Der Dottore zu Kolumbianischen Singularitäten zum Dritten

Ist der Betrieb von Tankstellen bzw. der Verkauf von Erdölprodukten so weit reglementiert, dass ein Betrug ausgeschlossen werden kann? Bei uns werden unterschiedlich besteuerte Erdölprodukte, die aber gleichwertig  verwendbar wären, eingefärbt, um einen allfälligen Betrug für die Behörden sofort sichtbar und drakonisch strafbar zu machen. Der Diesel Skandal mag der Branche ein grosses Glaubwürdigkeitsproblem beschert haben. Aber an der Tankstelle scheint weiterhin der Glaube vorzuherrschen, dass das aus der geeichten und plombierten Zapfsäule Fliessende dem angegebenen Erdölprodukt entspricht. Dazu nun ein paar Anekdoten aus Süd-Amerika: 

Die (beinahe) fatale Tankfüllung „Eins“: Cartagena de Indias, an der Pier, werden wir und weitere zwanzig Personen morgens bei sonnigem Wetter mit sehr starkem Nordost-Passatwind für die Überfahrt mit offener Speed-Lancha nach Punta Faro erwartet. Dazu sind rund sechzig Kilometer zurückzulegen, zwei Drittel davon im Schutz der Lagunen und dichten Inselgruppen, ein Drittel dagegen auf offenem Meer. Die Lancha verfügt über zwei starke Aussenbordmotoren, ein einziges massives Holz-Paddel, und jeder Passagier wird mit einer rudimentären Schwimmweste versehen. Auf halber Strecke in den Lagunen fallen die Motoren aus. Der Kapitän lässt Anker werfen, nimmt die Hauben der Motoren ab und macht sich daran, die Filter der Motoren zu säubern. Diese sind durch gepanschten Treibstoff derart verdreckt, dass die Einspritzung verstopft. Laut Kapitän ein alltägliches Problem. Glück im Unglück: dass die Motoren nicht auf offener See bei drei Meter hohem rauem Wellengang ausgefallen sind!

Die (fast) fatale Tankfüllung „zwei“: Unfern von Morrillos, kurz zuvor noch der gesamten Nordwand des Aconcaguas ansichtig, versagt der Dieselmotor sowohl im Leerlauf als auch im ersten Gang seinen Dienst. Auf dieser Piste in arider Landschaft haben wir den ganzen lieben Tag lang noch keine Menschenseele angetroffen, Handy Empfang gibt es ohnehin nicht. Zu unserem Glück wehen die starken Fallwinde der Anden noch nicht, auch führen wir genügend Tranksame mit uns. Nur nach schwerem Anlassgestotter und grosse Russwolken erzeugend kommt der Motor doch wieder zum Leben. Die Monopol-Tankstelle des Türken (oder Bergdorfbaron) im abgelegenen Bergtal hat wieder einmal arg gestreckten und dafür überteuerten Diesel abgefüllt.

„Etwas stimmt mit der einen Zapfsäule nicht mehr“: Unterwegs im Zentrum von Cali wird unser Taxi-Chauffeur von einem anscheinend befreundeten Tankstellenbetreiber angerufen. Der Chauffeur lamentiert den Umstand, dass er mit den Tankfüllungen, die er beim Anrufenden zu kaufen pflege, immer weniger weit komme. Er vermute, dass ein Angestellter die Zapfsäule manipuliert habe. Er wolle ihn hiermit warnen und bitten, dem nachzugehen.

22 Gallonen finden bei noch halbvollen Tank Platz? Welch ein Beschiss!: In einer der drei Tankstellen Marke „Terpel“ in La Plata (Huila) machen wir einen WC- und Tankhalt. Bis Popayan liegt eine lange, unwegsame Strasse vor uns, die über den Páramo bis auf 3’200 m führt. Der Tank ist zwar noch zur Hälfte voll, wir wollen aber auf der sicheren Seite bleiben und lassen auffüllen. Eingefüllt werden angeblich 22 Gallonen. Der Direttore meint, dass dies angesichts der Tankgrösse und des Ausgangsstands unmöglich sei. Wir errechnen einen Beschiss von rund dreissig Prozent! 

„Die Menge einer Gallone ist tankstellenspezifisch“: Auf der Heimreise von Buenaventura spreche ich den Taxichauffeur auf die Machenschaften von Terpel an. Er antwortet lakonisch, das seien eben kolumbianische Gallonen. Theoretisch müssten es so und soviel Kubikirgendwas pro Gallone sein…

„Als Tankstellenbesitzer muss man immer auf der Hut sein“: Der Besitzer mehrerer Tankstellen in San Juan (Arg) erzählt mir während eines Mittagessens bei Freunden mit schmackhafter Paella, dass er ein dickes Buch über alle Möglichkeiten des Tankstellenbetrugs schreiben könne. Ohne vierfache Buchhaltung, strikte Kontrollen und am Lohn abgezogene Fehlbeträge der verantwortlichen Zweierschicht funktioniere es nicht. Was er schon alles erlebt hat: Tanken für Freunde auf eigene Rechnung oder zum Vorzugspreis, Streckungen zur Kompensation der Fehlmengen, Manipulationen beim Auffüllen des Lagertanks , Manipulationen der Zapfsäule, Unterjubeln von Falschgeld, Kreditkarten Tricks aller Art etc.

Erwähnenswert sind die Treibstoffkanister (meistens aus Plastik!), die vorzugsweise bei Hochland-Überfahrten auf der Ladefläche mitgeführt werden. Aber nicht nur dafür, auch wenn an einem Ort preisgünstiger und qualitativ besserer Treibstoff eingekauft werden kann. Durch die starke thermische Exkursion der Plastikkanister (Sonneneinstrahlung),, das von den Pisten stammende Rütteln oder schlimmer gar einen Unfall werden die Brandbeschleuniger gefährlich gereizt.  

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