Der Dottore zur sozialen Halluzination

Ciao Direttore

Ich hoffe, es geht dir gut, und dass Alltag und Umfeld +/- erträglich sind.

Wir haben heute einen regnerischen Tag. Es ist also „Regenprogramm“ angesagt, was für mich Wirtschaftsliteratur, Sauna oder Schwimmbad bedeutet. Kombiniert wird das mit dem Test eines seit Jahren gelagerten Not-Neoprenanzugs, der mir letztes Jahr viel zu eng vorkam. Ich möchte den heute nochmal probieren und dann im Schwimmbad testen. 

Die „soziale Halluzination“ ist mir in Form eines philosophischen Berichts über den Weg gelaufen. Eine interessante Formulierung! Es geht um eine Reflektion über Apps wie „Replica“. Diese wurde für einsame Städter weiterentwickelt. Sie gaukelt dem einsamen Handy-Besitzer soziale Kontakte und eine rege Kommunikation vor. Der Handy Besitzer kann der App auch Fragen stellen. Der Name „Replica“, nomen est omen, deutet auf den ursprünglichen Gedanken hin, nämlich, eine verstorbene oder verloren gegangene Person „fiktiv“ ins Leben zurück zu holen. Je mehr Infos man der App über diese Person zuzufügen in der Lage ist (beispielsweise Daten von Whatsapps, Facebook, Instagram Historien etc.), desto mehr kann die App damit „konstruieren“ und mit einem „in Dialog“ treten. Eine soziale Halluzination eben. Das Gebet ist übrigens die Urform des sozialen Halluzination. Ein „Dialog“ mit göttlichen Instanzen. Daneben dünkt mich, dass uns heutzutage immer mehr mittels ansprechender Verpackung oder suggestiven Geschichten „verkauft“ wird. Sprechblasen, diese soziale Halluzinationen oder schlicht die auch schon erwähnten Täuschungen à la „Premium Mediocre“.  

Beispiele zu Premium Mediocre:

  • Pasta fresca “Cicche del nonno agli spinaci” bio: Erste Zutat “Wasser”, Spinatanteil knapp 4 %. Sehr schön verpackt, schöne Form und Farbe, teuer. Premium Mediocre beziehungsweise eine kulinarische Halluzination. Wenn ich Spinatgnocchis zubereite, liegt der Anteil an Spinat bei etwa fünfzig Prozent und so schmeckt das dann auch.  
  • Bio Frischmilch von der Alp: Aus der Etikette sind drei Monate Halt- oder Geniessbarkeit und „UHT“ zu ersehen. Das hat mit Frischmilch also nichts zu tun. Der Kassensturz deckte unlängst auf, dass wegen der Dürre länger Heu verfüttert wurde. Was dann dann nicht mehr Bio-konform wäre. Trotzdem durfte man das als viel teurere Bio Alpmilch verkaufen. Täuschung und Premium Mediocre!
  • RS Aero: Dabei handelt es sich um eine neuartige Segeljolle. Der Name suggeriert Leichtbau (knapp 35 Kg) und eben „Geschwindigkeit“. RS will damit die Hegemonie des inzwischen über 50jährigen „Lasers“ brechen. Laser ist eine weit verbreitete Einhandjolle (über 250’000 Exemplare) und olympisches Boot mit Konstruktionsklasse Status. Das heisst, alle Boote sind identisch und die Unterschiede ergeben sich aus den Fähigkeiten der sie nutzenden Segler. Nun stellt sich heraus, dass eine der drei Laser produzierenden Werften und ausgerechnet jene, die am meisten davon produziert, sich nicht an den Vorgaben der Klasse hält und auch Produktions-Inspektionen des Segelweltverbands verbietet. Das hat dazu geführt, dass der Segelweltverband für die Olympiaden 2024 eine Untersuchung in Auftrag gegeben hat, die ein Nachfolge-Boot eruieren soll. Das neuartige RS Boot ist bei einer Stunde Regatta keine vier Minuten schneller als ein Laser. Mir scheint das bemerkenswert, keine zehn Prozent schneller, obwohl auf dem neusten Stand der Technik und Materialien! Wie gut das alte Laser Design sein muss. Eine Kombination von Täuschung und Sprechblase.
  • Die Geschwindigkeit Suggestion der „Foilers“: Wenn man „cooler“ und „schneller“ sein will, muss man  auf eine Foiling Klasse umsatteln. Internation Moth ist hier das Mass der Dinge, besonders seit die Australier das Boot mit Leichtbau und Foils (Tragflügel) zum Fliegen über das Wasser gebracht haben. Pfeilschnell (> 40-60 Km/h!). Allerdings sehr delikat, mit hohem Bruch- und Bastelanteil, steiler Lernkurve und sehr teuer (> 25 k CHF). Das hat findige Geister inspiriert robustere, günstigere und weniger schnelle foiling Boote zu konzipieren. Waszp (13 k CHF) und Ufo-Foiler ( 9 k CHF) sind solche Beispiele. Im Sailing Anarchy Forum gehen zwischen den Seglern dieser Klassen die Wogen hoch. Ein Moth-Segler meint beispielsweise hämisch, es könne keinen Spass machen im Zeitlupentempo zu „foilen. Geschwindigkeit ist nicht alles und doch verlockend. Auf dem Salzsee bei Barreal bin ich mehrfach mit den Segelkärrelis mit 80 bis 100 km/h rumgebrettert. Ein intensiver Adrenalinkick, aber auf Dauer kein zwingendes Erlebnis. Ich schätze das eher langsame, aber meditative Feeling in den Elementen bei schöner Landschaft viel mehr. Über’s Wasser einigermassen „sicher“ zu fliegen -ohne den ganzen Verdrängungswiderstand- würde mich hingegen schon mal faszinieren. Im Club hatten wir einstmals 7 Moths mit hohen Team- und Wettkampfansprüchen, inzwischen gibt es noch drei, von denen zwei selten benutzt werden. Eine soziale Halluzination und eine verstekte Botschaft?
  • Bitcoin: Eine Währung im engen Sinne ist es nicht. Ein anonymes Zahlungsmittel mit Premiumkosten vielleicht. Als Spekulationsobjekt haben sich viele die Finger verbrannt. Eine Sprechblase?
  • Digitale Ethik versus Designing Moral Technologies: Sprechblasen?

Einen „realmagisch“ anmutender Fall aus dem Tessin möchte ich noch unterbreiten. Er datiert aus dem Jahr 1978. Der „Fast-Greis“ und sehr wohlhabende Chemie-Magnat X verliebt sich in die jüngere südamerikanische Muse namens Vera. Diese war ihm schon aus früheren und wilderen Zeiten bekannt, bevor sich ihre Wege trennten. Mit 38 Jahren will sich Vera mittels Magnat und in Ermangelung einer für sie noch besseren Lösung absichern. Die Hochzeit wird geplant. Dann wird dem Magnaten über die weiterhin gepflegten horizontalen Beziehungen der „Vera T. International“ berichtet. Diese waren weit herum bekannt und männiglich kicherte vor sich hin, ausser eben der Magnat selber. Inne geworden verschickt dieser daraufhin seinem engsten Freundes- und Bekanntenkreis einen dreiseitigen A4-Brief (mit Schreibmaschine verfasst). Darin lässt er alles fein sarkastisch Revue passieren: mit einem Mix aus Anprangerung der besagten Vera und einem eigenen Offenbarungseid. Der Brief schliesst mit der bemerkenswerten Aufforderung, ihn weiterhin ungeniert in seiner Villa zu besuchen und für allfällige Dienste der Vera Geld in einem extra dafür bereitgestellten Kässeli zu hinterlassen. Was hat er sich davon versprochen? Ist der Ruf ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert? Oder hoffte er, dass das „Reizvolle“ dadurch implodieren würde, seine gute Vera in den besten Kreisen „gebrandmarkt“ werde und ihr dergestalt nur noch er als der treue „Greis“ bliebe? Und ging er davon aus, dass jemand der feigen (Verräter)Freunde tatsächlich etwas im Kässeli hinterlassen würde? Was meinst du?

Un caro salutoF. 

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