Der Dottore zur Erfindung der Wahrheit anhand zweier Beispiele

Dem geneigten Leser sei der Abschnitt in meiner fiktiven 1.-August-Ansprache in Erinnerung gerufen, der auf das Rundschreiben der Schweizer Botschafterin in Kolumbien zum Anlass des Nationalfeiertags Bezug nimmt. Zu den unermüdlichen Aktivitäten zwecks Stärkung der Bande erwähnt sie auch den Besuch von „Senador Jositsch“ (Daniel Jositsch, Zürcher Ständerat), der als Kopf einer Besucherdelegation aus Räten des Schweizerischen Bundesversammlung fungierte. Besagter Herr Jositsch stand in den Neunziger Jahren der Schweizerisch-Kolumbianischen Handelskammer vor und erwarb zur Erleichterung seiner Tätigkeit ein Kolumbianisches Anwaltspatent, bevor es ihn im 1995 in seine Schweizer Heimat zurückzog. Nach geschlagenen zweiundzwanzig Jahren Abwesenheit, zur gescheiterten Ehe mit einer Kolumbianerin weiss man nicht viel, wurde Herr Jositsch unvermittelt Kolumbianischer Staatsbürger. Das Motiv für die späte Einbürgerung -ein seiner Beziehung mit der Kolumbianischen Staatsbürgerin entsprungener Spross wird es nicht gewesen sein- bleibt ein Rätsel. Seit Ablauf der zweiundzwanzig Jahre anno 2017 weilt Jositsch wieder häufiger in Kolumbien. Wie der Web-Seite der „Schweizer Illustrierten“ zu entnehmen (siehe Link unten) auch mit seiner Ex-Lebenspartnerin, Chantal Galadé, von der er sich offiziell im Jahre 2014 getrennt hatte. Drei Jahre später macht dieser Umstand folgendes Zitat von Galadé nötig: „Wir sind nicht mehr zusammen, nur noch Freunde“. Im selben Atemzug will Jositsch „seiner Familie“ (welcher?) die „zwei Seiten“ Kolumbiens zeigen. Dazu scheint ihm, auch zuhanden der „SI“, die Touristenhochburg „Cartagena de las Indias“ besonders geeignet. Auch weil dort eine Stiftung namens „ALUNA“ wirkt, die er von einem „Schweizer“ her kenne. Diese Stiftung widmet sich im antagonistischen Crash-Zentrum von Arm und Reich heilpädagogisch Kindern aus bedürftigen Familien. Zu diesem Zweck kolportiert auch Jositsch die Nähe von Glanz und Elend. Dass man in der Schweiz vor lauter Überfluss fasten müsse (er hat auf einen Schlag vierzig Kilo verloren und muss dank dessen im siedend-heissen Cartagena nicht frieren), während in Kolumbien die Armen hungern müssten. Nebenbei bemerkt: „Hungern“ stellt in Kolumbien eine Kunst an sich dar. Aber als Mann von Recht und Ordnung und auch als mitfühlender Sozialdemokrat stellt er einer hilflos am Boden kauernden Mutter eines behinderten Kindes in fliessendem Spanisch die Frage, ob sie vom Staat keine Hilfe erhielte. Worauf diese den Kopf schüttelt (warum bleibt ungesichert!). Woraus wir lernen, dass das Fernbleiben des Staates die Ursache allen Elends ist. Unfreiwillig komisch wirkt auch die Schweizer Projektleiterin des Hilfswerks „Aluna“, die Ursula Schläppi heisst. Während sich diese laut heimischer Presse in Guttannen BE bei ihren Landsleuten darüber beklagt, sie müsse sich mit korrupten kolumbianischen Politikern herumschlagen, twittert sie ungerührt eine Foto von ihrem Zusammentreffens mit Staatspräsident Ivan Duque in der Kolumbianischen Botschaft in Bern. Dem Internet lässt sich entnehmen, dass sich die Stiftung „Aluna“ nicht nur ihr Wohltun, sondern auch sich selbst ausgiebig feiert und zu diesem Zweck allerhand Prominenz auffahren lässt. Tue Gutes und sprich darüber! Mit derselben Allüre liess sich Daniel Jositsch von einer Kolumbianischen Zeitung über Korruption befragen. Aber dazu mehr im nächsten Eintrag. Vorerst der Dottore zur Erfindung der Wahrheit:

Buona domenica Direttore

Ich unternehme den Versuch, entsprechend Thomas Strässle’s: Fake und Fiktion, Über die Erfindung von Wahrheit, Hanser, 2019, die Fake-Konturen  am Beispiel zweier „Informationsangebote“ zu untersuchen. Es geht dabei um dein Video „Heidi-Adele“ und um die nachstehenden links, die du mir zugesandt hast.

https://www.schweizer-illustrierte.ch/stars/schweiz/daniel-jositsch-sp-kolumbien-aluna-stiftung

https://www.srtacolombia.org/es/recurso/encuentro-entre-el-presidente-de-colombia-ivanduque-y-la-directora-de-la-fundacion-aluna

https://www.jungfrauzeitung.ch/artikel/119424/

1. Intention

„Ein Fake sei immer Absicht und bedingt laut T. Strässle vorsätzliche Klarheit über dessen Ziele oder zumindest Stossrichtung.

Dein Video hatte im e-Mail den Hinweis „Graf-Litscher“. Für mich ein „paratextueller“ Hinweis, dass beim Öffnen des Links entweder ein neues Video der Komplementärlobbystin zu sehen wäre, oder weil -entgegen der Erwartung – du der Hauptdarsteller bist, es vermutlich als Parodie zu verstehen ist. Im Blog ist das Video „neutral“ eingebettet. Der unbedarfte Leser oder Zuseher muss sich selber ein Bild darüber machen, wie dieses „Heidi-Adele“-Video eigentlich gemeint ist: „ernsthaft“, „witzig“ oder „blöd“? Ich nehme an, dass du dich über etwas oder jemandem lustig machen wolltest, eine Art Scherz, aber diese Absicht ist für mich nur bedingt gelungen.

Wie steht es demgegenüber mit den Informationen, die diese Jositsch-Aluna Links (nachstehend J-A Links genannt) ergeben? Wieviel und was ist daran „fake“? Was verraten uns diese Berichte? Ja, es ist etwas oder muss natürlich etwas dran sein, aber manches offensichtlich auch wieder nicht. Das Eine oder Andere wird gross herausgestellt -auch mit schön inszenierten Bildern–, aber trotzdem darf man sich fragen, was das soll. Ist es PR in eigener Sache? PR für Aluna? PR für behinderte Kinder? Am Ende scheint es mir am ehesten PR in Sache Daniel Jositsch zu sein.

2. Wissen und Nichtwissen

Ein Fake verdanke seine Dynamik einer Dialektik von Wissen und Nichtwissen. Ein Wissen, das wider sich selbst handelt auf Seite des Senders (weil bewusst Falsches beigemengt wird), und ein Nichtwissen, das Elemente von Wissen aufweist, auf Seiten des Rezipienten.

Beim Video scheint es einfach: es geht nicht um Wissen oder Nichtwissen, es ist (vermutlich) ein Scherz. Bei den J-A-Links hat man den Eindruck, es seien tatsächlich wirkende Fakten darunter. Das eigene Nicht- oder Halbwissen zum Thema führt dazu, dass es oberflächliches Interesse weckt, das nicht abwegig sein muss. Das scheint ein Hinweis auf mögliches „Fake“ zu sein.

3. Plausibilität

Die Plausibilität beziehungsweise Glaubwürdigkeit bewegt sich innerhalb der Skala „mehr oder weniger“; die extreme der Skala sind entweder „abwegig“ oder „notwendig“. Die Plausibilität zielt auf Zustimmung (lateinisch plaudere => Applaus). „Wer die Menschen betrügen will, muss vor allen Dingen das Absurde plausibel machen“ (Goethe). Konsens innerhalb einer Mehrheitsmeinung und Konsistenz (Stimmigkeit) der dargestellten Zusammenhänge.

Beim Video scheint mir das Scherzhafte im Vordergrund. „Heidi-Adele“ als Produktwerbung zu sehen, also die Umsetzung von Goethe’s Zitat, ist dir nicht gelungen. Bei den J-A-Links scheint es mir die beschriebenen Konturen für Plausibilität zu geben. Ein weiterer Hinweis auf Fake.

4 Publizität

Der Fake sei als „Dialog mit sich selbst“ undenkbar. „An Selbtserkenntnis liegt ihm nichts, an Selbstdarstellung hingegen alles“ (Strässle). Er ist auf ein Publikum hin entworfen. Es geht um Eindruck und Einfluss. Das Digitale eröffnet neue Möglichkeiten in Sachen Verbreitungsdynamik und Umlaufgeschwindigkeit. Informationsdichte und Geschwindigkeit! „Nur wo der Fake es schafft, sein Publikum gezielt zu überfordern, kann der Fake seine Wirkung entfalten“ (Strässle).

Video wie J-A-Links zielen auf Publizität. In beiden ist Selbstdarstellung erkennbar. Die eine Plattform mag mehr Publizität haben. Überforderung kann ich nicht erkennen.  

5. Suggestion

Nach Sträessle ist die Suggestion ein weites Feld, begrenzt auf der einen Seite durch den Reflex und auf der anderen Seite durch die Reflexion. Dazwischen „funktioniert“ die Suggestion in ihren vielfältigen Formen.

Beim Video hatte ich den Reflex, „nicht lustig“. Es fehlt an Suggestion. Bei den J-A Links hatte ich keine unmittelbaren Reflexe. Es hat suggestive Elemente („Einflüsterungen“), die  durch Reflexion und Recherche zu Tage kommen.

6. Indentifikation (feeling and attitude)

„Ein Fake erhält erst dann seine maximale Wirkungs- und Schlagkraft, wenn er das Publikum auch emotional zu adressieren und zu involvieren vermag. … Der Sender muss dem Empfänger Identifikationsangebote machen, die es diesem erlauben zu glauben, es gehe in der Botschaft zumindest auch um ihn selbst“ (Strässle). 

Dein Video löst keine Identifikation aus. Die J-A-Links möglicherweise schon: das Engagement von J. und A. für Kolumbien, die armen behinderten Kinder, etc.

7. Merging

„Blend and blurr, vermischen und verwischen“: die Täuschung anhand der Vermengung von Wissens- und Informationsbeständen aus unterschiedlicher Herkunft und Kontexten, als würden sie zusammengehören (Strässle). Im Video kann ich kaum „,merging“ erkennen. In den J-A-Links sind zumindest Ansätze davon erkennbar.

Warum haben uns die Werbe-Botschaften (Youtube-Videos) von Frau Graf-Litscher derart befremdet (Uncanny valley: Das unheimliche Tal?!) und gleichzeitig amüsiert? Läge da der Schlüssel für einen zweiten „Heidi-Adele-Versuch“ mit Hilfe der sieben Strässle Fake Konturen?

Wie eingangs erwähnt, es ist ein Versuch, möglicherweise ist er weder gelungen noch originell, aber auch kein Bashing! Mutig, dass und wie du es versucht hast! Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Oder doch? Wie hat das Graf-Litscher hinbekommen?

Un caro saluto, buona domenica

F. 🙂

PS: Thomas Strässle: Fake und Fiktion, Über die Erfindung von Wahrheit, Hanser, 2019      

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