru? Ich weiss wirklich nicht, auf was du dich beziehst!

Machen das schon viele? Wieviele nehmen sich wirklich die Mühe für die schwerfällige Selektion in schwierigem Gelände und schwer erreichbaren Gegenden? Wieviele kennst du? 

Der Dottore

Niemanden, oder doch: Mich!

Was wären bessere Alternativen zum Kaffeeanbau um CO2-Kompensationen anzulegen? Ur-Tomaten? Aufforstung und Vanille? Paramo, Nebelwald und Hochland. Heilkräuter und -pflanzen für traditionelle oder komplementäre Medizin bzw. als Ergänzungsmittel für die vegane Ernährung? Superfoods? Kombiniert mit kleinen autarken Solaranlagen?

Der Dottore

Das muss sich alles überhaupt nicht ausschliessen. All das kann man haben. Für die Vorbereitung von karstigem Boden eigenen sich Wurzelpflanzen wie Ñame, Batata, Yakon etc. besonders. Man gräbt sie ein und wartet, bis sie ihr schützendes Laub über den Karstboden legen. Sie brauchen keine Düngung. Leider bestehen innerhalb Kolumbiens (mit Kaffee ist es anders) kaum Absatzmöglichkeiten dafür. Man muss sie zu Mehl weiter verarbeiten. Die Pflanzen zählen aber samt und sonders zur Art des „super food“. In der Karibik ist eben manches einfacher. Denk an all die grossartigen Früchte, die kein Akademiker alle benennen könnte. Mir wäre auch lieb, wenn die ältere Tochter der Claudia zur Hebamme wird, die auf den Lande dringend nötig wäre. Ihre Grossmutter war noch eine von denen. Die hat den Job erledigt, und alle Kinder, die sie mit zur Welt brachte, seien gut davon gekommen. Daneben kann sie ja Orchideen züchten und verkaufen, das läuft. Apropos, des Sancocho Sohn, du weisst schon, hat mir ganze Fuhren von Orchideen vor die Füsse geworfen. Er wildert diese fleissig. Er ist halt drogenabhängig. Ich habe sie ihm abgekauft, weil ich mittlerweile Unbekanntes von Bekanntem unterscheiden kann. Und weil mir die Pflanzen leid taten.
Solaranlagen? Kann sein, ich sehe aber ob all des vielen Wassers vor allem kleine Pelton-Anlagen. Unbegrenzte Möglichkeiten. Und wenn man Aussteiger ins Land liesse? Vielleicht lässt sich auch das machen.

Un caro saluto F.

Auch ein caro saluto M.
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