Geharnischte Antwort von Tscheff auf Helikopter-Kinder

Don Markus!

Nach eingehender Konsultation der Wikipedia-Seite zum Thema Helikopter-Eltern wehren wir uns vehement dagegen, dieses Paar Schuhe anzuziehen!! Weder wurden unsere Kinder in Ihrem Tun auf Schritt und Tritt überwacht noch derart umsorgt, dass ihnen ein selbständiges Entfalten unmöglich gewesen wäre.

Es ist schade, dass Du den Lesern deines Blogs ein Bild unserer Familie vermittelst, welches überhaupt nicht zutrifft. Der Begriff „Helikopter Eltern“ ist arg negativ behaftet und nur eine von vielen Formen des Eltern-Bashing unzufriedener und unbefriedigter Erziehungswissenschaftler und Psychologen. Im Übrigen konnte ich mir schon bei „Mutter Zürich“ Human-Resources ein Bild der Psychis machen, und da war keiner/keine (sprich niemand) ohne massive Defizite unterwegs.

Dass es als Narzissmus anzusehen ist, glückliche und erfolgreiche Kinder zu haben, kann ich nicht nachvollziehen. Wäre das Gegenteil denn sinnvoller? Ich vermag auch keine Verwöhn-Strategie in unserer Erziehung erkennen. Eher verfolgten wir keine Strategie und schritten ad hoc-korrigierend nur ein, wo es zum Wohle der Gesellschaft notwendig war. Solche Eingriffe waren darum selten notwendig, weil Kinder bekanntlich von ihren Eltern lernen und wir davon ausgehen dürfen, selber keine Soziopathen zu sein.

Die Erziehung anderer zu kritisieren ist eine sehr heikle Angelegenheit. In aller Öffentlichkeit Stellung dagegen zu beziehen, also die sprichwörtlichen Hosen herunterzulassen und auf die Vorwürfe einzugehen, käme dem bekannten, getretenen Hundeschwanz gleich und widerstrebt uns daher.

Die wenigen Einblicke, die Du in unsere Familie haben durftest, sind derart bescheiden, dass Du nicht (ver)urteilen solltest, da Dir das ganze und grosse Sicht einfach fehlt. Aber wir wissen natürlich auch, dass Du gerne provozierst und diesbezüglich will ich auch nicht mit dem Finger auf Dich zeigen und gleich auch noch den ersten Stein werfen.

Mein Vater war der Ansicht, dass es sich wie im Tierreich zu verhalten hätte. Löweneltern (im speziellen die Mutter, der Vater ist ja mit herumhuren beschäftigt) vergrämen ihre Kinder, wenn sie ins Alter gekommen sind, auf dass sie bald das behütete Gefüge verlassen und selbständig würden. Nachdruck wird mit Bissen und Kratzern verliehen.

So wurde ich dann auch mit 16 in die „Ferne“ geschickt und mit 20ig endlich rausgeworfen. Geschadet hat mir das unbedingt, das findet zumindest meine Frau, aber auf der anderen Hand wäre es auch nicht nötig gewesen, später im Streit zu scheiden.

Selbständig wird man, wenn Selbstständigkeit erforderlich ist. Vorher ist es einfach bequemer, es nicht zu sein. Das Training dazu schon im Familienverbund erfordert viel zu viel Aufwand, vor allem seitens der Eltern. Ich finde, dass derartige „artificial Stresstests“ woanders hingehören. Dabei geht es darum, eingefahrene Gewohnheiten zu ändern. Will ich zusehen, wie meine Goofen den Abwasch umständlich selbst erledigen und nebenbei die halbe Küche unter Wasser legen oder mache ich es in gewohnten zehn Minuten gleich selber? Ich habe mich oft für Letzteres entschieden.

Spätestens dann, wenn sich die Geschirrberge in der dermaleinst eigenen Wohnung türmen, lernen die Guten das dann schon, es sei denn, ihre künftigen Partnerinnen verfügten über weniger starke Nerven und erledigen den Job noch bevor die Herren der Schöpfung den eigenen Drang dazu verspüren. Bei der gegenwärtigen Hochachtung gegenüber dem weiblichen Geschlechts bezweifle ich allerding sehr, dass die erwählten Holden da lange mitspielen.

Zudem ist, wie ich finde, die „Selbständigkeit“ nicht billig zu kriegen. Ich habe keine Lust, meinen Sprösslingen eine WG zu finanzieren, damit sie lernen, mit dem daily life klar zu kommen. Solange eine GA günstiger zu stehen kommt als eine Loge in Zürich, und das Essen in der Kantine schlechter und dabei teuer ist als bei Muttern, habe ich keine Lust dafür aufzukommen. Hier schwingen meine Gattin und ich zum Glück gleich. Wir antworten darauf mit selbst gemachten Sandwiches (Csilla) und einem frisch bezogenen Bett (auch Csilla) 😉 Was die kleinen „Verwöhnungen“ anbetrifft, so lasse ich meiner Teuersten meistens die Freude. Weilt sie jedoch mal für ein paar Tage in Ungarn (um sich ihrerseits dort von Ihren Eltern verwöhnen zu lassen), so herrscht unter unserem Dach ein militärischer Betrieb und unter meinem Kommando wird vom Verursacher aufgeräumt und abgewaschen, dafür sorge ich schon aus eigener Faulheit, das kannst Du mir glauben!

Um zurück auf die Erziehung zu kommen, so muss man leider feststellen, dass sich Eltern heute lieber anderen Tätigkeiten zuwenden als der Erziehung. Soll das doch die Schule übernehmen, so jedenfalls kommt es den Lehrern vor. Die Ehepartner frönen der Berufstätigkeit und lassen abends lieber bei einem Glas Bordeaux die Beine baumeln als „Jasmin“ und „Joël“ noch die Leviten zu lesen. Meine Frau und Heilpädagogin könnte Dich stundenlang mit solchen Geschichten unterhalten.

Das Zusammenleben mit unseren Kindern, welche wir arg vermissen werden, wenn Sie dereinst von dannen ziehen, ist schön. Schon immer mehr getragen von freundschaftlichem Miteinander als von autoritärer Instanz und nicht regiert und überwacht. Dies ist schlussendlich auch der Grund – so ihre Worte -, weshalb sie ihre Jugendzeit nach wie vor gerne mit ihren „Alten“ teilen 😊!

Kein Wunder, die Früchte meiner Lenden wurden autoritativ aber nicht autoritär erzogen. Dies war nicht vorsätzlich so, sondern eher rückblickend festgestellt – wir haben da kein Schema-F gewählt- aus dem Bauch heraus agiert.

Ich habe mir immer die Frage gestellt, ob es egoistischer sei, Kinder zu haben oder aber willentlich auf sie zu verzichten. Nach meiner Ansicht entspringt beides einer egoistischen Motivation, ich kann beide Varianten nachvollziehen. Dagegen vertrete ich die Meinung, dass wir unsere Brut nach bestem Wissen und Gewissen aufziehen sollten, wenn wir uns schon einmal entschieden haben, diese in die Welt zu setzen. Und zwar nicht nur, dass sie eigenständig und autonom lebensfähig werden, sondern vorrangig zu wertvollen und geschätzten Mitmenschen heranwachsen. Arschlöcher kann schliesslich jeder produzieren.

All die Makel, welche uns von unseren Eltern willentlich oder aus Unvermögen mitgegeben wurden, beschäftigen sowohl uns selber wie auch unser Nachkommen zur Genüge. Deshalb wird es nie eine perfekte Erziehung geben, besonders nicht, wenn diese von einer staatlichen oder religiösen Institution übernommen wird. Deshalb auch meine vehemente Replik auf Deine Gin-Tonic-Idee von „lately“.

Du erinnerst Dich bestimmt an die Art und Weise, wie Csilla aufgewachsen „wurde“, schon nach drei Monaten hiess es „ab in die Krippe“ und später hatte sie sich den Dogmen des Sozialismus zu unterwerfen. Auch eine Form der Erziehung, aber erstrebenswert ist das bestimmt nicht.

Schlussendlich habe ich aber den Wink verstanden, es ist Deine Art mir zu sagen: Roger nimm Anteil an meinem Blog, schreib mal was! Sicher zur Belustigung des einen oder anderen aber hoffentlich auch ein bisschen denkanstössig.

Und ja, hast Du schon von Rasenmäher-Eltern gehört? Die sind nämlich nicht so die alte Fasnacht, wie die Helikopter-Eltern!

Beste Grüsse, Scheff

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