Der Dottore zum Wutbürger

Ciao Direttore

Spero tutto bene da te!

Ad deutsche Politik im Blog: Ich habe mir diese Woche nach langer Zeit wieder die eine oder andere deutsche politische Sendung angeschaut. Das SPD-Debakel und wie diese ach so soziale SPD zum wiederholten Mal äusserst unsozial und unzimperlich mit Verantwortungsträgern in den eigenen Reihen umgeht (warum wohl?). Oder wie die Erneuerung und Themensetzung verschlafen wurde, obwohl dies zum X-ten Mal seit 2006 auf der Traktdandenliste des Parteikongress steht und sich trotzdem nichts getan hat. Oder wie in der Groko die Meriten immer der CDU und die Schlamassel der SPD zugesprochen werden. Es ist nicht uninteressant, politische Sendungen oder Parlamentsdebatten verschiedener Länder anzuschauen und daraus Vergleiche anzustellen. Während die Italiener Spezialisten in „aria fritta“ sind produzieren die Deutschen inzwischen auch viel warme Luft und Ablenkungen aller Art.

Etwas eigenartig scheint mir dein Zugang über die entwaldete Kastilische Hochebene, wo sich doch Deutschland mit weit grösseren gemauschelten Umweltdebakeln hervor tut: Gorleben, Diesel-Skandal, illegale Gift-Schlacken-Entsorgung in Süditalien und Afrika, die Scheinwelt der CO2-Zertifikate, die problematische Bahninfrastruktur etc. etc.

Zu „Wir schaffen das“ habe ich vom Philosophen Sloterdijk den Konter aufgeschnappt, „es gäbe keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung“ (eines Landes; wirtschaftliche Untragbarkeit für die Rentensysteme und soziale Netze). Das grenzenlose altruistische Samaritertum des neuen Testaments sei nirgends verwirklicht und die Verfechter dessen seien zudem oft suspekt.

Was ist ein „Wutbürger“ überhaupt? Ich hatte den Verdacht, der Begriff werde politisch instrumentalisiert (Sarazin, Stuttgarter Hauptbahnhof) und eher ein Novum in deutschen Landen. Ich empfehle die Lektüre des folgenden Beitrags: https://sciencefiles.org/2015/10/26/wutbuerger-und-furchtbuerger/

Daraus die Konklusion: „Die Furchtbürger in den Redaktionen der Medien, wo auch immer sie sitzen, jene Furchtbürger mit Hang zur Unterwerfung und Ehrfurcht, welcher sie als perfekte Untertanen qualifiziert, sie empfinden nackte Angst vor den von ihnen als Wutbürger wahrgenommenen Demonstranten und deren latenter Drohung mit Aggression und Verachtung. Wenn sich Bürger auf die Straße über Politiker empören, die aus Sicht der Furchtbürger die Obrigkeit sind, dann wenn man die Empörten als Wutbürger bezeichnen kann, so die Hoffnung der Furchtbürger, würden eben diese Wutbürger kleinlau, beschämt, in sich gehend und, vor allem: würde verschwinden, aus der öffentlichen Wahrnehmung, weg aus der doch schönen Welt. In dieser stellen sie eine Bedrohung für die Obrigkeitsgläubigkeit dar, die die Furchtbürger tief verinnerlicht haben. Für den Fürchtigen ist jeder vom eigenen Desinteresse abweichende emotionale Ausdruck eine Bedrohung. Entsprechend muss die vom Furchtbürger erfundene Bezeichnung „Wutbürger“ nicht unbedingt bedeuten, dass Wutbürger Wut tatsächlich Wut empfinden, sie sagt nur, dass sich Furchtbürger vor der vermeintlichen Wut der Wutbürger Wut fürchten. Und diese Furcht, sie macht ihnen Angst.“

„Ein Mensch, ein Bürger hat ein „Emotionenportfolio“, das „neben der Wut noch Freude, Traurigkeit, Furcht, Überraschung, Vorahnung, Akzeptanz und Ekel als primäre Emotionen enthält.“ 

Ich meine, die Begrifflichkeit „Wutbürger“ ist bei dir Fehl am Platz. Der Wutausbrüche, die definitionsgemäss Politiker und Obrigkeit betreffen, sind in meiner Wahrnehmung und Erinnerung eher wenige (z.B. Wasserversorgung, Schweizer Konsulat in Cali, gelegentlich die Polizisten) und dort scheint mir die Wut eher eine Bürgerwut zu sein, aus empfundener Irritation, Humiliation oder Ungerechtigkeit (nach der Richardson Typologie). 

Kannst du mit dem sozio-/psychologischen Begriff „Unverfügbarkeit“ etwas anfangen? Ich hörte davon im Radio, wegen Pfingsten wurde – angelehnt an einem Essay von Hartmut Rosa über die Unverfügbarkeit –  dargelegt wie Religion als ein Mittler von Unverfügbarkeit gesehen werden könne. Ich fand eine Besprechung dieses Essays im Deutschlandfunk, daraus:

„Resonanz zeichnet sich nach Rosas durch vier Merkmale aus: Einmal durch „Berührung“ oder „Anrufung“ (etwas muss uns ergreifen, innerlich berühren), darauf muss es zweitens eine Reaktion in Form einer Antwort geben (ein Schauer läuft einem über den Rücken), wodurch wir uns drittens in unserem Weltverhältnis verändern (neugierig werden, wach bleiben, nicht verstummen). Und viertens gehört laut Rosa das „Unverfügbare“ wesentlich zu einer gelingenden Resonanzerfahrung dazu, die ausbleiben kann, obwohl offensichtlich alle Bedingungen für ihr Eintreten erfüllt sind: Resonanz lässt sich weder planen noch akkumulieren. Darin sieht Rosa ein sich zuspitzendes Problem. Hineingeboren in die spätmoderne Gesellschaft sind die Menschen fixiert darauf, beherrschen zu wollen, abzuarbeiten und effizient zu erledigen, was getan werden muss. Nichts soll dem Zufall überlassen werden. Bei der „Unverfügbarkeit“ haben wir es mit einem zentralen Problem der Moderne zu tun. Die Lösung des Problems besteht nicht in der permanenten Verfügbarkeit. Die Annahme, dass wir Resonanz erfahren, bekämen wir nur die Welt endlich in den „Griff“, erweist sich seiner Meinung nach als ein Trugschluss. In den Bereichen, wo es möglich ist, muss dem „Unverfügbaren“ Raum gelassen werden, da nur so Resonanzerfahrungen, nach denen wir uns sehnen, möglich sind.“

Um den Bogen zum Blog und dem für die Schiffsarmada benützten Holz zu schliessen: ich sah einen neuen Beitrag von FleurAustrale.fr, die vierköpfige Family um Segelguru Gauthier auf Weltreise auf ihrer Ketsch, diesmal im Gebiet Burma und Bangladesch. In einem Hafen in Bangladesch stiessen sie auf Holz-Schiffbau ähnlich dem von vor 200 Jahren oder mehr. Bangladesch besteht zu einem grossen Teil aus den Flussdeltas von Ganges und Brahmaputra. Beunruhigend ist der prognostizierte Klimawandel, besonders die steigenden Wasserpegel: + 1 Meter Meereshöhe, – 30% vom Land, davon sind ca. 20 Mio Personen betroffen!   

Buona domenica 🙂

F.

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